Archiv der Kategorie: Hauspost

Die Schriftstellerin Shirley Michaela Seul erzählt von der schönsten Sache der Welt.

Rehview

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Als Ghostwritern bin ich normalerweise für Menschen tätig. Und das war ich in gewisser Weise auch diesmal – doch eigentlich habe ich „Wildwechsel“  für ein Reh geschrieben und über ein Reh, eine sehr besondere Liebesgeschichte zwischen Susa Bobke und Schneewittchen, dem Rehkitz, das sie gerettet und ausgewildert hat. Mittlerweile ist es acht Jahre alt und zwölffache Mutter.

„Hallo, ich bin deine Ghostwritern“, sagte ich zu dem Reh. Es schaute mich ohne Neugier an. Es nahm mich einfach hin wie alles. Vor mir als Menschin wäre es weggelaufen. Aber ich kam ja mit Susa Bobke, seiner Adoptivmutter, und so zählte ich zu den Guten. Ich durfte das Reh streicheln und erzählte ihm von seinem Buch. Die Ohren, man nennt sie Lauscher, spielten. Was für eine wilde Situation. Ich erzähle einem Reh von seinem Buch. Und ich versprach ihm, seine Grenzen zu wahren. Doch kann ich das? Kenne ich als Mensch die Grenzen eines Rehs? Was ist ihm peinlich, ist ihm das peinlich? Sein eigenes Buch abzuschlecken? Oder ist es einfach die rehliche Art, Autogramme zu geben …

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Lyrik lindert Liebe

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Die meisten AutorInnen, die ich kenne, haben mit Gedichten begonnen. Kurzstrecke sozusagen. Mich haben Gedichte nie gereizt. Aber als ich mich mit Mitte zwanzig verliebte wie noch nie, dauerte mir Prosa zu lang. Ich entdeckte die Gedichtform für mich. Hämmerte leidenschaftlich auf die Tasten. Manchmal entstanden drei Gedichte an einem Tag. Nie so kreativ wie verliebt – wenn die ganze Welt leuchtet. Später dann Beziehungsprobleme. Auch sehr kreativ und empfehlenswert. Dann Trennung und einsam. Eine extrem fruchtbare Zeit für Lyrikerinnen. Und es geht so schnell, wenn man nur eine Dichterin, keine Denkerin ist. Eigentlich könnte Lyrik ein Produkt des Computerzeitalters sein. Weiterlesen

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Gabriele und ich

 Aus der Schreibmaschine geplaudert

Ich glaube, sie hieß Gabriele. Viele, die ich kannte,  hatten eine Gabi an ihrer Seite, beziehungsweise unter ihren Fingerkuppen. Das konnten schon Knuten sein, denn man musste regelrecht in die Tasten dreschen. Gabi nahm es mir nicht übel, das war sie gewohnt. Hell erklang das Glöckchen des Zeilenschalthebels. Kling, kling, kling. Weiterlesen

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Freitag der Dreizehnte

Hauspost CoverbildIch mag Frei Tage. Und die 13 auch. An einem Freitag, den 13.ten wurde ich 13 Jahre alt! Das verbindet. Aber man kann auch sehr viele Buchstaben bemühen für diesen schönen Tag, nämlich: Paraskavedekatriaphobie. So lautet der Fachausdruck für die krankhafte Angst vor Freitag, dem 13.ten. Wenn ich nun an dieser Angst litte. Wenn ich wegen dieser Angst unvorsichtig gewesen wäre und ohne nach rechts und links zu schauen über eine Straße gelaufen wäre. Wenn ich meinen 13. Geburtstag also nicht erlebt hätte, woran ein Freitag, der 13., Schuld gewesen wäre. Dann wüsste das auch keiner.

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Der Deutschlehrer-Komplex

Hauspost CoverbildSchriftsteller! Sind das Menschen? Nein, sie stehen weit über uns. Diesen Eindruck zumindest vermittelten mir sämtliche Deutschlehrer und –lehrerinnen meiner schulischen Laufbahn. Ein Eindruck, der nicht folgenlos für mich bleiben sollte. Bei jedem Text, den wir im Deutschunterricht durch unsere unbeholfenen Interpretationen zerstückelten, behaupteten die LehrerInnen, die AutorInnen hätten sich dabei dies und jenes gedacht.

Deshalb konnte ich auch keine Schriftstellerin sein. Ich war ein minder qualifizierter Depp, der sich selbst laut Gedichte vorlas und dabei Melodien hörte, die seine DeutschlehrerInnen mit ihren Kreideattentaten auf Schiefertafeln übertönten. Aber was ist lauter, weil leiser, als ein tief eingeatmetes Gedicht?

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