Archiv der Kategorie: aus eigenen Büchern

Älterwerden ist kein Grund zum Jaulen

Ich liebe dieses Buch!

Zumal es mir ja diktiert wurde – von meiner lieben vierbeinigen Muse ;-)

 

 

 

 

Durch dick und dünn, jung und alt

Was war das denn? Prüfend beugte ich mich über den Hund. Flohalarm? Nein, das Ding bewegte sich nicht. Es war weiß und länglich. Wurmalarm? Oder ein Fussel, Staub? Wo war meine Brille schon wieder. Und warum hatte ich dem Hund das noch nicht beigebracht: Such die Lesebrille! Ganz einfach: Weil ich sie dazu stets ordentlich im Etui verstauen müsste. Eingespeichelt nutzt auch die stärkste Lupe nichts.

Ich starrte auf den Hundekopf, kniff die Augen zusammen und zuckte dann zurück, als hätte ich eine Armee Flöhe erblickt. Aber was ich sah, war schlimmer. Es war … ein weißes Haar! An der Augenbraue. Meine Musterung war dem Hund sehr unangenehm, verlegen leckte er sich die Lippen. Er hatte doch nichts Schlimmes gemacht? Noch dazu sah er selbst diese weiße Sünde nicht. Er konnte überhaupt nichts dafür. Wie so oft. Das liegt daran, dass Zweibeiner komische Regeln aufstellen, die nicht in die Hundewelt passen: Leg dich nicht dorthin, wo es am bequemsten ist, also auf das Sofa, und erst recht nicht dahin, wo es am intensivsten nach Daheim riecht, nämlich ins Bett. Vernachlässige deine Bedürfnisse, belle nicht, wenn es klingelt, mach dich nicht im Haushalt nützlich als Staubsauger und Vorspüler an der Geschirrspülmaschine, unterziehe Eindringlingen keine Leibesvisitation, schon gar nicht zwischen den Beinen, und auf keinen Fall markiere die Grenzen deines Reviers an Gegenständen, die Wäscheständer oder Liegestuhl heißen. Ob das was damit zu tun hat, dass es zusammengesetzte Wörter sind? Zweibeiner sind gaga, das weiß jeder Hund. Aber sie haben auch viele gute Seiten, und die überwiegen für die Hunde, die dank ihrer unglaublich großen Anpassungsfähigkeit, Toleranz und Großherzigkeit gut damit klarkommen.

… Was man von mir nicht behaupten konnte, als ich die gefühlte Floh- und Lausarmee beäugte, die das schöne schwarze Labradorfell brandmarkte. War dies nur ein einziges, ein zufälliges, ein aus der Ordnung gefallenes Haar, eine Laune der Natur? Oder war es der Anfang vom Ende, der Anfang vom Alter? Das ja ohnehin schon als schwarze Wolke über mir schwebte. Und zwar in doppelter Hinsicht. Mein Hund und ich, wir sind laut Umrechnungstabelle ungefähr gleich alt. Allerdings überholt mich der Hund mit Riesenschritten, typisch Vierbeinantrieb. Bald wird er mich mehrfach überrundet haben und dann vorausgehen. Und mich zurücklassen. Wenn ich mir das vorstelle, wird mir das Herz schwer. Ich will das nicht denken, denn damit mache ich auch das Herz des Hundes schwer, der alles empfängt, was ich aussende. So wie meinesgleichen auch die Signale aufnimmt: Fühlt sich ein Gegenüber alt oder jung – und ihn je nachdem einordnet.

Ein Hund ist ein Herz auf vier Beinen, weiß ein irisches Sprichwort. Wenn ich übers Älterwerden jammere oder mich davor fürchte, kommen diese Emotionen beim Hund an, der alles spürt, und dann geht es ihm nicht gut, wenngleich er keine Ahnung hat, warum. Es genügt ihm, dass eine Laus über die Leber von Frauchen gelaufen ist. Darauf reagiert er. Viele HundehalterInnen glauben irrtümlicher Weise, Hunde hätten ein schlechtes Gewissen, wenn sie beispielsweise den Müll einer Kontrolle unterzogen und den Arbeitsschritt „Zurück in den Eimer“ vergaßen. Die Hunde reagieren nicht auf ihre scheinbare Missetat, sondern in Sekundenbruchteilen auf die in der Körperspannung und der Ausdünstung ihrer Vorgesetzten erkannten Gefühle, also Ärger, und deshalb ziehen sie den Schwanz ein, ducken sich, wirken verlegen. Sie sind nicht schuldbewusst, sondern mitfühlend. Als treue Gefährten nehmen sie auf, was Herrchen und Frauchen aussenden.

Laus über die Labradorin

Dem Hund ist das weiße Haar egal. Aber wenn ich ein Drama draus mache, dann ist er bedrückt, und das bedrückt mich. Dabei will ich unsere gemeinsame Zeit, die mit jedem Tag schrumpft, was schrecklich genug ist, doch bewusst genießen. Das Gleiche gilt für mich. Was bringt es mir, der geschwundenen Jugend nachzutrauern und damit die Gegenwart zu vermiesen. Jeder Moment kann schön sein, ich bin es, die darüber entscheidet. Verdirbt mir der Regen die Laune oder halte ich mein Gesicht in den Guss, weil es jetzt sowieso schon egal ist und denke abends noch an diese Augentropfenblicke. Glückliche gemeinsame Erlebnisse mit meinem Hund wünsche ich mir, das ist ja ohnehin das Einzige, was man der Endlichkeit entgegensetzen kann.

Wer am sich Ende seines Lebens an viele schöne Augenblicke erinnert, dem fällt der Abschied leichter. Aber wir brauchen bis zur zweiten Lebenshälfte, ehe wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können.

Warum nicht ein neues Hobby pflegen wie „Schöne Momente sammeln?“ Wenn es gelingt, viele Augenblicke in ihrer Einzigartigkeit zu erkennen … dann sieht die Zukunft, egal wie lang oder kurz sie sein mag, gar nicht mehr so dunkel aus oder rabenschwarz. Wie das Fell meiner Labradorin. Im Lauf unserer Freundschaft hat sie viele Namen bekommen und ist so freundlich, darauf zu reagieren. Hund gehört dazu wie Spätzelchen und andere Peinlichkeiten. Viele werden mit einem klein eingeleitet. Kleiner Spatz, kleine Maus. Sie nimmt es mir nicht übel, obwohl es wirklich albern ist, die Größe der Liebe in die Zuschreibung klein zu stopfen. Gelassen lässt die kleine Große diese Verniedlichungen an sich abtropfen. Gelassenheit ist eine ihrer herausragenden Tugenden, und diesbezüglich habe ich viel von ihr gelernt. Erst mit den Jahren ist mir klargeworden, wie hilfreich es ist, einiges aus dem Hunde- aufs Menschenleben zu übertragen – anstatt wie üblicherweise den Hund zu vermenschlichen. Heute habe ich den Eindruck, dass mein Hund auch mein Coach ist. Und der heißt Miss Lomax. Ihr Name ist keinem blauen Blut entsprungen, sondern einem Hörspiel aus den 1960er-Jahren, der Zeit meiner Geburt. Miss Lomax ist in die Pfotenabdrücke ihrer Vorgängerin Luna getreten und hat auch deren Hundeblog übernommen: www.flipper-privat.de. Der wiederum heißt so komisch, weil ich eine Hundekrimiserie geschrieben habe, in der ein Hund namens Flipper ermittelt. Was dem Hund alles egal ist, aber er hat gelernt, ruhig sitzenzubleiben, wenn ich das Ding auf ihn richte, das so ähnlich heißt wie er. Händi statt Hundi. Dass ich ihn damit für einen Blogeintrag fotografiere, weiß er nicht. Glaube ich. Und es ist auch nicht wichtig. Mein Hund beherrscht die Kunst zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht.

Mit dem vermeintlichen Flohalarm war ein Haar in die Suppe ewiger Jugend gefallen. Eben noch ein fröhlich spielender, vitaler Gefährte, war der Hund schlagartig zum Senior geworden, als Frauchen den Makel entdeckte. Der für den Hund wie gesagt keiner ist. Er hätte die Suppe einfach ausgeschlabbert und wäre weitergelaufen auf seinem Weg, während ich nun von meinem abwich. Ich holte das Haar im übertragenen Sinn mit einer Pinzette heraus, betrachtete es von allen Seiten mit der Lupe, legte es in eine Vitrine und machte mir Gedanken, die mein Herz schwer werden ließen. Und also auch das meines Hundes, der alle Spannkraft verlor und mich bedrückt beobachtete. Was war denn los mit Frauchen? Nun, Frauchen hatte Melancholie, nicht bloß Rücken, wie es sich für die Generation Gleitsichtbrille gehörte. Und tatsächlich wuchsen mir in diesem Moment bestimmt drei graue Haare. Vergänglichkeit tut weh. Aber sie gehört dazu. Leben geht nicht ohne. Im günstigsten Fall motiviert sie, noch ein paar Extra-Schöne-Momente zu sammeln. So wie jetzt gerade: Die Weide vor dem Fenster scheint mir zuzuwinken im wilden Wind. Da winke ich einfach mal zurück und … gehöre schwupps nicht mehr zur Generation Silver, sondern bin sechs oder sieben. Breite die Arme aus, hole Anlauf und … kann fliegen. Wie in einer russischen Babuschka Puppe sind alle Alter in uns verstaut oder versteckt. So viele Einladungen, sich lebendig zu fühlen, so viele Perspektiven, die wir kunterbunt wechseln können.

Leinenzwang ade

Das sogenannte subjektive Alter eines Menschen sagt mehr über die physische und psychische Gesundheit aus als das kalendarische Alter. Wer sich mit einem jüngeren Alter identifiziert, fühlt sich mit dem Leben generell zufriedener. Er oder sie hat eine insgesamt positive Haltung zum Leben. Offenbar beschützt die Selbsteinschätzung, jünger zu wirken, sich jünger zu fühlen, uns davor, uns mit einem negativen Bild vom Alter zu identifizieren. Die Weisheit des Alters ist uns abhandengekommen. Die Einstellung Älteren gegenüber ist in unserem Breiten oft geradezu abweisend geworden. So als wäre das eine eigene Rasse, mit der man nichts zu tun haben will. Alte sind lästig. Wie gut, dass es die Weisheit der Hunde weiterhin gibt! Einem Hund sind Truthahnhälse und Hamsterbacken egal. Also so lange sie im Käfig bleiben. Er käme bestimmt nicht auf die Idee, eine Diät zu machen, sich liften zu lassen, die Haare zu färben oder sich anderweitig gegen den Lauf der Natur zu stemmen. Der Hund vergleicht sich nicht und sucht nicht nach Mängeln. Er denkt keinesfalls darüber nach, weshalb er jetzt andere Sachen mag als früher, fragt sich nicht, ob das schlimm ist, wenn er heute mit einer Stunde Gassi zufrieden ist, wo es früher gern zwei sein durften. So wie ich mich gelegentlich frage und an meinen Aktivitäten abzulesen versuche, wo ich mich einordnen soll. Schon alt oder geht noch? Wer sitzt mir da im Nacken? Wirklich das Alter oder meine Vorstellung davon? Oder der Sozialzwang dazuzugehören. Der Druck, die Erwartungen anderer zu erfüllen, die vermutlich unter dem gleichen Druck leiden. Was denken die anderen von mir, wenn …

Da mache ich nicht mehr mit. Nicht, weil ich nicht mehr kann, sondern weil ich nicht mehr will. Das darf ich nämlich jetzt: Nicht mehr wollen. Ich könnte. Aber ich will nicht. Vielleicht will ich morgen wieder. Mal sehen. Ich bin über die magische Grenze in die Freiheit zu mir selbst gesprungen – und Miss Lomax hat mir den letzten Stups dazu gegeben. Ich bin älter. Zum Glück!

Ich muss nicht mehr mitmachen. Ich kann es auch sein lassen. Und jedesmal kann ich mich neu entscheiden. Heute ja, morgen nein. Ich höre auf meine innere Stimme. Und die flüstert mir, dass all diese anstrengenden Beweise von Fitness, Vitalität, Jugend und so weiter in die Schublade mit den gaga Zweibeiner-Sachen gehören. So wie dass man nicht bequem liegen und Gäste nicht anbellen soll und so weiter. Unter uns: Manche Gäste würde ich gelegentlich auch mal gern anbellen. Vielleicht gerade diejenigen, die mir Stress machen, weil ich tun soll, was sie meinen, das beweist, dass man jung ist, denn wenn ich es nicht tue, dann müssten sie vielleicht ihr eigenes Handeln in Frage stellen.

Bonustrack!

Innen drin fühle ich mich immer gleich, unabhängig von meinem Geburtsdatum. Ob da jetzt auf dem Etikett 30, 40, 50 oder 60 steht, macht erst mal keinen Unterschied.

Hey, was soll dieses Vergleichen und Abwägen? Bringt doch nichts. Frauchen ist sechzig. Was soll daran versteckt werden? Und Frauchen ist noch immer da. Was vor hundert Jahren sehr unwahrscheinlich gewesen wäre, da wäre Frauchen nämlich schon futsch gewesen und der Hund sowieso. Was hier läuft, ist der Bonustrack! Alles, was jetzt geschieht, ist, mit Blick auf ein Leben ohne Antibiotika und Co., gesponsert von Krankenkassen, Sozialversicherungsgesetzen … und ein bisschen Glück und Gene gehören auch dazu. Wie gesagt wäre ich vor hundert Jahren in meinem Alter gegebenenfalls schon gar nicht mehr da gewesen. Ende des 19. Jahrhunderts erlebte nur gut ein Drittel aller Frauen ihren 60. Geburtstag, heute sind es knapp 93 Prozent. Ich würde auch nicht übers Älterwerden sinniert haben, sondern wäre bereits alt gewesen und hätte für die aktuelle Meinung uralt ausgesehen. Für heutige Begriffe bin ich noch ziemlich geschmeidig, also wenn ich mich durch ältere Augen betrachte. Durch junge Augen gemustert, bin ich jenseits von. Von allem.

Dass immer mehr Menschen ein höheres Lebensalter erreichen, ist ein Luxus, eine junge historische Errungenschaft. Wir haben uns im Prozess der Zivilisation altersfreundliche Umweltbedingungen geschaffen, von denen Menschen in früheren Jahrhunderten nur träumen konnten. Nein, konnten sie nicht, weil es unvorstellbar für sie gewesen wäre. Auch domestizierte Säugetiere, Haus- und Zootiere werden deutlich älter als ihre in freier Wildbahn lebenden Artgenossen.

Ab fünfzig läuft die Garantie ab. Alles, was jetzt kommt, ist ein Geschenk. Wer es bis hierhin geschafft hat, DARF weitsichtig und grauhaarig sein, mit seinem Fleisch winken und die Tränen in Säckchen lagern. Das sind keine Makel, sondern Ehrenabzeichen, wie die Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen anno dazumal. Nicht jammern, sondern sich freuen!

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Das Glück hat vier Pfoten

Ich liebe es, über Hunde zu schreiben.

Und jetzt ist das dabei herausgekommen:

 

Wer ist hier eigentlich der Chef?

Eines Morgens erkannte ich, dass mehr in meinem Hund steckt als ich ahnte – und das war bereits eine Menge. Doch diesmal ging es nicht um Intelligenz und Fähigkeiten oder Treue und andere alt bekannte hundliche Eigenschaften. Geistesblitz! Sondern um seine Führungsqualitäten. Es kann gut sein, dass mein Hund jahrelang für diese Leitung gebuddelt hat, bis das Lämpchen in meinem Kopf endlich leuchtete. Menschen sind zuweilen ein wenig schwer von Begriff. Ich nehme an, dass ich kein Einzelfall bin.

Am Abend vor meiner Erkenntnis war ich mit einer ellenlangen Liste ins Bett gegangen, was ich am nächsten Tag alles erledigen sollte. Beim Aufstehen arbeitete ich weiter an der Liste, überlegte mir im Bad eine Reihenfolge, zwischendurch fiel mir der Hund ein, und ich fragte mich, wann ich Gassi gehen sollte. Spazierengehen, allein das Wort machte mich nervös. Es passte überhaupt nicht zu dem bevorstehenden Tag, den ich nur im Dauerlauf bewältigen würde. Am besten ich begann gleich beim Zähneputzen mit Aufwärmgymnastik … wie funktioniert diese Turnübung gleich noch mal, mit der man hundert Jahre alt wird?

Mein Hund ist Langschläfer. Er genießt jede Sekunde, die er morgens auf seinem Schaffell döst. Falls ich vor sechs Uhr aufstehe, kneift er die Augen besonders fest zu. Selbst wenn etwas zu Boden fällt, rührt er sich nicht. Ich habe gehört, dass andere Hunde, egal, zu welcher Uhrzeit ihre Rudelmitglieder begeistert begrüßen. Meiner hält sich an die Geschäftszeiten. An seine, wohlgemerkt. Doch es war bereits sieben, was mich noch nervöser machte, da ich schon eine Stunde VERLOREN hatte, weil ich länger geschlafen hatte, weil ich eine Weile nicht eingeschlafen war, weil ich dauernd an die Liste gedacht hatte, die ich nachts schon begonnen hatte abzuarbeiten, leider erfolglos. Hätte ich mich mal besser an die Geschäftszeiten gehalten!

Der Hund lag auf dem Schaffell unter dem Küchentisch, wie meistens am Morgen. Ich habe ein Bett, er drei. Zähle ich das Sofa mit, vier. Aber das nur am Rande. Der Hund hatte mich natürlich längst auf dem Radar. Aber nein, er war nicht aufgesprungen, als er meinen sich Richtung Wachwerden veränderten Atem aus dem Schlafzimmer hörte oder die Zahnbürste im Badezimmer. Er suchte auch nicht nach meinen verlorenen sechzig Minuten. Such, such, wo ist die Stunde, bring sie!

Er erhob sich erst jetzt. Langsam. Streckte sich behaglich, machte sich, die Pfoten weit nach vorne, lang, verließ gemächlich, fast möchte ich behaupten aufreizend langsam sein Bett, dehnte weiter, nun auch die Hinterbeine. Schüttelte sich. Sah ich da Traumfetzen aus seinem Fell spritzen oder war das mein blinkendes Coffein-Rotlicht? Schwanzwedelnd, aber nicht übertrieben eilig, kam der Hund zu mir. Sein Tag war nigelnagelneu. Von Stress keine Spur, woher auch. War doch alles prima und Liste kannte er nur ohne E. Wie ein frisch gegrabener Fuchsbau lag dieser Tag vor meinem Hund. Verlockend duftend, wunderbar. Was würde heute alles Tolles geschehen? Ein Höhepunkt stand unmittelbar bevor: der Napf. Mein Hund leckte sich übers Mal. Grunzte vorfreudig. Rieb seinen Kopf an meinem Bein, die Katzennummer. Meine Liste ging in die Knie und ich sowieso. Ich sagte all diese Sachen, die man vor Zeugen nicht wiederholen möchte. Jeder Hundefreund hat seine Geheimsprache.

Das war jetzt keine neue Erfahrung, dass der Hund mich beruhigt. Das ist auch wissenschaftlich erwiesen, der Blutdruck sinkt, der Herzschlag verlangsamt. Man braucht keine Tabletten, bloß Hund streicheln. Wir schmusten ein bisschen, dann fiel mir meine Liste ein, und ich stand auf, die Kaffeemaschine anzuschalten. Für den Tag, der vor mir lag, benötigte ich besonders viel Schwung, ich dosierte das Pulver großzügig. Das war sozusagen mein Napf: die Tasse Kaffee am Morgen.

Der Hund streckte sich noch mal. Aus seiner Yogastellung heraus schaute er mich an. Offen, freundlich, aufmerksam. Warme braune Augen, tiefer Blick. Du Hund, ich Mensch. Wieso sollte ich mich beeilen? Was konnte ich verpassen außer diesem Augenblick? Was würde eines Tages im Album meines Lebens zählen? Wie schnell ich das Haus an diesem Morgen verlassen habe oder die innige Begegnung mit meinem lieben Hund? Was war mir wichtig, und wenn ich es wusste, warum machte ich es nicht einfach? Ich ließ mich zu Boden gleiten, nahm den Vierfüßlerstand ein und ahmte nach, was mein Hund vorgeturnt hatte. Ich dehnte und reckte und streckte mich. Der Hund beobachtete meine Verrenkungen, ich würde behaupten wohlwollend. Meine Liste rutschte in kleinen Fetzen von meinem Leib …

 

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Lieber spät als nie

Natürlich liebe ich alle meine Kinder gleich. Aber bei diesem ist das Herzblut noch ein bisschen dicker!

 

 

Die Ehemannzipation

„Diana, ich ess’ jetzt ein Käsbrot“, sagt mein Vater, und meine Mutter bereitet es ihm mundgerecht zu.

„Diana, ich trink jetzt einen Kaffee“, sagt mein Vater, und mein Mutter setzt Wasser auf. Vor vielen Jahren schob ich mir im Beisein meines Vaters einmal ein Bonbon in den Mund. „Für mich auch“, bat er. Ich reichte ihm eines, er legte es auf die Zunge und rief empört: „Da ist ja noch Papier dran!“

Ich bin eine von sehr vielen, gehöre zu einem geburtenstarken Jahrgang. In meiner Kindheit saß der Mann am Steuer. Papa bestimmte die Route des Familienschiffs und hatte das Ruder in der Hand, Mama ordnete sich unter beziehungsweise schob Papas Ruder mit Charme und Diplomatie in die von ihr gewünschte Richtung. Weiterlesen

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Liebe mit Wellengang

In diesem Buch habe ich einige meiner Erfahrungen als Ghostwritern zu einem Sommerroman am See verarbeitet. Meine Heldin ist Ghostwritern, sie hat einen Hund namens Motte – und der schnappt sich eine appetitliche Beute, der auch Sinah nicht widerstehen kann …

 

 

 

Wie sich die beiden kennenlernen:

Wir kamen zu einer Art Lichtung, dort lagen kunterbunt Segel und Bretter, Masten und Rucksäcke, Klamotten und Decken, Schuhe und Handtücher von den Surfern und Kitern. Mindestens zwei Dutzend Männer – ich sah ausschließlich Männer, viele jünger als ich, aber auch ein paar ältere – waren damit beschäftigt, sich aus Neoprenanzügen zu schälen, umzuziehen, Segel durch die Gegend zu tragen und zusammenzurollen. Ein Segel knatterte laut. Motte machte einen Satz und weg war sie. Sie verschwand irgendwo im Unterholz – und dann tauchte sie wieder auf – mit fetter Beute im Maul. Sie schleppte einen ausgewachsenen Mann hinter sich her. Ich traute meinen Augen nicht. Mein Hund, die Bestie? Der Mann, den sie im Maul hielt, war ungefähr dreimal so groß wie Motte, doch sie schleppte ihn unverdrossen zum Ufer. Motte hatte bereits beide Beine amputiert. „Aus, Motte!“, rief ich. Keine Reaktion. „Aus!“, brüllte ich. Keine Frage, das war die Pubertät. Und gleich mitten rein ins Vergnügen. Wir erregten Aufmerksamkeit. Grinsend beobachteten einige der Surfer den Hund. Da hatte Motte ein Einsehen und legte mir brav die Leiche vor meine Füße. Ich bückte mich, um einen eventuellen Schaden zu begutachten, da schnappte sich Motte den Neoprenanzug und düste erneut davon. Neben mir ertönte ein Schrei. Motte rannte mit dem Anzug ins Wasser und hinter Motte her spurtete ein – das war mein erster Gedanke – Unterhosenwerbungskörper. Mindestens 1,85, wenn nicht größer, muskulöse, goldbraune Beine, sehr schmale Hüften, knackiger Po, v-förmiger Oberkörper, der in breiten Schultern mit formvollendet schönen Kugeln mündete, eine Armmuskulatur zum In-die-Knie-Sinken, schulterlange blonde Haare mit Dreadlocks. Und dann drehte er sich um. Blau. Zwei blaue Sterne oder Sonnen oder Diamanten oder Lichter. Alles blau, viel zu blau, weiche Knie, Blaulicht. Hilfe. Weiterlesen

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Musikantenknochen

Der vierte Teil meiner Kriminalroman-Serie mit Franza und Flipper

Es gibt wunderschöne Folterinstrumente. Was ja schon im Wort steckt. Das Instrument bringt den Körper zum Klingen. Man kann Erstaunliches mit ihnen erschaffen. Nicht nur handwerklich, auch künstlerisch.

Folter ist ein ästhetisches Balancieren auf dem Rückgrat, wie es alle wirklich großen Kunstwerke vollbringen. Gerade die kleinen Fingerknöchelchen sind sehr empfindlich, und der Schaden, der dort angerichtet werden kann, ist beeindruckend. Was einmal zu Mehl zerrieben, wächst nicht mehr nach.

 

„Den kannst du nicht nicht kennen“, behauptete Rechtsanwalt Anton Dürr, bevor er mir den Namen des Menschen nannte, für den ich sterben sollte. Mein erster Auftrag als Bodyguard. Anton zog es vor, mich als Safetygirl zu bezeichnen. Ich fand das klang wie Callgirl. Und war ich dazu nicht zu alt mit meinen reifen 33? Eine gewisse Verwandtschaft ließ sich nicht leugnen: Beide Tätigkeiten fordern starken körperlichen Einsatz.

Ich hielt den Job als Bodyguard für eine Farce, eine verdeckte Aktion, um mir finanziell ein bisschen unter die Arme zu greifen. Wie die meisten Menschen, die mich und meinen Hund kennen, mag er meinen Hund lieber. Was mir nichts ausmacht. Ich mag meinen Hund oft auch lieber als mich.

Anton wies aus dem Fenster, wir saßen mit Blick zum Lenbachplatz.  „Das ist er“, sagte er.

„Der?“ Mir stockte der Atem. „Der ist das?“ Flipper warf mir einen aufmerksamen Blick zu. Er spürt es sofort, wenn ich aus der Balance gerate. „Aber das ist doch ein Weltstar! Spinnst du! Wie soll ich den beschützen?“

„Du begleitest ihn während der fünf Tage, die er wegen seiner drei Konzerte in der Olympiahalle in München verbringt”, erwiderte Anton ruhig. „Keine Gefahrensituationen, das habe ich vereinbart. Du nimmst nur die Termine im intimen Kreis wahr – bis 200 Personen …“ Er rammte seine Kuchengabel in den Mürbeteig. „Sei immer schön diskret. Es soll nicht sichtbar werden, dass du als Personenschützerin agierst.“

„Aber ich …“

„Du hast morgen um dreizehn Uhr einen Termin bei seinem Manager im Hotel Bayrischer Hof“, stellte Anton mich vor vollendete Tatsachen. In diesem Moment begriff ich es in seiner ganzen Tragweite. Ich würde den Zar kennenlernen! Einen Weltstar!  Die drei Konzerte in der Olympiahalle waren binnen Stunden ausverkauft gewesen, der Zar hätte zehn oder mehr geben können. Er war eines der Hauptthemen in den Damenumkleidekabinen der Fitnessstudios, in denen ich unterrichtete. Extrem gutaussehend, extrem geheimnisvoll, extrem erotisch. Ein Gesicht wie gemeißelt, männlich und edel, makellos auch der Körper, geschmeidig und muskulös. Sein dichtes langes schwarzes Haar trug er auf der Bühne offen. Auf seinem aktuellen Konzertplakat sprang er als Wildpferd über einen weißen Flügel. Bis zur Brust der Zar, darunter ein schwarzer Hengst.

… Ob Franza die Richtige für den Job ist? Immerhin: Flipper ist auch schwarz.

 

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Das Leben ist keine To-do-Liste

Bildschirmfoto 2015-05-12 um 18.27.17Diesmal habe ich keine Mörder gejagt, sondern Häkchen!

Du musst funktionieren – so lautet die Maxime einer Welt, in der Tempo und Effizienz zählen, Selbstoptimierung und die Bereitschaft, immer sein Bestes zu geben. Nicht nur im Job, mittlerweile auch in der Freizeit. Je mehr Punkte wir abhaken, desto besserDoch was, wenn wir damit gleichzeitig unser Leben abhaken … Mit meinem Buch möchte ich dazu anstiften, sich dem täglichen Wahnsinn zu verweigern! Und das zu tun, was dir wichtig ist. Schließlich haben wir nur ein Leben …

 

Hier geht’s zum Buch und nachfolgend gibt’s einen kurzen Textauszug:

Häkchensex?

Wenn man glaubt, dass man wiedergeboren wird oder ins Paradies kommt, kann man seine irdische Existenz relativ gelassen betrachten. Sollte es nicht optimal laufen, wetzt man diese Scharte bei der nächsten Reinkarnation aus, und im Paradies spielt das dann sicher keine Rolle mehr. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass dieses Leben die einzige Chance ist, dass es nur dieses eine Leben gibt, dann muss dieses eine Leben ausgequetscht werden bis zum letzten Tropfen. Mitnehmen, was geht. Abenteuer, Anerkennung, Besitz, Erfolg, Erkenntnis, Freude, Geld, Lachen, Liebe, Luxus, Menschen, Prestige, Ruhm – je nachdem, was einem erstrebenswert erscheint. Gerade auch in der Freizeit. Sollte man sich früher in der Freizeit vor allem von der Arbeit erholen, fängt bei vielen Leuten heute der Stress in der Freizeit erst richtig an. Was da in ein Wochenende gepackt wird, verspricht eigentlich nur eins: Raserei. Aber, das soll nicht verschwiegen werden, es fallen auch viele Häkchen dabei ab. Ich habe in vier Läden eingekauft, den Wagen gewaschen, das Beet geharkt, war schnell zum Kaffee bei Muttern, habe Geburtstagsgeschenke gekauft, ein paar „Gefällt mir“ bei Facebook verteilt und die Fotos von letzter Woche archiviert und gepostet, habe die Schuhe zurückgeschickt, mit dem Chor geprobt, einen Kuchen gebacken sowie ein neues Rezept ausprobiert, war im Sport plus Sauna, bei einem Konzert und habe mit zwei Freundinnen telefoniert und und … ach ja. Sex gehabt. Häkchensex sozusagen. Einmal in der Woche sollte es schon sein, sonst fällt man als Paar unter den Durchschnitt von 1,3 Mal pro Woche, und das darf nicht passieren. Weiterlesen

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Viel Wind um Frizz

Cover von Viel Wind um Frizz

Mit diesem Buch bin ich sogar in die GALA gekommen. Ohne jung und reich und Model zu sein. Zwei Seiten Vorabdruck im Juli 2015. Galaauftritt sozusagen!

Nachfolgend der rote Teppich – Textauszug aus Viel Wind um Frizz

 

 

Schöne Menschen sind erholsam für die Augen, wenn man täglich stundenlang auf einen Computerbildschirm starrt. Meine neue Kundin war reinste Linsenwellness. Blonde Mähne mit fruchtig-prallem Dekolleté und himmelblauem Kleid. „Kommen Sie zu mir an den Starnberger See“, hatte sie mich am Telefon eingeladen. Clarissa Lichtensteins Stimme klang hell und jung – sie war wohl Ende 20, Anfang 30. Sie wohnt in einer Villa, die in einem parkähnlichen Garten prunkte. Als ich die roten Fensterläden entdeckte, wusste ich, dass ich den Auftrag als Ghostwriterin annehmen würde. Weiterlesen

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Alle Vögel fliegen hoch

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Dies ist der Auftakt zur Flipper-Trilogie.  Denn irgendwann einmal dachte ich, dass ich als Hundebesitzerin gefährlich lebe. Ich könnte nicht nur versehentlich im Dickicht erschossen werden, ich könnte auch mal auf eine Leiche stoßen. Und schon fielen mir die ersten Sätze ein.

Nachfolgend der Anfang von Alle Vögel fliegen hoch

Die Leiche traf mich nicht unvorbereitet. Ich hatte mit ihr gerechnet. Schon seit Jahren, genauer gesagt seit drei Jahren. Wer einen Hund hält, muss mit einer Leiche rechnen. So steht es häufig in der Zeitung, Stichworte: Hundebesitzer, Wald, Spaziergang, Leichenfund. Ich hätte also eigentlich nicht überrascht sein dürfen. Ich hätte mir mehr Souveränität von mir gewünscht. Aha, jetzt bin ich also dran. Weiterlesen

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Sonst kommt dich der Jäger holen

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Zum zweiten Fall für Flipper hat mich ein Ghostwriting inspiriert, das mich in die Welt der Russenmafia geführt hat. Ich habe also sozusagen beim Ghostwriting für meinen eigenen Kriminalroman recherchiert. Höchst angenehm!

Nachfolgend ein Textauszug mit aus Sonst kommt dich der Jäger holen

Flippers Schnauze steckte in einem Maulwurfhügel. Seine Pfoten wirbelten wie Trommelstöcke. Er machte einen Buckel, sprang mit allen Vieren hoch, peste auf mich zu mit seinem muskulösen lang gestreckten Körper, ein Galopper auf der Zielgeraden. Doch dann … was war das? Flipper ging durch! Mit langen Sätzen raste er am Waldrand entlang. Und war verschwunden. Weiterlesen

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Verbiss

 

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Den dritten Fall lösen Flipper, Franza und Kriminalhauptkommissar Felix Tixel ohne Hund auf dem Cover. Aber der verbeißt sich natürlich in die eine oder andere Fährte. 

 

Nachfolgend der Anfang von Verbiss

Clemens von Lübtow erwachte aus einem erotischen Traum, eine Minute, bevor der Wecker geklingelt hätte. Träge schaltete er ihn aus. Langsam ließ er seine Blicke durch das große Schlafzimmer wandern, zur Glasfront und dem Balkon seines Landhauses am Ammersee. Entgegen seiner Gewohnheit sprang er nicht sofort aus dem Bett, sondern schaute eine Weile nach draußen. Zwei Enten flogen mit langgestreckten Hälsen über das Wasser. Bald waren sie fällig. Clemens von Lübtow freute sich auf die Wasservogeljagd. Weiterlesen

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