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Ready for Reset

Es war sehr spannend, mit einem zweifachen Vize-Europameister im Karate zu arbeiten – und ich bin nicht k.o gegangen, sondern habe viel Interessantes erfahren über mentale Fitness als Basis körperlicher Leistungskraft, Gesundheit und Lebensfreude.

 

 

Wie geht es Ihnen?

… Vermutlich suchen Sie gerade nach Antworten, Lösungen. Am einfachsten wäre es, aus diesem Buch würde ein Wunder fallen, eine Art Geheimcode. Den würden Sie sich auf die Stirn oder ins Herz tippen und alles wäre perfekt und dann: weiter so.

Mit dieser kuriosen Idee kommen manche meiner Klienten zu mir. Angenommen es wäre so. Angenommen es gäbe diesen Code. Was dann? Weiter so wie immer und immer weiter? Ist das wirklich das ganze große schöne wilde bunte pralle Leben? Weiter so wie gehabt?

Auf den folgenden Seiten stelle ich Ihnen einen anderen Weg vor. Ich glaube, dass Sie reif für diesen Plan sind. Irgendwie ist dieses Buch zu Ihnen gekommen, so wie es auch zu mir gekommen ist. Ich habe viele Jahre, Jahrzehnte darauf zu gelebt. Es hat gedauert, bis sich die Essenz herausdestilliert hatte, und ich bin zahlreiche Umwege gegangen, für die ich heute dankbar bin.  „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, notierte der Philosoph Sören Kierkegaard. Die Fährten, die wir morgen und übermorgen lesen, legen wir heute. Wohin werden sie uns führen?

Vielleicht ist dies der Augenblick, in dem Sie eine andere Richtung einschlagen. Weil Sie spüren, dass es jetzt höchste Zeit ist. Weil Sie genug haben von all dem Bekannten. Weil Sie nicht mehr so weitermachen können oder wollen wie bisher. Weil Sie Lust auf etwas Neues haben. Es muss ja nicht sein, dass Sie sich so fühlen, wie eine Klientin es neulich beschrieb:

„Ich komme mir vor wie eine Zitrone. Total ausgequetscht, ausgelaugt, empty. Ich habe keinen Saft mehr.“ Dann erzählte sie mir, woran das lag: Extrem stressiger Job, hohe Verantwortung, alleinerziehend.

„Wie kann ich dich unterstützen?“, fragte ich. Denn ich konnte ihr ja weder im Job noch mit ihren Kindern helfen.

„Ich brauche vermutlich ein besseres Zeitmanagement“, antwortete sie.

Das glauben viele meiner Klienten. Auch diejenigen, die etwas für ihre Gesundheit tun wollen oder müssen. Immer ist die Zeit schuld, die man nicht hat. Als würde einem die irgendwer wegnehmen. Wer das wohl ist?

Vor meiner Klientin und mir stand ein kleiner Tisch, darauf eine Karaffe Wasser und zwei Gläser. Ich nahm die Karaffe und begann, ein Glas zu füllen. Leicht irritiert beobachtete mich meine Klientin. Goss ich für sie ein? Ich hatte sie nicht gefragt, ob sie trinken wollte. Oder füllte ich ein Glas für mich? Ich goss weiter. Gleich würde das Wasser überlaufen.

„Stopp!“, sagte sie laut

Ich schüttete weiter.

Jetzt riss sie die Augen auf. War ich übergeschnappt?

„Das Glas ist doch schon längst voll!“, rief sie.

„Genau“, sagte ich.

„Aber …“, begann sie. Mit Aber beginnen viele Sätze meiner Klienten, zumindest anfangs. Später wird das Aber seltener. Wenn man merkt, dass Veränderung möglich ist, braucht man diese Bestätigung, in der Komfortzone bleiben zu dürfen, nicht mehr so oft. Meine Klientin war eine kluge Frau. Sie hatte es sehr schnell verstanden. „Oooookaaaayyyy“, sagte sie langgedehnt. „Du meinst also, dass mein Glas schon längst viel zu voll ist. Dass da gar nichts mehr reinpasst.“

Ich nickte.

Da machte sie etwas, womit sie mich überraschte. Sie nahm das Glas, das in einer Lache auf dem Tisch stand und schüttete den Inhalt in die Palme hinter sich. Dann lachte sie. Auf einmal sah sie ganz anders aus. Ihre zuvor angestrengten Züge glätteten sich. Ihr Körper entspannte sich. Befreit wirkte sie. ich lachte mit und dachte, wie gut, dass die Palme hinter ihr steht. Aber es wäre auch Oooookaaaayyyy für mich gewesen, wenn sie das Wasser auf den Boden gekippt hätte. Kann man wegwischen.

„Jetzt ist wieder Platz“, sagte meine Klientin. „Jetzt können wir anfangen.“

 

Vom Wissen ins Tun

Ready for Reset ist eine Abkürzung, für die ich die wirkungsvollsten Methoden basierend auf westlichem und östlichem Wissen zusammengefasst habe. Dennoch ist es kein Quick-fix. Veränderung braucht Zeit. Aber nicht unbedingt Jahre und nicht zwingend, indem man zuerst große Krisen durchleidet, um etwas wirklich zu verändern. Alles ist ja schon da. Wie bei einem Schokoladenkuchen, den wir backen wollen. Wir haben die Zutaten eingekauft, wir kommen auf die Welt mit allen Möglichkeiten. Doch wir brauchen Techniken, um die Herausforderung Leben als Schokoladenkuchen aufgehen zu lassen. Es nutzt nichts, wenn man alle Zutaten parat hat. Mehl und Eier und Schokolade und Milch. Man muss wissen, wie viel wovon in welcher Reihenfolge hinzuzugeben ist, bei welcher Temperatur der Teig gedeihen soll, damit der Kuchen gelingt und nicht im Herd explodiert, zusammenfällt oder über die Form quillt.

Vielen meiner Klienten wäre eine Veränderungspille am liebsten. Einmal schlucken, und alles ist anders. Gerade Führungskräfte haben wenig Zeit – und randvolle Gläser. Früher haben sie ihre Terminkalender gezückt und ein freies Plätzchen für unser nächstes Date gesucht. Und keines gefunden. Heute wischen sie auf ihren Smartphones herum. „Am besten, Sie schreiben jeden Morgen eine Stunde Ihren eigenen Namen hinein“, sage ich manchmal. Das finden sie zuerst nicht lustig. Nicht wenige tun das aber nach einer Weile freiwillig. Und gern. Weil sie gemerkt haben, wie viel sich verändert, wenn man sich selbst so wichtig nimmt wie all das andere Zeug außen herum. Und wenn man den Füllstand seines Glases im Blick behält.

Wir können nichts verlieren, nur gewinnen: uns selbst! Im Glas des Lebens ist dann immer genug Platz für all die schönen Dinge, die geschehen können. Für Informationen, die einen wirklich interessieren. Für Begegnungen mit Menschen, die einen inspirieren oder einfach nur das Herz wärmen. Wenn das Wasser im Glas sanft schwappt wie ein See, dann ist unser Leben in Fluss.

In meinen Anfangsjahren als Coach glaubte ich, dass es vor allem auf ein perfektes Zeitmanagement ankäme. Dann wären, wenn auch nicht alle, so doch viele Probleme gelöst. Also strukturierte ich die Tage meiner Klienten neu und unterbreitete ihnen Vorschläge für ihre Work-Life-Balance. Manchmal war ich frustriert, weil so gut wie keine meiner tollen Ideen sich langfristig durchsetzte. Sie verloren gegen eingefahrene Gewohnheiten, gegen die Komfortzone, den inneren Schweinehund. Es kam mir so vor als würden sich manche meiner Klienten selbst sabotieren. Sie wussten, dass sie etwas verändern mussten, sie buchten einen Coach und beruhigten damit ihr Gewissen oder kauften sich sozusagen einen Freifahrtschein, damit alles so bleiben konnte wie zuvor.

… Kann es ja auch. Wenn es gut läuft. Aber wenn nicht oder wenn ein ungesunder Lebensstil die Gesundheit gefährdet, dann … ist es Zeit für einen Reset! Und der hat nichts mit dem Alter zu tun! Den Reset brauchen erschreckenderweise auch immer mehr junge Menschen.

Als Dozent an der Hochschule in Sankt Gallen arbeite ich viel mit jungen Menschen und bin regelrecht erschüttert, wie erschöpft viele von ihnen sind. Menschen, die dauerhaft Stress ausgesetzt sind, haben nicht mehr alle ihre Ressourcen zur Verfügung. Und so finden sie keine Lösungen für ihre Nöte:

Ich hetze von morgens bis abends durch den Tag.

Ich spüre oft großen Druck.

Bin irgendwie total orientierungslos.

Zu viel Arbeit auf dem Tisch.

Mein Privatleben existiert nicht mehr

Ich weiß gar nicht mehr, was wirklich wichtig ist, was ich eigentlich will.

Bin schnell überfordert, gereizt und ungeduldig.

Mir ist alles zu viel.

Die Zukunft macht mir Angst.

Mein Pflichtbewusstsein versaut mir das Leben.

Ich kann nicht Nein sagen.

Habe große Schwierigkeiten, Entscheidungen zu fällen.

Ich funktioniere nur noch, meine Kreativität ist auf der Strecke geblieben.

Das Leben hat Farbe verloren, ist grau geworden.

Wenn wir uns ständig mit unseren Ängsten und Sorgen befassen, wenn wir fragen: Warum kann ich dies und jenes nicht … dann schrauben wir uns immer tiefer hinein. Das ist unglaublich anstrengend und zermürbend! Doch wenn man gewohnt ist, es so zu machen, dann macht man es eben so. Man gräbt im Problem nach einer Lösung, manchmal jahrelang. Da muss sie doch irgendwo sein. Nein, da ist die Lösung genau nicht. Das wusste auch Albert Einstein, der eine neue Dimension entdeckt hat: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Fatal ist es, wenn wir selbst gar nicht merken, dass wir in der Problemschleife hängen. Nicht selten höre ich von Klienten „Sorgen habe ich eigentlich keine“. Wenn wir dann aber die Software im Hintergrund checken, kommt doch so einiges zu Tage. Vieles ist uns eben nicht bewusst.

Und das soll sich ändern!

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Geschundene Gefährten


Schon das erste Buch mit Professor Achim Gruber “Das Kuscheltiedrama”, wochenlang auf der Bestsellerliste, hat bei vielen Menschen zu einem Umdenken geführt und auch zu einer Änderung des Tierschutzgesetzes geführt. Es ist mir eine große Ehre und Freude, auch beim zweiten Buch mitgewirkt zu haben – damit falsch gelebte Tierliebe nicht noch mehr Tierleid verursacht.

 

Betrachtungen am Obduktionstisch

Wie eine aufgeklappte Muschel liegt der gestern verstorbene Blacky vor mir. Sein Mensch hat ihn zu uns gebracht, um die Todesursache zu erfahren. Blacky war doch erst fünf Jahre alt. Dieser frühe Tod verunsicherte die Patientenbesitzerin. „Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte sie mich mit kummervoller Stimme am Telefon. Ja, das haben Sie wohl, dachte ich, noch bevor ich das Skalpell an Blackys Brustbein ansetzte, um ihn zu eröffnen und dem Geheimnis seines Todes auf die Spur zu kommen. Ich hatte bereits eine Vermutung und war mir schon bald ziemlich sicher, woran Blacky, Angehöriger einer Modehund-Rasse, gestorben war.

Todesursachen hinterlassen Spuren. Wir Pathologen, das kennen Sie vermutlich aus Krimis, sind Spurensucher, und oft finden wir eine Fährte, die zum Täter führt. Auch bei Tieren habe ich schon manche Fährte gefunden – zum Beispiel, wenn ein Hund oder eine Katze Opfer eines Giftanschlags oder einer Virusinfektion wurde. Da bringt ein Patientenbesitzer seinen Liebling morgens zu uns, einen schlimmen Verdacht im Gepäck. War es der Nachbar, der sich schon mal über ein nächtliches Bellen beschwert hat? Oder steckt eine neue Seuche dahinter? Jede Obduktion ist für mich eine Botschaft. Natürlich kann ich dem Tier nicht mehr helfen. Doch die Pathologie ist eine Wissenschaft für die Lebenden. Wenn wir wissen, woran Menschen und Tiere gestorben sind, können wir den Lebenden besser helfen und künftige Erkrankungen und Leid verhindern. Wir Pathologen wollen, dass Schicksale sich nicht wiederholen.

Blacky gehört zu den vielen krank und zu Tode gezüchteten armen Geschöpfen. Nach der Obduktion trete ich im hellen Neonlicht einen Schritt vom Edelstahltisch zurück, streife die blauen, bis zu den Ellenbogen reichenden Handschuhe ab und fühle mich nicht gut. Ich habe Wut im Bauch. Die medizinische Diagnose ist klar, es gibt aber noch andere Gründe für das plötzliche Sterben dieses Vierbeiners, denn im Kern sind solche Todesurteile eine Kombination aus ahnungsloser Tierliebe, mangelnder Sensibilität und egoistischem Lifestyle.

„Es war die Folge einer Erbkrankheit, also eines Gendefekts“, teile ich der Besitzerin noch am selben Tag mit. „Leider typisch für diese Rasse“, füge ich hinzu. Und denke mir manchmal: Und einen Täter gibt es trotzdem. Uns Menschen nämlich, aber viele von uns wissen das gar nicht. Denn es ist nicht zu leugnen, dass genetisch bedingte Todesursachen, Krankheiten und viele andere durch Zucht entstandene Probleme nicht wenige unserer Hunde, teils auch ganze Rassen, extrem belasten. Manche Rassen stehen bereits jetzt auf der roten Liste und gelten als vom Aussterben bedroht, wenn wir so weitermachen. Auch einige Katzen und andere Haustiere sind betroffen. Denn immer mehr unserer lieben Gefährten sind leider nicht mehr gesund genug für das Leben. Konkret: Wir züchten nicht wenige von ihnen krank und kränker – als gäbe es kein Morgen. Ich weiß, das klingt geradezu paradox in einer Zeit, in der die Medizin immer größere Wunder vollbringt. Aber gegen manche körperliche Belastungen unserer vierbeinigen Schützlinge ist auch die moderne Tiermedizin noch immer machtlos. Und nicht alles, was machbar ist, ist eben auch gut.

Wie sollte ich die Frage von Blackys Frauchen nach ihrer Schuld beantworten? Sollte ich ehrlich zu ihr sein, jetzt, in der Phase ihrer tiefsten Trauer? Genau genommen hatte sie nicht nur einen, sondern drei Fehler gemacht. Sie hatte sich, ohne sich vorher zu informieren, das Tier einer defekt gezüchteten Rasse zugelegt, und damit ein Problem. Zweitens hatte sie mit dem Kauf diese Form der Defektzucht auch für nächste Generationen weiter unterstützt. Und drittens hatte sie nicht gewusst, wie mit dem Zuchtdefekt richtig umzugehen war, welche besonderen Vorsorgen und Rücksichten bei dieser bekannten Krankheitsneigung erforderlich sind. Gleichzeitig dachte ich: Nein, der Patientenbesitzerin allein ist kein Vorwurf zu machen. Aber wenn sich niemand mehr einen krank gezüchteten Hund zulegt, wird es keinen Markt mehr für krank gezüchtete Hunde geben – sie werden nicht mehr „produziert“. Ich würde ihr das alles behutsam erklären, aber erst in ein paar Tagen.

Als Tierarzt und Pathologe bin ich tagtäglich mit diesem Leid konfrontiert und sehr beunruhigt über grundlegende und weitreichende Fehlentwicklungen in der Haustierzucht. Seit einiger Zeit stehen die armen Möpse öffentlich am Pranger, weil viele von ihnen nur röchelnd, schnorchelnd und schnarchend durch ihr leidvolles Hundeleben kommen und manchmal auch an Atemnot oder am Hitzschlag versterben. Mir scheint, sie lösen bei vielen Betrachtern Mitleid und Schutzreflexe aus, eine Mischung aus Sympathie und Empathie für ein Geschöpf, mit dem es das Leben einfach nicht gut gemeint hat. Kritik, so die allgemeine Auffassung, steht uns jedoch nicht zu. Denn knuffig finden wir sie doch und gehen weiter. Diese armen Tiere symbolisieren mittlerweile unsere komplexe emotionale Verstrickung aus Mitgefühl, Scham, Wegsehen und Kleinreden. Man will vielleicht keinem Hundehalter, der seinen Mops ja liebhat, zu nahetreten, und so verbieten sich Fragen nach den Ursachen des Elends, Fragen nach Schuld und Auswegen. Doch nicht nur Fragen wären gerechtfertigt, auch Empörung wäre hier am rechten Platz. Doch wir sind vielmehr empfänglich für die Argumente der „Experten“, die uns viele Qualen, die Tiere erleiden, als „von Natur aus“ gegeben, „rassetypisch normal“ und „tausendjähriges Kulturgut“ verkaufen. Dabei merken wir gar nicht, oder wollen es nicht wahrhaben, wie falsch, absurd und zynisch das alles ist. Denn diese Möpse sind erst in den letzten Jahrzehnten von Menschenhand genauso und mit voller Absicht geschaffen worden. Und es ist noch viel, viel schlimmer, weil die furchtbaren anatomischen Verirrungen unserer Möpse nur die ganz kleine Spitze eines riesengroßen Eisberges bilden.

Der Kauf vieler Rassehunde kann zum russischen Roulette werden. Weit mehr als fünfhundert genetisch bedingte, größtenteils bei der Zucht oder Domestikation entstandene Krankheiten, Leiden und Sinnesstörungen kennen wir mittlerweile bei Hunden. Die Zahl steigt stetig, und die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher. Viele sind uns vom Menschen her geläufig, etwa Epilepsien, Immunschwächen, Allergien, Blutgerinnungsstörungen, frühe Demenz und diverse schmerzhafte orthopädische Erkrankungen. Nicht wenige nehmen einen tödlichen Ausgang, etwa durch einen ungewöhnlich frühen, genetisch vorprogrammierten Krebs oder durch Herzschwäche. Was viele überraschen wird: Ein großer Teil dieser gesundheitlichen Risiken und Einschränkungen trat erst bei der Zucht nach Gründung der jeweiligen Rasse auf, oft erst in den letzten Jahrzehnten. Die meisten Probleme sind Nebenwirkungen derselben Entwicklung, der wir Rassevielfalt, Hundeschönheit und viele andere Vorzüge verdanken, die wir an unseren Lieblingen so schätzen. Nicht wenige Rassen sind dabei immer kränker geworden, und kaum eine ist nicht betroffen. In zahlreichen Fällen finden sich die Defekte in einem erstaunlich hohen Anteil der Tiere innerhalb einer Rasse. Bisherige züchterische Bemühungen zur Reduktion der Probleme blieben oft hinter den Erwartungen zurück. In der Summe tragen unsere heutigen Rassehunde weitaus mehr Genschäden und Funktionsdefizite als alle anderen von uns gezüchteten Haustiere und – natürlich – mehr als alle Wildtierarten. Besonders eindrucksvoll ist der Vergleich mit seiner Urform: Schätzungen zufolge ist der Hund etwa einhundertfach stärker mit Erbkrankheiten und genetisch bedingten Leiden belastet als der Wolf.

Warum sehen wir die höchste Zahl an zuchtbedingten Schädigungen und die schlimmsten Probleme gerade beim Hund, den wir von allen Tieren unseren besten Freund nennen? Unser Begleiter durch dick und dünn hat schließlich unter allen Vierbeinern das größte Talent, uns glücklich zu machen. Dieses Paradox beschäftigt mich täglich, denn alle erwähnten Probleme sind die direkte Folge unserer besonderen Freundschaft zu Hunden. Viele Leiden, die sie erdulden müssen, sind eindeutig das Ergebnis unserer intensiven züchterischen Gestaltungen und unseres höchst erfolgreichen Formens von Wunschgefährten. Ein großer Teil der Krankheiten, Leiden, Sinnesstörungen und Verhaltensverarmungen resultierte aus unseren Bemühungen, Hunde noch besser zu machen, noch reiner, schöner, extravaganter und vielgestaltiger.

Nicht nur extrem kurznasig gezüchtete Möpse, Bulldoggen und Pekingesen, denen man ihre Atemnot anhört, sind Zuchtopfer. Ein großer Teil der heute beliebten Moderassen büßt für die Zuchtziele, die wir Menschen ihnen angetan haben, mit ihrer Gesundheit. Ob die vielen groß gezüchteten Hunde, die nicht mehr richtig laufen können, oder Dalmatiner, die zwar schön aussehen, aber dafür leider taub sein können. Oder die aktuell beliebten Farbverdünnungsvarianten mit Aufhellung der Grundfarbe vieler Rassen – also silver, blue, charcoal, champagner, lilac und so weiter –, die ihre tolle Farbe, an der sie persönlich wohl kaum Freude haben, nicht selten mit unheilbarem Haarausfall und Hautproblemen bezahlen. Oder besonders klein gezüchtete Hundezwerge mit dysproportionalen Anatomien, die an Kniescheibenverlagerungen, gestörtem Zahnwechsel oder besonderen Stoffwechselstörungen leiden und teils sogar sterben können. Dazu kommt die Verbreitung einer Vielzahl von teils schweren Defekten durch Inzucht, die oft gar nichts mit dem Wunschmerkmal der Zucht zu tun haben. In all diesen und noch viel mehr Fällen besteht heute ein krasser Gegensatz zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen über Erkrankungen und Tierleid und dem Ausblenden der Wahrheiten durch die in eine Rasse geradezu vernarrten Fans. Außenstehenden muss dieser Widerspruch völlig unverständlich vorkommen. Immer wieder taucht dieselbe Frage auf: Warum muten wir Lebewesen, die wir vorgeblich lieben, solch ein Elend zu?

Den krassen Konflikt zwischen unseren züchterischen Interessen und den anerkannten Tierschutzprinzipien blenden wir seit langem systematisch und höchst erfolgreich aus. Die überschwänglichen Entzückungen haben unsere rosafarbene Brille für die Wahrheiten hinter der malerischen Kulisse der Rassenvielfalt gründlich vernebelt. Wir müssen eingestehen, dass unsere traditionellen Rassekonzepte und Zuchtpraktiken sich vielfach als fatale Irrwege erwiesen haben und wir nun auf dem brodelnden Vulkan ihrer Defekte tanzen. Zusätzliche Bedrohungen wie Fettleibigkeit mit all ihren Folgen und ein drastisch reduziertes Verhaltens- und Bewegungsrepertoire sind der zunehmenden Bereitschaft geschuldet, unsere Lebensumstände mit unseren vierbeinigen Gefährten zu teilen. Auf dem Weg ihrer Vermenschlichung haben wir vor allen anderen Tieren die Rassehunde aus dem Paradies der natürlichen Gesundheit eines Wolfes vertrieben und sie mit unseren Zivilisationskrankheiten geradezu angesteckt. Ausnahmen gibt es wenige, etwa manche nach Leistung und Talenten gezüchtete Jagd- und Diensthunde, aber selbst bei ihnen sehen wir traurige Entwicklungen.

Bei Katzen und anderen Haustieren sind in manchen Rassen und Zuchtformen ähnliche Tendenzen zu erkennen, jedoch in der Summe noch deutlich weniger häufig. Punktuell erschrecken jedoch auch bei ihnen krasse Auswüchse von bewusst erzeugten Defektzuchten, etwa extrem kurznasig und deformiert gezüchteten Exotischen Kurzhaar- und Perserkatzen bis zu den bedauernswerten Peke-Face-Varianten. Ihre Schöpfer erfreuen sich an ihrer Extravaganz und der Überbetonung des Kindchenschemas, weshalb sie oft als „Katzenkinder“ bezeichnet werden. Dahinter verbergen sich erschreckende Zusammenhänge zwischen der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und dadurch verursachter gesundheitlicher Katastrophen für die Ersatzkinder. Ihr Leid und ihre Pflegebedürftigkeit sind groteskerweise gewollt, weil sie der an sich positiven Neigung des Menschen, schwachen und kranken Geschöpfen zu helfen, entsprechen – mehr dazu später.

Ich beobachte darin eine immer größer werdende Schizophrenie unseres Umganges mit den uns anvertrauten Tieren. In meinen gut dreißig Jahren Berufstätigkeit bin ich sozusagen zum Zeitzeugen einer Gesellschaft geworden, in der das Spektrum von abgöttischer, oft blinder Tierliebe bis hin zur verabscheuenswürdigen Ausbeutung reicht. Und beides liegt manchmal ganz nahe beieinander. Als Leiter des Instituts für Tierpathologie an der Freien Universität Berlin verfolge ich die Sorgen vieler verschiedener Tierarten und blicke in so manchen Abgrund des Tier-Mensch-Verhältnisses. Meine bittere Erkenntnis aus all diesen Beobachtungen: Wir stehen an einem Scheideweg!

Denn seriöse Hundekenner und Forschende prophezeien, dass mehrere Rassen aufgrund ihrer weitgehenden Degenerationen und ihres aussichtslos defektbelasteten Erbgutes nicht mehr zu retten sind, wenn wir an unseren Rassebildern und Zuchtkonzepten festhalten. Andere, eher gelassene Zeitgenossen winken ab: „So schlimm wird´s nicht kommen, und wenn, dann geht das Leben weiter.“ Ausgestorben wurde schon immer. Außerdem gibt´s ja bahnbrechende Entwicklungen in der Molekularbiologie, in der Gentechnik und beim Klonen. Die werden das schon richten. Ob das realistisch ist, werde ich noch erörtern. Bei aller Begeisterung über die Möglichkeiten der modernen Tiermedizin bin ich aber davon überzeugt, dass wir uns jetzt gut überlegen müssen, welchen Weg wir einschlagen wollen, was wir uns wirklich für die Zukunft von unseren vierbeinigen Familienmitgliedern wünschen und welche Opfer wir ihnen dafür abverlangen dürfen. Wir stehen vor der Wahl, ob wir Auswege aus der aktuellen Sackgasse suchen oder so weitermachen, dabei Verluste in Kauf nehmen und allein auf technologischen Fortschritt bauen wollen …

 

 

 

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Blut – Der Fluss des Lebens

 

Nominiert für das beste Sachbuch des Jahres 2024

Nach dem Takt des Lebens ist dies mein zweites Buch mit Priv. Doz. Dr. Reinhard Friedl, Herzchirurg, Schiffsarzt. Philosoph. Es hat meine Sicht auf die Medizin verändert – und es war mir abermals eine große Freude, mit diesem Herzensdoc zusammenzuarbeiten!

 

 

Blutbad

Es gibt Anblicke, die lassen selbst einem hartgesottenen Herzchirurgen das Blut in den Adern gerinnen: Dicht unterhalb der linken Brustwarze meines Patienten stak das helle Griffstück eines Fischmessers. Vermutlich eine Imitation von Perlmutt und in etwa sieben Zentimeter lang. Die Klinge war tief im Körper des Patienten Richtung Herz verschwunden. So weit war der Anblick für eine Messerstichverletzung noch erträglich. Auch der hellblaue Pullover, mittlerweile schwarz gefärbt und steif von geronnenem Blut, schockte mich nicht. Blut in allen Gerinnungsfaktoren ist sozusagen mein tägliches Brot. Es war das lautlose Tick-Tick, Tick-Tick, Tick-Tick, mit dem der Messergriff den Herzschlag im Inneren des Leibes außen sichtbar machte, das mir durch Mark und Bein ging. Kein Vibrieren oder Zittern, sondern eine feine und doch klar abgesetzte Bewegung. Als ob das Pendel einer Lebensuhr, das sonst unsichtbar in diesem Patienten schlug, plötzlich sichtbar würde. Ich schätzte die Herzfrequenz auf 120, und dass ich sie erfassen konnte, ohne den Puls des Patienten zu fühlen, ohne EKG, ohne dass ich den Brustkorb eröffnet hatte, ließ mich schaudern. Es kam mir vor, als sende mir dieses schwerstverletzte Herz geheime Morsezeichen, als funke es: Ich habe nicht mehr viel Zeit, mein Herzblut verlässt mich.

Kurz nach Mitternacht hatte mein Telefon geklingelt. An der Nummer hatte ich die Zentrale der Klinik erkannt.

O nein, dachte ich spontan, bitte nicht jetzt! Als Herzchirurg hatte ich dieses Wochenende an unserem Klinikum Dienst und schon in der letzten Nacht operiert. Ich hatte heute auf eine

Ein Kollege informierte mich: „Wir kriegen eine Messerstichverletzung rein. Laut Notarzt steckt das Messer noch im Brustkorb. Sie kommen bodengebunden mit dem Notarztwagen von irgendwo aus der Pampa. Zu viel Nebel zum Fliegen heute. Der Patient ist im schweren hämorrhagischem Schock, der Notarzt hofft, dass sie es zu uns schaffen!“

„Bin unterwegs“, sagte ich. „Falls der Patient lebend ankommt, bitte bringt ihn sofort in den Herz-OP.“

Etwa zeitgleich mit dem Patienten traf ich in der Klinik ein. Der junge, dunkelhaarige Mann war noch bei Bewusstsein. Während er auf den OP-Tisch gehoben wurde, redete er ohne Unterlass: „Es tut mir so leid, es tut mir so leid, es tut mir so leid“, wiederholte er ein ums andere Mal. Was meinte er damit? Was tat ihm leid? Gab es ein zweites Opfer? Wo? Tot? Viele Fragen, keine Antworten. Er redete, als ginge es um etwas sehr Wichtiges. Und damit hatte er recht. Er redete um sein Leben, das mit jedem Blutstropfen aus ihm heraussickerte, oder auch strömte, wieviel es war, wusste ich im Augenblick noch nicht.

Sein Gesicht war leichenblass, sein Körper weiß marmoriert wie eine Statue. Die Lippen blau, der ganze Mann, den ich auf Mitte zwanzig schätzte, schweißgebadet. Er klapperte entsetzlich mit den Zähnen, und immer wieder schüttelte ihn kalter Schauer. Blut transportiert nicht nur Sauerstoff, sondern verteilt auch die Lebenswärme. Zusammen mit dem Blut verließ sie seinen Körper, der erste Schritt einer tödlichen Abwärtsspirale. Ist die Körpertemperatur zu niedrig, beginnt die Muskulatur mit Wärmeproduktion durch ein unkontrollierbares Muskelzittern. Gut informierte Selbstmörder setzen sich deshalb in die warme Badewanne, bevor sie sich die Pulsadern aufschneiden. Ein Selbstmord durch einen Messerstich ins eigene Herz ist eher die Ausnahme, das bringen auch die verzweifeltsten Menschen dann doch nicht fertig.

Keine Frage, dieser Patient hatte großes Glück gehabt, es bis zu uns in die Klinik geschafft zu haben. Doch wie lange würde sein Glück noch währen? Wie viel Blut floss noch in seinen Adern? Zwischen vier und sechs Liter sind es normalerweise in einem erwachsenen menschlichen Körper. Wenn wir die Hälfte davon verlieren, befinden wir uns, je nach Konstitution und Umständen, in Todesnähe, oft schon vorher.

Das Leben dieses Patienten floss nur noch als kümmerliches Rinnsal. Noch schlug das Herz in rasendem Tempo, nochatmete er, flach und hastig. Und er redete ohne Unterlass, als verhandle er mit dem Tod. In der Klinik in den USA, wo ich einen Teil meines Studiums verbracht hatte, wurden Schwerstverletzte wie er als „talk and die“ bezeichnet, die reden, bis sie sterben. Ein Arzt darf sich davon nicht täuschen lassen. Dieses Reden ist keineswegs ein gutes Zeichen, im Sinne von „nicht so schlimm, er redet ja noch.“ Für Trauma-Spezialisten und Notärzte, die dieses Zeichen zu deuten wissen, ist es ein Warnsignal für den unmittelbar bevorstehenden Absturz der Körpersysteme. Im Stadium des fortgeschrittenen Schocks spüren Verblutende, meistens Opfer von schweren Unfällen und Gewaltverbrechen, dass das Leben aus ihnen weicht. Jeder Tropfen des Schockhormons Adrenalin, den sie noch irgendwo zur Verfügung haben, wird ausgeschüttet. Seine Aufgabe ist es, mit dem noch vorhandenen Blutrest bis zuletzt einen minimalen zentralen Notkreislauf für Herz und Gehirn aufrechtzuerhalten, auf Kosten der Durchblutung aller anderen Organe. Adrenalin sorgt dafür, dass deren Blutzufuhr durch Engstellung der Blutgefäße minimiert wird. Im Extremfall werden sie gar nicht mehr durchblutet und stellen in der Folge sukzessive ihre Funktion ein. Unser größtes Organ, die Haut trifft es zuerst: sie erkaltet und wird weiß wie Schnee, der Schweiß zu Eiswasser. Der Notkreislauf ins Gehirn sorgt dafür, dass wir bis zum Ende denken können. Solange wir bewusst sind, haben wir noch einen Rest Autonomie, den Glauben an unsere Handlungsfähigkeit. Verblutende reden einem inneren Antrieb folgend immer weiter, denn solange sie reden, haben sie nicht aufgegeben. Ihre Lippen formen flüsternd Worte, sie hören Ihre Stimme, und das gibt ihnen die Gewissheit, nicht tot zu sein, oft gehört ein Noch dazu, noch nicht tot.

Auf einmal schaute mich der Patient mit weit geöffneten Augen an. „Werde ich sterben?“, fragte er.

 „Wir tun alles, was wir können.“

„Ich heiße Hamid.“

„Ich bin Dr. Friedl“, sagte ich.

Er nickte schwach und suchte meine Hand. Ich hielt seine eiskalte schweißnasse Hand für einen Moment, drückte sie sachte. „Wir schaffen das.“

Und das meinte ich auch so. Denn wenn man glaubt, es sei sinnlos und zu spät, sollte man auch nicht mehr operieren. In traumatischen Notfallsituationen, wenn der Fluss des Lebens versiegen will, ist Ehrlichkeit Menschlichkeit. Man kann einem Menschen in seiner letzten Minute auch die Hand halten und bei ihm sein, anstatt im blinden Aktionismus vor einer solchen Anteilnahme wegzulaufen.

Die Anästhesistin spritzte Narkosemittel und wechselte die Sauerstoffmaske auf dem leichenblassen Gesicht gegen eine Beatmungsmaske. Mir zur Seite stand ein überaus erfahrenes Notfallteam Team, das den Patienten bisher »geschaukelt« hatte, wie wir im OP-Jargon sagen. Das Anästhesie-Team hatte Organfunktionen und Vitalparameter halbwegs stabil gehalten. Den Kommandostand der Anästhesistin am Kopfende des Patienten säumten Kabel und Monitore und das Beatmungsgerät mit seinen Schläuchen und Digitalanzeigen. Auf einer Ablage lag eine ganze Batterie von kleinen Spritzen. Von Zeit zu Zeit griff sie sich eine und applizierte vorsichtig einen halben Milliliter dieser und jener Substanz. Anästhesisten können, wie Zauberer einen Patienten schlafen lassen, den Schmerz nehmen, das Herz ein bisschen schneller schlagen lassen, oder auch langsamer, den Druck ein bisschen heben oder senken und auch etwas mehr Urin fließen lassen. Doch was dieser Patient jetzt vor allem brauchte, war Blut, viel Blut, denn er war dabei, vor unseren Augen zu verbluten.

Bodycheck

Blut ist Leben, sagt man. Doch das stimmt nicht ganz. Wenn es unwiederbringlich aus uns herausfließt, ist es auch Tod. Um das zu verhindern, hingen über Hamid zahlreiche rote Beutel mit Blutkonserven, die mit Hilfe eines elektrischen Druckinfusionssystems in den Patienten gepumpt wurden.

Da wir die benötigte Blutgruppe noch nicht kannten, waren Konserven mit Null Rhesus negativ, die wir für Trauma-Opfer vorrätig hatten, aus dem Blutkühlschrank geholt und gewärmt worden. Blutgruppe Null Rhesus negativ als Universalspenderblut geht zur Not immer. Es ist aber selten und entsprechend wertvoll. Gerade mal sieben Prozent der Weltbevölkerung besitzen diese Blutgruppe. Deshalb wird jedem Patienten bevorzugt seine tatsächliche Blutgruppe transfundiert, und die wird in der Blutbank bestimmt. „Die Röhrchen für die Kreuzprobe sind unterwegs“, teilte uns die Anästhesiepflegerin mit. Sie hatte die Blutzentrale angesichts der absoluten Dringlichkeit bereits benachrichtigt.

„Wo ist der andere?“, fragte der Kardiotechniker, der vorsorglich die Herz-Lungen-Maschine einsatzbereit machte.

Keiner antwortete.

„Hat er sich denn nicht gewehrt?“, fragte die OP-Schwester, die, wie die meisten anderen, wohl davon ausging, dass unser Patient das Opfer war. Er hätte aber auch Angreifer sein können.

„Keine weiteren Verletzungen nach dem Bodycheck“, meldete die Anästhesistin.

Bei einem Trauma Patienten interessiert nicht nur das Offensichtliche, sondern auch das, was man auf Anhieb nicht sieht. Es könnte zusätzlich ein Bein gebrochen sein oder es könnte Hämatome am Bauch geben, die auf eine stumpfe Gewalteinwirkung schließen lassen. Hamid zeigte keine weiteren Begleitverletzungen, die auf einen Kampf hindeuteten, zum Beispiel Abwehrverletzungen an den Händen oder Prellmarken am Körper. Das war seltsam und ist eher typisch für Messerstichverletzte, die aus dem Hinterhalt in den Rücken attackiert werden. Nun war unser Patient offensichtlich von vorne verletzt worden, und diese Opfer wehren sich meistens. Was war hier geschehen?

Blutspur

Unser aller Leben beginnt im Blut. Ohne dass Blut fließt, werden wir nicht geboren und sind Frauen nicht fruchtbar. Als Organ bezeichnen wir einen aus verschiedenen Geweben zusammengesetzten Teil des Körpers, der eine eigene und abgegrenzte Funktionseinheit bildet. Ein Organ ist wie die Pfeife an einer Kirchenorgel, die von Luft durchströmt werden muss, damit sie klingt. Alle Orgelpfeifen zusammen machen die Musik des Lebens. Blut hat die Besonderheit, dass es als flüssiges Organ alle anderen Organen durchströmt und sie verbindet. Ohne dass Blut in uns fließt, hätten wir keinen Kreislauf, keinen Blutdruck und keinen tastbaren Puls. Und schon gar keine Blutwerte. Und natürlich transportiert Blut den lebensnotwendigen Sauerstoff.

Kaum ein Arztbesuch ohne Blutabnahme. Ein Arztgespräch dauert im Durchschnitt 7 Minuten. Den Rest erzählt das Blut. 60 Prozent aller Diagnosen werden anhand von Blutwerten gestellt. Es wird von der modernen Medizin lückenlos überwacht. Noch nicht richtig auf der Welt wird für das Neugeborenen-Screening schon Blut abgezapft, und der Pieks wiederholt sich viele Male im Leben. Fast keine Erkrankung kann sich in ihm verstecken. Jedes Organ, jede noch so kleine Zelle gibt Information an das Blut ab und berichtet, wie es ihm geht. Ob Sie einen Infekt haben, eine seltene genetische Erkrankung, einen Herzinfarkt oder ein Nierenproblem, ob Sie sich bester Gesundheit erfreuen oder Ihre Zellen Stress haben, Ihr Blut weiß es, und oft lange bevor Sie es selbst spüren. Es hilft uns Ärzten, Verdachtsdiagnosen zu stellen, zu bestätigten, weiter einzugrenzen oder zu verwerfen, Erfolg oder Misserfolg einer Therapie zu überwachen.

Dass im Blut Information ist, erkennen wir auch in unserer Hautfarbe. Eines der am besten durchbluteten Organe ist unsere Haut. Sie nimmt bereitwillig die Farbe des Blutes an und signalisiert, wie es um unsere Gesundheit, aber auch um unser Gemüt steht. Und da gibt es subtile Unterscheidungen: haben Kinder rote Backen, dann sehen sie nicht nur gesund aus, sondern sind es meisten auch. Blaue Flecken und Hämatome verraten, ob wir uns gestoßen haben oder vielleicht sogar misshandelt wurden. Ein hochroter Kopf kann auf einen erhöhten Blutdruck hinweisen, Leichenblässe auf das Gegenteil. Erröten wir hingegen zart, mag das liebreizend erscheinen, schießt uns die Röte ins Gesicht, sieht jeder, dass wir gerade aufgeregt sind, vielleicht sogar erregt, uns freuen oder auch schämen. Oder gar lügen? Aus all diesen Gründen waren Menschen schon immer der Ansicht, dass sich im Blut die Wahrheit verberge, dass unser Blut nicht lüge.

Es ist der flüssige, superschnelle Highway des Immunsystems, und wenn wir verletzt werden, verändert es seine Form von flüssig zu fest und versucht, unsere Wunden zu verschließen. Seine roten Blutkörperchen transportieren den Sauerstoff, ohne den unser Herz nicht schlagen und unser Gehirn nicht denken würde. Blutplättchen und Eiweiße der Blutgerinnung sorgen dafür, dass wir nicht sofort verbluten. Weiße Blutkörperchen verteidigen uns gegen todbringende Krankheitserreger. Und wenn mehr Blut fließt als bei einer kleinen Alltagsverletzung, blutet meistens auch die Seele. Dann bleibt eine tiefe Narbe und manchmal heilen solche Verletzungen nie.

Die Dreiecksverbindungen von Blut, Bewusstsein und Seele  drücken wir mit vielerlei Redewendungen aus. Die Seele blutet uns oder das Herz. Wenn etwas geschieht, das uns schmerzt und finden wir an etwas Gefallen, so lecken wir Blut. Wir sprechen von Herzblut, das wir in ein geliebtes Projekt stecken und fühlen uns ausgeblutet, wenn wir erschöpft sind. Vielleicht haben Sie auch eine besondere Ader an sich entdeckt, ein Talent fürs Kochen, Tanzen oder Motoren reparieren? Manchmal im Leben scheitern wir auch, dann holen wir uns eine blutige Nase.

Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich blasse Menschen werden als blutarm bezeichnet, langweilige Texte auch, und wer viel Energie hat, dem wird heißes Blut zugeschrieben, das durchaus auch mal kochen kann, weshalb ihm „ruhig Blut“ geraten wird. Wenn wir bis aufs Blut geärgert werden, weil es dicker als Wasser ist, kann es in Wallung geraten oder einem stocken. Aber egal in welchem Zustand, eines ist sicher: Es kommt immer aus dem Herzen. Genauso, wie das Wasser aus der Quelle. Wie wir noch sehen werden, bilden Blut und Herz entwicklungsgeschichtlich ein Organ und funktionell eine untrennbare Einheit: Blut ist deshalb immer auch Herzblut. Es ist die Liebe und Hingabe, die wir in eine Tätigkeit stecken, es ist die Kraft, die uns weitermachen lässt, auch wenn es schwierig wird. Seine Magie lässt niemanden kalt. Auch als Herzchirurg kann ich das Herz nicht ohne Blut betrachten. Ich kann die Verbindung nicht trennen, wie bei einer Operation mit Herz-Lungen-Maschine. Das Herz ist die Quelle des Blutes, ohne Quelle kein Fluss.

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Von Bleiben war nie die Rede

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein Arbeitstitel es letztlich auf das Cover schafft. Dass meine Idee sich bei diesem Buch bis zum Schluss geblieben ist, freut mich noch immer.  

Und auch von der wundervollen Kabarettistin und Sterbeamme Karin Simon habe ich viel gelernt, vor allem übers Leben, das noch viel heller leuchtet, wenn wir dem Tod ins Auge sehen.

 

 

 

Ich verrate Ihnen ein Sterbenswörtchen

In jedem Leben gibt es Herausforderungen, Prüfungen. Man macht vielleicht Abitur oder den Führerschein. Oder lässt es bleiben. Vor einigen großen Herausforderungen kann man sich nicht drücken. Krankheiten und Krisen fragen nicht um Erlaubnis, ehe sie eintreten. Aber kurioserweise stellt man im Nachhinein oft fest, dass ihre Bewältigung das Leben bereichert hat: Weil ich das Leben erst richtig zu schätzen gelernt habe.

Im Falle des eigenen Todes hilft Prüfungsangst wenig. Petrus oder wer auch immer an der Tür steht, wird wohl kaum ein Attest entgegennehmen, das bescheinigt, dass das Sterben auf unbestimmte Zeit verschoben werden müsse. Gestorben wird, das ist so, denn: Wer A sagt, muss auch B sagen. Wer geboren wird, muss oder darf auch sterben. Mit diesen zwei Wörtern, muss oder darf, ist schon viel gesagt. Ich werde trotzdem noch ein paar mehr benötigen, um Ihnen, meine lieben Leserinnen und Leser, vom Sterben zu erzählen. Dass das vielseitig ist, erschließt sich schon aus der Schreibweise. Wir haben den Tod mit D und sind tot mit T. Woher ich das weiß? Bin ich vielleicht schon mal gestorben?

Nein, nur fast. Als Dreijährige wäre ich beinahe ertrunken und ein paar Jahrzehnte später fast an Krebs gestorben. Dazwischen und auch heute noch habe ich als Krankenschwester und Sterbeamme hunderte von Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet und unzählige Gesichter des Todes gesehen. Meistens breitet sich am Ende ein großer Frieden aus, und oft bleibt als letztes ein Lächeln.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man dem Tod eine gute Landebahn bereiten kann. Damit es weniger holpert, weil die Angst nicht an Bord ist. Zum Beispiel wegen einer Sterbeamme als Fluglotsin. Eine wie ich. Was genau sich hinter diesem Begriff verbirgt, erfahren Sie natürlich auch in diesem Buch und vieles mehr, das hoffentlich Licht ins Dunkel bringt, das gar nicht so dunkel ist, wie man landläufig glauben mag. Bitte keine Sterbensangst: Sie werden sich nicht totlachen! Aber Schmunzeln und Lächeln und auch Lachen ist erwünscht und hoffentlich gestatten Sie es sich. Denn so was tut man ja eigentlich nicht. Also bei uns. Tod und lustig, das geht nicht zusammen. Das merke ich auch zu Beginn meiner Auftritte. Zuerst sitzt das Publikum ein wenig verkrampft im Saal, obwohl es den Mut hatte, sich auf ein „Sterbekabarett“ einzulassen. Die ersten Lacher sind noch verhalten … darf man denn über so was lachen? Nach drei, vier Nummern vergessen die Zuschauer ihre Zurückhaltung und amüsieren sich einfach. Oft gibt es vor dem Applaus eine Pause, ein nachdenklicher Moment, in dem der eine und die andere für sich etwas erkennt, sich merken will. Heiter geht es weiter und heiter geht es leichter. Auch und gerade ganz zum Schluss. Doch leider wird das landläufig als geschmacklos verurteilt oder als Blasphemie.

Ich bin sehr evangelisch erzogen worden und war oft in der Kirche mit meiner Mutter. Später habe ich auch bei Kindergottesdiensten mitgearbeitet. Einmal, es war Ostern, besuchte ich mit meiner Zwergerl-Gruppe den Gottesdienst. Am Tag zuvor hatte ich ihnen von Jesus am Kreuzweg erzählt und dass die Jünger um seine Kleidung würfelten. Mitten in die Stille der Andacht platzte ein Sechsjähriger heraus, der zuvor lang und nachdenklich auf das große Kreuz über dem Altar geblickte hatte. „Tante Karin, der Jesus ist ja gar nicht nackig. Der hat eine Unterhose an. Sogar aus Gold.“

Nach einer Schrecksekunde platzte die Gemeinde vor Lachen laut heraus. Nur einer hielt stand, die Bibel unerbittlich in der Hand. Unser Herr Pfarrer. Nach dem Gottesdienst bat er mich, der Kirche fernzubleiben, da ich wohl nicht verstanden hätte, dass dies ein Ort des Ernstes sei. Ich glaube, er sagte heiliger Ernst. Es gibt aber auch eine heilige Heiterkeit! Die fühlt sich nicht nur gut an, sie ist auch heilsam!

Im Laufe der Jahre habe ich mir einen Werkzeugkoffer zusammengestellt, um die Reise ins Jenseits zu erleichtern und die Bleibenden in der Abflughalle zu unterstützen. Dabei haben mir meine zahlreichen Ausbildungen geholfen, unter anderem zur Krankenschwester, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Sterbeamme, Traueramme. Die Sterbeamme begleitet die Reisenden, die Traueramme kümmert sich um die Dagebliebenen.

Wenn wir Nähe zu Sterbenden zulassen, und das wird in diesem Buch geschehen, sind wir mit unserer eigenen Endlichkeit konfrontiert. Diese Tatsache ist kein Drama, sondern normal. So ist es und punkt. Man lehnt sich doch auch nicht dagegen auf, dass man zwei Arme hat. Wenn Sie es genau betrachten, dann freuen Sie sich vermutlich über dieses Wunder. Zwei Arme, zwei Hände, zehn Finger zum Entdecken, Essen, Werkeln, zärtlich und kreativ sein, jeder Finger ein Schlüssel zur Welt. Und dann fällt Ihnen vielleicht ein, dass es Menschen gibt, die haben einen Finger oder zwei oder sogar eine ganze Hand, einen Arm verloren Da wird Ihnen Ihre Hand gleich noch kostbarer, richtig? Vielleicht nehmen Sie sich vor, sie ab sofort wertzuschätzen. Jeden Tag einmal, beschließen sie, streichle ich bewusst mal drüber. Danke Hand. Schön, dass du da bist. Und nach einer Weile vergessen Sie es. Vielleicht begegnen Sie irgendwann einem Menschen mit Gicht oder einer nach einem Schlaganfall gelähmten Hand. Da fällt es Ihnen wieder ein und Sie fragen: Kann ich dir zur Hand gehen? Und dann tun Sie etwas für ihn, und Sie merken, dass Sie es auch für sich tun. Fast fühlt es sich an, als hätten Sie eine dritte Hand geschenkt bekommen. Eine gebende. Und das macht glücklich, stimmt’s?

Wir alle sind miteinander verbunden. Wir vergessen es nur manchmal. Ohne Hilfe wären wir nicht auf die Welt gekommen. Keiner von uns wird allein geboren, es ist zumindest eine Mutter da und sehr oft helfende Hände. Und so sollte es auch am Ende sein und war es auch einmal weit verbreitet, als der Tod noch nicht ausgelagert war und die Verwandtschaft sich am Sterbebett versammelte, ganz ohne Umstände, saß und wartete. Hin und wieder seufzte jemand, schüttelte ein Kissen auf, streichelte mitfühlend eine Wange. Keiner kam auf die Idee, bei einer Psychologin anzurufen und zu fragen, ob der kleine Max einen bleibenden Schaden davontragen würde, wenn er den Opa a) krank und b) als Leiche sieht.

Heute werden Kranke, Alte, Sterbende und Tote vielerorts aus dem Alltagsleben entfernt und professionellen Kräften übergeben. Was mit Sterben und Tod zusammenhängt, läuft Gefahr, zum Tabu zu werden. Oder ist es schon. Den Tod, den wir vor Augen haben – jeden Tag dutzend- oder hundertfach, je nachdem, wie lange wir vor dem Bildschirm sitzen, der ist virtuell, nicht aus Fleisch und Blut. „Echte“ Tote, vielleicht die Eltern oder Großeltern, haben die wenigsten Menschen gesehen, aber Tausende von Leichen im Fernsehen.

Bei unserem ersten Atemzug, wenn sich unsere Lungen entfalten, wenn wir zum Erdenbürger werden … In diesem Moment werden wir befruchtet vom Tod, der in uns heranwächst, um am Ende unseres Lebens geboren zu werden. Leben heißt schwanger sein mit dem Tod. Eine ungewöhnliche Vorstellung? Gruselig? Das ist Einstellungssache, und an der will ich mit diesem Buch ein wenig drehen. Denn es bringt ja nichts, sich gegen Dinge aufzulehnen, die unveränderbar sind.

Auf einmal war ich tot und habe es gar nicht gemerkt!

Es ist schnell dahingesagt: Irgendwann bin ich dran. Aber ganz tief drin. Da gibt es eine Hoffnung, einen Kinderglauben, dass das nicht sein kann. Dass man eine Ausnahme ist oder zumindest: Dass es dann, wenn es schon sein muss, ganz schnell geht. Idealerweise im Schlaf. Auf einmal war ich tot und habe es gar nicht gemerkt. Doch das erscheint nur auf den ersten Blick verlockend. Auf den zweiten könnte es sein, dass uns dann eine Menge entgeht. Ein Leben ohne Tod, das ist eben nur ein halbes. So verrückt es klingt: Erst das Bewusstsein über den Tod macht das Leben bunt, intensiv und vor allem: inspiriert zur Selbstverwirklichung. Dass man sein eigenes Leben lebt. Nicht das, was andere Leute glauben, was man tun sollte. Ach, es ist noch viel verflixter: Denn oft leben wir so, wie wir glauben, dass andere wollen, dass wir leben, was wir aber gar nicht merken. Hospizhelfer berichten, dass Menschen ein bewusst gelebtes Jahr intensiver empfinden können als zehn, die einfach so vergangen sind, und sogar sagen, dass sie den Preis dafür gerne zahlen: ihren Tod. Und dass sie nun gut Abschied nehmen können – weil sie wissen, wovon, und dass es sich gelohnt hat.

Sie merken es vermutlich, dass es in diesem Buch vom Sterben vor allem um das Leben geht. Nicht nur, weil ich noch nie einen Toten mit einem Buch in der Hand gesehen habe. Wozu auch? Wer „drüben“ ist, der hat Antworten, statt Fragen. Der glaubt nicht oder ahnt, der weiß. Ich glaube auch etwas, nein, ich lehne mich aus dem Fenster: Ich weiß es. Dass nämlich jeder Mensch in sich die Fähigkeit hat, durchs Schlüsselloch zu blicken und die Verbindung zum hellen Leuchten unserer geistigen Welt wahrzunehmen. Weil ich so aufgewachsen bin und weil ich sie in meinem Sterbekabarett auf der Bühne so anspreche und in meinen Liedern besinge, nenne ich diese höhere geistige Welt in meinem Buch hin und wieder „lieber Gott“. Wenn ich einen Namen für meinen Glauben finden sollte, würde ich sagen, dass ich an die Schöpfung glaube, die sich in der Natur offenbart, ja, vielleicht steckt eine bayerische Schamanin in mir. Manchmal öffnet sich das Fenster ins Jenseits, in die Anderswelt einen Spalt. Sehr häufig ist das so, wenn man einen Menschen bei seinem Übertritt begleitet. Damit tut man nicht nur diesem Menschen einen großen Dienst, sondern auch sich selbst. Irgendwann ist jeder an der Reihe, und es schadet nicht, wenn man schon mal ein bisschen geübt hat.

Wir würden doch niemals im Leben unvorbereitet in Prüfungen, Konfliktgespräche, ein erstes Rendezvous gehen. Wir schaffen uns rauf, was wir wissen müssen, wir entwickeln Strategien und frisieren und rasieren uns sorgfältig. Der Tod aber erwischt uns kalt, wir begegnen ihm erstaunt, als hätten wir noch nie von ihm gehört. Ups, wie jetzt? Ich soll abtreten? Unverzüglich? Wo sind die Jahre geblieben, und Moment mal, dagegen bin ich doch immun, das trifft nur die anderen.

Ich selbst habe den Tod zuerst als grausam und ungerecht erfahren. Ich habe ihn gehasst. Er hat mir das Liebste genommen, da war ich erst fünfzehn: meine Mutter. Danach quälten mich schreckliche Vorwürfe. Dass ich ihr nicht richtig geholfen hätte, dass ich bei ihr hätte bleiben müssen. Aber ich war weggelaufen. Feig, schalt ich mich. Und dachte damals, ich könnte es nie wieder gutmachen. Ich war zu schwach, warf ich mir vor. Der Tod stand meiner Mama nicht gut, wie es in einem Film heißt. Noch ehe er sein Werk vollendet hatte, hatte er Besitz von ihr ergriffen, so schlimm, dass es mich sogar ekelte. Vor meiner eigenen Mutter! Mein schlechtes Gewissen schien mich zu zerfleischen. Am schlimmsten war, dass ich es nicht rückgängig machen konnte. Jetzt war sie nicht mehr da. Etwas anderes kam in dieser schweren Zeit zu mir: Ein helles strahlendes Licht. So etwas Gleißendes, Schönes hatte ich noch nie gesehen. Auf einmal wurde alles ruhig und gut und friedlich. Sehr verwirrt, doch auch seltsam getröstet lernte ich, ohne meine Mutter zu leben – und auch ohne meinen Vater, der sich dem Alkohol zuwandte und bald einer anderen Frau, wie es so viele tun, die sich ablenken und schnell vergessen wollen. Viel später erst, als ich von diesem unvergesslichen Licht auch in den Erzählungen anderer Menschen hörte, begriff ich, dass meine Mutter mir mit diesem Licht sagen wollte: Alles ist gut! Und tatsächlich, auch wenn sie körperlich nicht mehr anwesend war, so war sie es doch auf eine andere Art, die ich zuerst unbewusst, später bewusst wahrzunehmen lernte. Seither haben mir zahlreiche Trauernde von den Botschaften erzählt, die sie von ihren Verstorbenen erhalten haben. Im Kapitel über Nachtoderfahrungen werde ich einige davon schildern. Auch wenn es uns so erscheinen mag, als wären Diesseits und Jenseits unwiderrufbar voneinander getrennt: Es gibt Brücken. In anderen Kulturen werden diese ganz selbstverständlich begangen, da gilt diese strikte Trennung wie bei uns übli h nicht.

Heute bin ich überzeugt davon, dass es der bessere Weg ist, den Tod nicht auszuschließen. Denn das, worum es wirklich geht, kann man nicht vergessen oder verdrängen. Man kann es einladen an den eigenen Tisch, es gut bewirten, um am Ende vielleicht ebenso gütig bedacht zu werden mit einem leichten Tod wie einer Nachspeise. Aber gewiss ist das nicht. Es ist überhaupt nichts sicher rund um das Thema Tod, und das macht es so spannend. Am Ende des Lebens lüften wir das größte Geheimnis und erleben unser größtes Abenteuer. Auch Woody Allen scheint trotz beträchtlicher Skepsis damit zu rechnen: „Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, obwohl ich ein Paar Unterhosen zum Wechseln mitnehmen werde.“

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Warum bist du nicht, wie ich dich gerne hätte

Dieses Buch in Zusammenarbeit mit der klugen Casy Dinsing,

wer kennt sie nicht … BETTER CALL CASY …

hat meine Perspektive auf die Liebe inspiriert!

 

 

Sprich mit mir!

Der klassische Satz, mit dem eine Frau mir das Problem mit ihrem Mann erklärt … nein, eigentlich erklärt sie mir das Problem Mann: »Er redet nicht.«

Während sie selbst eher selten Wortmangel kennt und ausführt: »Und wenn ich mit ihm rede, dann sagt er nichts.« Sie präzisiert: »Er schweigt die ganze Zeit.« Und schildert, was sie dabei empfindet: »Das macht mich wahnsinnig.« Sie beginnt zu philosophieren: »Ich weiß nicht, was er denkt, ich weiß nicht, was er fühlt.« Sie spannt den Bogen in die Wissenschaft: »Denkt und fühlt er überhaupt was?« Und entwickelt eine Theorie: »Wenn ich mit ihm über unsere Beziehung reden will, ist es am schlimmsten. Da habe ich manchmal den Eindruck, er lässt das nur über sich ergehen. Vielleicht zählt er im Stillen bis hundert, und das immer wieder von vorn, und hofft, dass es bald vorbei ist?«

Ja, möglich ist das, denke ich, die ich allerdings noch nicht zu Wort komme, da meine Klientin das eben Gesagte inhaltlich noch dreimal mit anderen Worten wiederholt. Gerade so, wie wir Frauen es gern im Gespräch mit Männern machen, wenn uns sein Schweigen, das wir mit »Nicht-verstanden-Haben« und manchmal auch mit »Nicht-verstehen-Wollen« übersetzen, zu noch mehr Reden motiviert. Aber das ist nicht so. Sehr oft ist es nämlich ein Nicht-verstehen-Können. Und da hilft auch fünfmaliges Wiederholen nicht. Wenn der Partner überfordert ist und dichtgemacht hat, geht nichts mehr rein. Es handelt sich also nicht um Respekt- oder Lieblosigkeit. Die männliche Logik lautet: »Sag nichts, was gegen dich verwendet werden kann.« Er fühlt sich ja ohnehin schon wie auf der Anklagebank.

Männer ticken kommunikativ anders als Frauen. Eher etwas laid back als in double speed. Letzteres ist unsere Stärke: Unsere Gedanken sind manchmal mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs, während seine entspannt durch die Galaxis bummeln. In den letzten Jahren meiner Arbeit mit Paaren hat sich der Eindruck verfestigt, dass das auch ein wenig generationen- und bildungsabhängig zu sein scheint. Bei jüngeren Paaren sind die Männer oft genauso kommunikativ wie die Frauen oder zumindest nah dran.

Die Sprache der Frauen

Unser Kommunikationsverhalten unterscheidet sich im Kern von dem der Männer. Wir Frauen wollen reden. Über fast alles. Und nicht nur lang und breit, sondern auch hoch und tief. Wir verschwenden mehr Worte, als Männer das tun. Die sind eher sparsam. Und das verunsichert uns oft. Unser Heilmittel gegen Verunsicherung? Richtig: noch mehr reden! Also reden wir immer breiter und länger und höher und tiefer in der Hoffnung, ihm etwas verständlich zu machen. Aber es wird nicht besser. Im Gegenteil. Solche Wortfluten machen ihn vorsichtig: lieber nichts sagen als etwas Falsches sagen! Folglich sagt er nichts und sitzt da, als würde er krampfhaft versuchen, den Eindruck zu erwecken, er höre zu. Ruckelt er da nicht verstohlen auf dem Stuhl herum, geradeso, als wollte er fliehen? Und was ist mit dieser temporären Abwesenheit im Blick? Was geht in ihm vor?

»Vermutlich wenig bis nichts, außer vielleicht dem diffusen Gefühl, in Probleme geraten zu sein«, sage ich zu meiner Klientin. Sie lacht laut auf. Hält das für einen Witz. Es ist aber keiner. Ein solches Beziehungsgespräch als weiblicher Monolog artet schnell in Stress und Überforderung aus. Die Folge: Das Gegenüber schaltet ab, denkt an nichts mehr, blank mind. Männer können das! Vielleicht ungünstig in Beziehungsgesprächen, aber grundsätzlich beneidenswert.

Am stärksten fällt mir dieser Unterschied immer abends auf. Viele Frauen kennen es bestimmt: Es ist Zeit, ins Bett zu gehen, und tausend Gedanken wirbeln noch durch den Kopf. Der Mann, kaum dass sein Kopf das Kissen berührt, ist weg, er schläft. Wie geht das? Was für eine fantastische Fähigkeit: nicht ständig Hunderte von Wörtern, Bildern, Filmen, Ideen im Hirn. Das Gedankenkarussell pausiert.

Darüber kann man sich lustig machen, man kann aber auch davon lernen. Was jetzt nicht heißt, dass ich ständiges Schweigen für die allzeit beste Lösung halte. Und es läuft ja was ab im Mann bei Beziehungsgesprächen. Aber nicht mit so vielen Worten und nicht zu vergleichen mit dem, was wir für normal halten, weil es unserer Lebenswirklichkeit als Frau entspricht.

Vielleicht haben wir Fehler Nummer eins gemacht: Wir haben angekündigt, dass wir »mal reden müssen«, mit ernstem Gesicht. Das hat den Mann sofort in den Alarmmodus versetzt, und der bedeutet oft: »Vorsicht, was du sagst, es könnte gegen dich verwendet werden.« Besser wäre es gewesen, wir hätten das, was wir sagen wollen, nebenbei eingeflochten, in entspannter Atmosphäre: »Ach, Schatz, übrigens, ich wollte dich mal bitten, dass du …« Oder: »Du, mir ist aufgefallen, dass …«

Fakt ist: Männer können gut über Sachen reden. Aber zu viel »Gefühlszeug« führt sie schneller aufs Glatteis. Nicht alle, aber doch etliche, und die am meisten genutzte Strategie ist es dann eben zu schweigen. Zur Sicherheit. Um das zu verhindern, hilft es oft, im Gespräch die Sache, um die es geht, klar von den Gefühlen, die es bei mir auslöst, zu trennen und anschließend die Gefühle zu begründen. Zum Beispiel so: »Als du das und das getan hast, habe ich das so und so verstanden, und das hat das Gefühl von XY in mir ausgelöst.« Wenn ich meine Botschaft so formuliere, ist die Chance deutlich höher, dass er nicht zumacht. Und wie wäre es, das Beziehungsgespräch vielleicht ein wenig zu portionieren? Denn wenn Beziehungsgespräche zu lange aufgeschoben werden, mutieren sie oft zu einem Rundumschlag, der ihn erst recht überfordert. Und damit ist dann auch nichts gewonnen.

Ich habe eine Freundin, die ist ein Ass beim Tischtennis. Ihre Schmetterbälle sind schneller, als das menschliche Auge sehen kann, und sie hat auch schon versierte Vereinsspieler verblüfft. Doch sie ist nur hervorragend, solange nicht gezählt wird. In dem Moment, in dem ein Wettkampf daraus wird und nicht mehr »nur gespielt«, sondern wenn es »ernst« wird, kriegt sie kaum einen Ball über die Platte.

So ähnlich kannst du dir das mit Männern und Beziehungsgesprächen vorstellen. Solange man sich ein bisschen darüber unterhält, was man gern hat, du und ich und dies und das – alles im grünen Bereich. Aber wenn es ernst wird, dann geht wenig bis nichts mehr. Nicht aus Verweigerung, sondern oft aus Überforderung. Und dann wird geschwiegen. Und so, wie Männer von unseren Wortfluten überfordert sind, sind wir es von ihrem Schweigen. Eine Pattsituation.

Da hilft in genau dem Moment nur eines: unterbrechen, vertagen. Es wird kein Problem wirklich gelöst, wenn einer der Gesprächspartner überfordert ist. Denn wer überfordert ist, kann sich gar nicht mehr auf den anderen konzentrieren, geschweige denn einlassen. Überfordert zu sein, bedeutet, innerlich in den Verteidigungsmodus zu gehen. Die weibliche Verteidigungsstrategie ist eher wortgewaltig, die männliche wortkarg.

Die Flut der Wörter

»Meine Frau redet ziemlich viel, also finde ich«, unsicher schaute der Klient mich an. Ich versuchte als Erstes, herauszufinden, wie viel »ziemlich viel« für ihn war. Er erzählte mir von einem typischen »Schatz, wir müssen reden«-Gespräch. Ein Gespräch, das er nicht einmal mehr genau wiedergeben konnte. Dafür kam einfach zu viel. Es war der aufgestaute Rundumschlag, der sich wie eine Flutwelle über ihn ergossen hatte. Sein Rettungsboot: Er schwieg.

Das Schweigen löst in uns Frauen manchmal sehr unangenehme Gefühle aus: Warum sagt er nichts, will er mich provozieren? Der hört mir gar nicht zu, ist der überhaupt an unserer Beziehung interessiert? Der will ja gar nichts verändern, ich bin ihm wohl egal … Manchmal glauben wir Frauen sogar, dass er sein Schweigen als Waffe benutzt, um uns zu verletzen. Oder uns quasi aushungert, Worte sind ja eine Art Nahrung für viele von uns.

Eher ist es allerdings so, dass unsere vielen Worte im Mann durchaus Gefühle auslösen, vor allem nämlich Sorge und Verzweiflung, in der er erstarrt. Ein Klient hat das mal so beschrieben: »Ich würde ihr wirklich gern erklären, wie das ist, wenn sie so viel redet. Aber ich weiß, dass ich sie damit verletze, dass sie denkt, ich nehme sie und ihre Gedanken und Gefühle nicht ernst. Aber das stimmt nicht.«

Ein anderer fand dafür folgende Worte: »Wenn ich mit meiner Frau in so einer Situation feststecke, hoffe ich immer nur, dass es bald vorbei ist. In den Tagen danach gebe ich mir besonders viel Mühe mit Dingen, die ihr im Alltag wichtig sind, auf die sie Wert legt. Oder ich mache irgendwas, worüber sie sich freut, was sie überrascht. Und ich hoffe, dass ich damit gezeigt habe, wie wichtig sie mir ist.«

Wenn wir in Beziehungsgesprächen mit Männern im Hinterkopf behalten, dass wir sie manchmal schneller als vermutet überfordern, können wir unsere Rede darauf abstimmen und haben bessere Chancen, den Mann zu erreichen. Es gibt in der Kommunikation einen Sender und einen Empfänger, und solange der Empfänger nicht empfangsbereit ist, kommt auch keine Sendung an. Also sag, was du sagen willst, aber bitte nur einmal. Schließ keine Beispiele an, komm nicht von Hölzchen aufs Stöckchen.

Nutze das Beziehungsgespräch auch nicht dazu, reinen Tisch machen zu wollen – à la »Schon als wir uns kennengelernt haben vor fünf Jahren, ist mir aufgefallen, dass du …«.

Beschränke dich auf ein Thema, eine Sache, statt dich mit Schrotkugeln kommunizierend in Rage zu reden: Gerade hast du ihm erklärt, wie du dich fühlst, wenn du morgens entdeckst, dass dein Müsli futsch ist, weil er es aufgegessen – seins war leer – und nicht nachgekauft hat. Da fällt dir ein, dass man, wenn man schon staubsaugt, vielleicht mal den Beutel wechseln könnte … Apropos wechseln, wie war das noch mal mit den Winterreifen? Ach ja, und er hat noch nicht gesagt, wo er den Urlaub verbringen will. »Ich hab dir bereits letzte Woche die Mail mit den Angeboten der Hotels weitergeleitet.« Und hat er sich endlich über Kaminöfen informiert, da haben wir ja neulich drüber geredet, alle Leute kaufen sich doch jetzt solche Bolleröfen.

»Kannst du eigentlich Holz hacken?«

»Holz hacken?«, fragt der Mann. Jetzt ist er wieder im Spiel. »Klar.«

Ich weiß, dass diese Gedankensprünge für viele Frauen normal sind. Ein kleines bisschen spielt unsere Evolution auch mit rein. Wenn unsere Vorfahrinnen als Sammlerinnen unterwegs waren – Beeren, Pilze, Kräuter –, schauten sie überallhin, nahmen hier und da Details wahr, merkten sich dies und das und jenes. Männer als Jäger behielten ein Tier im Auge, konzentrierten sich auf die eine Sache, die es zu tun galt. Diese Wahrnehmungsverteilung finden wir heute immer noch. Frauen bummeln durch die Stadt, gehen an einem Schaufenster vorbei, schauen gar nicht richtig rein und sagen: »Da hinten in der Ecke. Was für eine coole Sonnenbrille!«

»Wo?«, fragt der Mann, dem es schleierhaft ist, wie man von außen bei dieser schummrigen Beleuchtung etwas hinten in einer Ecke entdecken kann.

Welcher Kommunikationsstil ist nun besser? Beide. Mal ist der eine vorteilhaft, mal der andere. Wenn wir verstanden werden wollen, müssen wir die Bedürfnisse des Empfängers kennen, sonst können wir noch so viele Worte verschießen, sie landen im Nirgendwo. Es heißt: »Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.« Sonst wird das nichts.

Und genau darin liegt die große Herausforderung. Wenn frau sauer ist, enttäuscht oder sogar wütend, dann ist die Versuchung groß, das einfach mal rauszuhauen. Unsere Gefühle brauchen ein Ventil, und das ist eben oft, zu reden, viel zu reden und auch zu überzeichnen. Damit meine ich, dass Gefühle in Gesprächen auch dazu führen können, dass wir unfair werden, dass wir übertreiben, Dinge größer machen, als sie sind.

Das Problem ist: Sind die Worte einmal raus, können wir sie nicht mehr zurücknehmen. Wer sich nach einem Streit nicht entschuldigen möchte, sollte im Streit aufpassen, was er sagt. Denn mit diesen Anschuldigungsdrama-Wortfluten ist selten wirklich etwas gewonnen, auch wenn es sich befreiend anfühlt. Der innere Mechanismus dahinter zielt übrigens darauf ab, sich selbst als »richtig« zu bestätigen: »Ich bin richtig, du bist falsch. Et voilà: Ändere dich!« Und, hat das je wirklich geklappt?

In der Kommunikationstheorie weiß man um die großen Gesprächsfallen: »Gesagt, gemeint, gehört, verstanden.« Reichlich Spielraum, um zwischen Sender und Empfänger, Mann und Frau für Verwirrung zu sorgen. Alles, was wir wahrnehmen, interpretieren wir. Und wir werden interpretiert. Das, was wir sagen, genauso wie das, was wir tun.

»Hörst du mir eigentlich zu?«

»Ja«, sagt er. Denn das tut er ja. Auch wenn er keine Ahnung hat, worum es eigentlich beziehungsweise inzwischen geht. Aber er hört zu.

Sie zieht eine Augenbraue hoch. Schlechtes Zeichen. Ganz schlechtes Zeichen.

»Was habe ich eben gesagt?«, fragt sie. Als wäre er ein Schuljunge. Das ist so demütigend.

»Dass ich dir mehr Komplimente machen muss«, wiederholt er das, was sie, wie er glaubt, ganz am Anfang mal gesagt hat. War das nicht sogar der Auslöser für das Gespräch? Damit hat er sich dann innerlich beschäftigt und irgendwie den Anschluss verloren.

Mit seiner Antwort hat er einen schweren Fehler begangen. Mal abgesehen davon, dass sie das mit dem Kompliment vor einer halben Stunde gesagt hat, es war ja nur das Intro. Kompliment und muss in einem Satz? Autsch. Hat er denn gar nichts kapiert?

Wir können uns oft nicht vorstellen, dass unsere Interpretation des anderen nicht stimmt. Und doch ist es oft so. Vielleicht interpretiert sie seine Verzweiflung in diesem Gespräch auch falsch. Schlussfolgert, dass er kein Interesse an ihr hat, dass er eigentlich nur an ihre Nachbarin denkt, sie hat doch gesehen, wie er die angeschaut hat – und so weiter, und so fort.

Warum es einfach machen, wenn es auch kompliziert geht? Kompliziert können wir Frauen, o ja! Und der Mann? Der hat gelernt, beim nächsten Mal von Anfang an gar nichts zu sagen. Noch besser: jeder Beziehungsdiskussion aus dem Weg zu gehen. Sobald eine am Horizont auftauchen könnte: nix wie weg.

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Verbundenheit

 

Abermals war es eine große Freude, mit dieser klugen, charismatischen Professorin zusammenarbeiten zu dürfen. Vor allem, weil das Thema so gut in die Zeit passt … und wieder habe ich sehr viel gelernt!

 

 

So beginnt das Buch:

Als ich mit Anfang vierzig meine Professur für Biologische und Sozialpsychologie in Düsseldorf antrat, ging dieser Ortswechsel für mich mit überraschend viel Körperkontakt einher. Kaum hatte ich jemanden privat kennengelernt, wurde ich beim nächsten Treffen umarmt; Küsschen rechts in die Luft, Küsschen links in die Luft. Natürlich kannte ich die Sitten und Gebräuche jenseits meiner norddeutschen Heimat, wo man sich deutlich seltener umarmt, und wenn, dann betont herzlich: kurz und kräftig.  Ob Düsseldorf oder München, diese für mich als Norddeutsche distanzlose Art der Begrüßung kam mir vor wie eine beiläufig vollzogene Körperfloskel. Nun gut, wenn die Gepflogenheiten hier so waren. Ich gewöhnte mich schnell daran.

Länger dauerte es, mich an das Befremden zu gewöhnen, das ich hervorrief, wenn ich Unbekannten in die Augen schaute. Ich war es gewohnt, in der Öffentlichkeit auch mit Fremden Blickkontakt zu suchen, für mich die direkte Art von Verbindung. Doch in Düsseldorf wie in vielen anderen Großstädten galt dies gemeinhin als aggressiv. Unvergessen ist mir eine Frau im Bus, die meinen freundlichen Blick mit einer ruppigen Bemerkung quittierte und abschließend von mir wissen wollte: „Was denken Sie sich dabei, mich so anzustarren?“

Starren? Ich hatte doch nur geschaut.  Und gedacht hatte ich gar nichts, was ich nun nachholte, indem ich mir ziemlich viele Gedanken machte. Ich kam zu dem bekannten Schluss, dass man in größeren Städten gut beraten ist, Augenkontakt zu meiden, sich selbst sozusagen aus dem Verkehr zu ziehen, gar nicht da zu sein: unsichtbar. Denn die Folgen des Augenkontakts könnten übel sein. Jemand könnte sich provoziert fühlen, und das könnte mit einem blauen Auge enden.  Also lieber gar nicht schauen und nicht Gefahr laufen, eine unheilvolle Verbindung einzugehen.

Doch wie wir es drehen und wenden: Wir müssen Verbindung eingehen. Ohne Verbindung können wir Menschen als soziale Wesen nicht leben. Ja, auch nicht als biologische. Denn wir atmen. Alle atmen dieselbe Luft. Ein und aus. Durch unseren Atem sind wir verbunden, mal mehr, mal weniger intensiv. Je kälter die Luft ist, desto weniger Stoffe werden flüchtig, je wärmer die Luft ist, desto mehr. Wer wusste vor fünf Jahren schon genau, was es mit Aerosolen auf sich hat. Heute wissen wir es alle. In einem geheizten Raum mit anderen Menschen schwirren aber nicht nur mehr Aerosole herum, wir erhalten auch viel mehr menschliche Informationen über andere als in einem kalten Raum. Wir tauschen nämlich nicht bloß Viren aus, sondern vielzählige Statements darüber, wer wir sind, wie es uns geht, und was wir beabsichtigen zu tun. So verraten wir in der Kommunikation über Körpergerüche, der Chemokommunikation, etwas über uns und erfahren gleichzeitig etwas über andere. Und das alles, ohne es bewusst zu merken. Wir sind miteinander verbunden … und haben meistens keine Ahnung davon.

Verbundenheit ist neben Essen, Trinken und Schlafen das wichtigste Grundbedürfnis des Menschen. Fehlt sie vollständig, das haben viele Studien gezeigt, werden Menschen dauerhaft traurig, geraten in eine schwere Depression, werden ernsthaft krank, auch krebs- und herzkrank, leiden an Diabetes und ernsten psychischen Störungen, Angsterkrankungen und Schizophrenie und werden früher dement. Nicht ohne Grund wird soziale Isolation als schwere Strafe und vollständige Isolation als Folter eingesetzt. Bei längerem Verlust der Verbundenheit ist die Wahrscheinlichkeit zu sterben um fünfzig Prozent erhöht.

Verbundenheit ist also etwas enorm Wichtiges. Und dennoch haben wir uns in der Regel nicht wirklich darum gekümmert. Es ist so ähnlich wie in einem Aquarium. Das Wasser ist einfach da. Es geht so lange gut, bis es kippt. Bis die Fische mit den Bäuchen oben treiben. Dann wird es sicht- und riechbar: Da stimmt was nicht.

Wann haben Sie sich das letzte Mal mit einem Menschen oder etwas verbunden gefühlt? Verbundenheit kann auch bedeuten, Fan eines Fußballclubs zu sein oder bei gemeinsamen Unternehmungen mit Fremden. Die soziale Welt ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Existenz. Wir sind ständig damit beschäftigt, herauszufinden, wie andere „drauf sind“, interpretieren ihr Verhalten, verbinden uns in gemeinsamen Sichtweisen, orientieren uns an wahrgenommenen Stimmungen, wollen dazugehören, manchmal um jeden Preis. Denn intuitiv wissen wir: Allein sind wir verloren. Nur im Verbund mit anderen sind wir lebensfähig. Gleichzeitig üben Einzelkämpfer, die angeblich völlig unabhängig sind, eine starke Faszination auf uns aus. Frei und ungebunden, individualistisch bis zur Egozentrik – doch in Wahrheit arme Würstchen. Das geht auch nicht lange gut, im Kino gerade mal knapp zwei Stunden.

Tatsache ist, dass unser Leben durch die Erfahrung von Verbundenheit erst sinnvoll wird: Einer anderen Person oder Personengruppe in vertrauensvoller Beziehung zuzugehören. Verbundenheit ist neben dem Selbstwert und der persönlichen Freiheit ein hohes Gut. Weil Menschen das wichtigste für Menschen sind, brauchen wir das Gefühl von Verbunden sein.

Wir schauen uns an und lesen uns von den Augen ab, dass wir einer Meinung sind.

Wir fühlen uns aufgehoben im Zusammensein.

Wir wissen, was richtig und falsch ist, weil andere das genauso sehen.

Hast du das eben auch gespürt?

Ja, hab ich.

Schon mit einer Betrachtungsweise allein dazustehen, kann unendlich schmerzvoll sein. Man fühlt sich unverstanden, im Stich gelassen, isoliert … so beginnt manchmal der dornenvolle Pfad in die Depression.

Die Geborgenheit in der Verbundenheit ist wichtiger als die Verbindung zum Computer. Auch wenn wir mutmaßen, ohne Smartphone wären wir verloren – in Wirklichkeit sind wir es ohne Menschen. Und das haben wir in jüngster Vergangenheit schmerzlich erfahren.

Wie wichtig Verbundenheit für die Lebensqualität ist, haben viele Menschen tatsächlich erst durch Covid-19 bemerkt. Man hat sich vorher nie Gedanken darüber gemacht, war selbstverständlich Teil einer Gemeinschaft. Niemand wäre auf die Idee gekommen in zum gesellschaftlichen Klebstoff gehörenden Gesten Gefahren zu wittern, nun gut, außer ein paar Virologen. Aber niemand hätte auch nur geahnt, wie viele es davon gibt. Man hat sich umarmt und Hände geschüttelt, man hat sich Küsschen auf die Wangen gehaucht und sich herzlich gedrückt.

Und plötzlich war das nicht mehr möglich. Was vorher ein warmes schönes Gefühl machte, wurde nun zu einer potenziellen Todesdrohung. Der Mensch gegenüber war nicht mehr nur mein Freund, Verwandter, Bekannter, Nachbar, sondern jemand, der mich an die Beatmungsmaschine bringen konnte. Also jemand, mit dem ich mich auf keinen Fall verbinden darf. Wenigstens nicht körperlich. Man kann ja trotzdem nah sein. Auch wenn man sich nicht sieht, nicht spürt, nicht riecht.

Tatsächlich?

Die Forschung sagt nein. Und ganz tief drin wissen die meisten von uns, dass sie recht hat, auch wenn wir anfangs dachten, das kriegen wir schon hin. Ein paar Monate, und dann ist alles wieder gut. Aus den Monaten der gekappten Verbindung sind Jahre geworden, und die Veränderungen sind noch nicht absehbar, zumal einige aktuelle Studien gravierende und langwierige Folgen ankündigen. Denn bei all unseren Maßnahmen haben wir den Wirt vergessen: die Seele. Menschen bestehen nicht nur aus einem Körper, wir sind beseelte Wesen. Seelen ohne Verbindung leiden, manchmal bis zu Suizid. Warum das so ist, werde ich auf den folgenden Seiten darlegen.

Seit mehr als zwanzig Jahren beschäftige ich mich mit der chemischen Kommunikation beim Menschen. Also mit jenen unbewussten Ausdrucksmöglichkeiten, die Nähe voraussetzen und die einen erheblichen Einfluss auf unsere physische und psychische Verfassung, auf unsere Gesundheit haben. Im Laufe meiner wissenschaftlichen Arbeit hat sich deutlich herauskristallisiert, dass die soziale Bindung eine Art Lebenselixier für uns Menschen ist. Sie hält uns am Leben, schützt uns vor Krankheit und macht uns froh. Wenn sie fehlt, wenn wir sozial isoliert sind, in die Einsamkeit abdriften, haben wir ein höheres Risiko, schwer zu erkranken und früh zu sterben, als wenn wir uns maßlos Nikotin und Alkohol zuwenden.

Anhand von Millionen von Datensätzen ist schon lange bekannt, wie wichtig Verbundenheit und wie desaströs Einsamkeit ist. Aus diesem Grund hat England vor einigen Jahren auch einen Einsamkeitsminister berufen.

Verbundenheit mit nahen Menschen, das kennen wir alle, macht uns ein warmes Gefühl, das Herz wird weit, alles scheint zu fließen, ganz egal, von wem die Initiative ausgeht. Sie findet Resonanz, und dann strömt es. Ein lieber Mensch streichelt mir über die Hand, schaut mich an mit Zuneigung im Blick. Oder ich schaue, und mein Schauen wird erwidert; jemand hat mit einer Kleinigkeit an mich gedacht oder ich habe an jemanden gedacht, auch mein Denken an ihn verbindet mich. Verbindung kann entstehen mit fremden Menschen, die es danach nicht mehr sind. Man tauscht auf der Straße ein Lächeln mit einer unbekannten Person, erhält oder schenkt ein Kompliment, das Herz auf der Zunge, und hört „you made my day“. Manchmal kann eine flüchtige Begegnung im Vorübergehen zu einer Verbindung werden, die über Jahre, Jahrzehnte hält, an die man sich immer erinnert. … Als das Kind mit dem Roller an den Laternenpfahl gefahren ist und ich diese fremde Frau angeschaut habe und dann mit ihr wie auf Kommando zu dem Kind gelaufen bin. Wir waren eins in unserer Reaktion und Sorge um das kleine Mädchen. Und später noch verbunden in der Erleichterung, dass nichts Schlimmes passiert ist …

Kein Wort wurde gewechselt. Man weiß nicht, wie die andere heißt, woher sie kommt, wohin sie geht. Aber es gibt einen Moment, in dem die Zeit stillsteht. Es ist der Moment der Verbindung. Er kann auch im gemeinsamen Lachen erlebt werden, man teilt den gleichen Humor, sitzt mit vielen fremden Menschen in einem Konzert und erfreut sich an der Musik, egal welcher Tonart. Wann immer wir etwas gemeinsam mit anderen Menschen tun, tanzen, singen, spielen, uns gemeinsam bewegen, verstärkt sich das Gefühl der Verbundenheit, und das dient später oft als Anknüpfungspunkt für eine weitere gemeinsame Zukunft. Ohne Verbindung keine Gemeinschaft. Verbundenheit ebnet Vertrauen den Weg, was zu noch mehr Verbundenheit führt. Sie wächst in die Tiefe, doch sie ankert nie. Sie macht glücklich und gesund … wie alles, was uns lieb und teuer ist. Sie lässt sich jedoch nicht festmachen, einfangen. Ihrem Wesen nach ist sie flüchtig, das macht ihren Wert aus. Sie ist ein unsichtbarer Zauber, der sich jederzeit verflüchtigen kann wie ein Duft. Und nun folgen wir ihrer Fährte …

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DarmAlarm!

 

Für Professor*innen habe ich schon öfter geschrieben. Dies hier ist meine erste Zusammenarbeit mit einem Leibnitz Preisträger. Habe wieder viel gelernt und unterwegs auch viel gelacht. Das Thema bietet sich ja an für Wortspiele!

 

 

So fängt es an:

Den Darm wünscht man sich so, wie früher Kinder sein sollten. Am besten man sieht und hört sie nicht. … Und riecht nichts, könnte man hinzufügen. Aber manchmal gibt es Darmalarm.

Denn obwohl dem Darm nun sogar Charme zugeschrieben wurde, salonfähig ist er noch nicht. Ganz tief drin möchten wir von dem, was irgendwo da unten in uns brodelt, am besten nichts hören und gerne auch nichts sehen. Also nicht, wenn wir erwachsen sind. Als Kinder hat uns das Kacka, Drucki, AA oder wie auch immer unsere Eltern es nannten, brennend interessiert. Es war schließlich das Einzige, über das wir Macht hatten, was wir eigenständig produzierten. So begann unser Leben mit Bäuerchen und Blähungen. Über erstere freuten sich unsere Eltern, letztere raubten ihnen den Schlaf. Und auf einmal sind wir erwachsen und keiner wartet auf unser Bäuerchen, und wenn es passiert, ist es uns peinlich. Dieses nicht salonfähige Oben und Unten, nein, damit wollen wir lieber nichts zu tun haben. Sollte der Darmalarm mal ruchbar werden, drehen wir uns gespielt empört um, auch wenn wir wissen, dass uns selbst dieses Malheur entfleucht ist. Doch es gehört nun mal zum Leben. Am besten täglich. Und dann schnell auf die Spülung gedrückt und weg damit. Eine gesunde Darmentleerung fühlt sich gut an. Man hat es auch gern, wenn die Mülltonne leer ist. Und macht es nicht auch schlank? Nein, macht es nicht – dies ist der erste Irrtum von vielen, die auf den folgenden Seiten korrigiert werden. Ich bin ein großer Fan vom Darm, denn er ist ein Wunderwerk. Und für mich als Mediziner nimmt er deutlich mehr Raum ein als den Bauch, er ist ein, wenn auch meterlanger Teil der Verdauung. Sehr häufig haben klassische Darmprobleme ihre Ursache an anderen Stellen der Verdauung: Leber, Bauchspeicheldrüse, Speiseröhre. All diese Schlüsselstellen werden Sie in diesem Buch kennenlernen und am Ende gewiss ein anderes Bild von Ihrem Darm haben, ja vielleicht sind Sie dann auch ein Fan!

Landläufig weiß man, dass er ziemlich lang ist, je nach Tonus und Füllungsstand 5 bis 6 Meter. Man weiß, dass es einen dicken und einen dünnen gibt und einen blinden, der zum Durchbruch neigt. Vor zu erwartenden Schussverletzungen bei Banküberfällen, habe ich einmal in einem Thriller gelesen, sollte man nüchtern bleiben, weil eine Operation im Bauchraum sonst Komplikationen nach sich ziehen könnte.

Viele meiner Patienten fühlen sich durch ihre Erkrankungen tatsächlich wie angeschossen, und oft ist es ihnen nicht möglich, ein „normales“ Leben zu führen. Ihr Darm scheint ein Eigenleben zu entwickeln, lässt sich nicht erziehen, sondern tut, was er will, und meistens dann, wenn er nicht soll. Zuweilen schießt er sogar, auch scharf. Für die meisten Menschen ist Krebs die schlimmste Krankheit, vor der sie sich bei Gedanken an den Darm fürchten. Doch es gibt noch viele andere, kleine und größere und harmlose, die dennoch mordmäßig Eindruck machen, das Leben stark beeinträchtigen. Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie Ihre eigenen Taktstörungen besser einschätzen können. Sind sie normal oder sollte man das mal abklären lassen?

In der Regel wissen Menschen wenig über die Funktionsweise des gesunden Darms. Verstopfung zum Beispiel ist gesund, auch wenn Pharmaunternehmen mit allerhand Produkten für die Beschleunigung werben. Während man morgens im Büro, ohne mit der Wimper zu zucken berichtet, dass man schlecht geschlafen hat, wird man den Kollegen wohl kaum erzählen, dass man die Kloschüssel schier gesprengt hat oder nach dem Stuhlgang noch mal duschen musste, weil es so anstrengend war. Solche Beichten höre ich meist auch nicht bei der ersten Konsultation. Meine Patienten müssen erst Vertrauen zu mir entwickeln, bis sie mit der Wahrheit herausrücken. Der Darm ist nun mal ein sensibles Thema. Er ist mit Material beschäftigt, das wir nicht besonders appetitlich finden, obwohl wir es ihm mit Appetit zugeführt haben. Das sollte man sich gelegentlich vergegenwärtigen. Wie das, was unten rauskommt, vor einigen Stunden oben aussah. Lecker nämlich. Das stimmt uns vielleicht ein wenig freundlicher. Denn leider sind wir dem Darm gegenüber eher oft ungehalten. Er soll seine Arbeit tun und basta. Wir wollen nicht näher mit ihm befasst sein, freuen uns aber, wenn er aktiv ist. „Wenn’s Arscherl brummt, ist‘ Herzerl gesund“. Und wenn nicht … dann leiden wir, denn der Darm hat feinste Verbindungen zu unserer Seele. An keinem anderen Ort im Körper merken wir so schnell, dass etwas nicht stimmt wie am Verdauungssystem. Die Kehle ist uns zugeschnürt, der Hals wird eng, im Magen drückt es, wir kriegen ein komisches Bauchgefühl. Das alles behalten wir oft für uns. Vor allem wenn es hinten rauskommt. Darin sind wir Menschen gleich. Ein Patient hat mir einmal von seinem Großvater erzählt, der ihm riet: Wenn du Angst vor jemand hast, stell ihn dir auf der Toilette vor.

Ja, der Darm macht uns auf eine ganz besondere Art zu Menschen. Und weil er zur Abfallwirtschaft gehört, wollen wir ihn, der im Untergrund arbeitet, am liebsten dort belassen.

In diesem Buch werden wir ein Licht in die dunklen Windungen des Darms werfen – und in die gesamte Verdauung. Wir steigen tief hinab in dieses lange und gefaltete Schlauchsystem, und ich verspreche Ihnen, dass Sie dort viele Wunder erleben werden. Sie werden erkennen, dass Sie ohne die fleißigen Helfer von der Müllabfuhr kein so schönes Leben führen könnten, wie Sie es hoffentlich tun. Dieser großartige Reinigungstruppe sorgt dafür, dass Sie gesund bleiben. Er kehrt den Rest vom Schützenfest zusammen, presst das Wasser ab und schiebt den kompakten Müll nach draußen, so dass uns nur noch die schönen Seiten bleiben, manchmal leider auf den Rippen. War es nicht ein gelungenes Fest?

Warum es manchmal unangenehm riecht, warum der Stuhl unterschiedliche Brauntöne hat, für das alles gibt es gute Gründe. Der Darm ist so wenig schmutzig wie ein Eimer, mit dem Sie den Boden gewischt haben. Es ist das Wasser, das den Schmutz aufgenommen hat, und das Sie am Ende wegkippen. Wie sauber und schön der Darm ist, sehen Sie bei einer Darmspiegelung. Manche Leute kneifen währenddessen die Augen zusammen. Doch das, was zu Ekel führt, ist gar nicht sichtbar, da spielt uns unsere Phantasie einen Streich. Für mich ist dieses ästhetische Gebilde ein Kunstwerk. Zartrot, sauber, mit einem Gefäßgeflecht verziert, liegt der Darm lebendig vor dem Auge des Betrachters … ist es nicht faszinierend, welche Reisen in das Innere des Körpers uns die endoskopische Technik gestattet? Mit ihrer Hilfe können wir kranken Menschen helfen und Gesunde vor Krankheit bewahren.

Darmprobleme gelten als Volkskrankheit Nummer eins. Die einen können nicht, die anderen zu oft, wieder andere produzieren nur heiße Luft. Die wird dann kurz vor den 20-Uhr-Nachrichten abgelassen, mit kitschigen Protagonisten, die für ein Darmpräparat werben. Ihre Beschwerden sind nach der Einnahme „wie weg“ also auf gut Deutsch: noch da, weil wie weg ist ja nicht weg. Ein Arzttermin wird vereinbart. Mein tägliches Brot sind Verstopfung, Durchfall, Bauchschmerzen und Blähungen, kurz: Darmalarm. Ein leichteres Los scheinen jene zu haben, die nur an Sodbrennen leiden, wobei das höllische Schmerzen bereiten kann.

„Gibt es eigentlich auch was Positives über den Darm zu sagen?“, fragte mich einmal ein Patient.

Da musste ich nicht lange überlegen „Schmetterlinge im Bauch.“

Aber die sind natürlich seltener als Blähungen. Wir essen mehrmals täglich, verlieben uns aber nicht laufend aufs Neue.

Man kann sich auch in die Wissenschaft verlieben, so ist es mir ergangen. Seit meinem Medizinstudium bin ich mit Leib und Seele auch in der Forschung tätig. Viele Jahre lang habe ich in Heidelberg als Ärztlicher Direktor in der Universitätsklinik die Abteilung für Gastroenterologie, Infektionskrankheiten und Vergiftungen geleitet. Heute bin ich in eigener Praxis und in der Forschung tätig. Zudem praktiziere ich als Notarzt und Schiffsarzt. Auf dem Weg zu meinen wissenschaftlichen Erkenntnissen habe ich manchmal sehr unkonventionell gedacht und war gelegentlich ein bisschen allein – doch die Forschungsergebnisse und vor allem: die vielen Patienten, denen ich helfen konnte, haben mich bestärkt, meine Ideen weiterzuverfolgen. Ein großer Ansporn war die Verleihung des Leibniz-Preises, der als deutscher Nobelpreis gilt und Wissenschaftler ehrt, die neue Wege gehen. Damals war ich erst achtunddreißig Jahre alt und hatte bei einem zweijährigen Forschungsaufenthalt an der Mount Sinai School of Medicine in New York herausgefunden, wie essentielle Bestandteile in die Zellen gelangen. Ich wäre sehr erstaunt gewesen, wenn man mir damals gesagt hätte, dass mir eine noch viel größere Entdeckung bevorstand, nämlich das Lecithin als Schlüssel zur Gesundheit …

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Buddha Coaching

 

Cornelia und Stephan Schwarz verbinden zwei Themen, die landläufig für Gegensätze gehalten werden. Doch Business und Buddha ergänzen sich. Ich habe viel gelernt bei diesem Buch.

 

 

Und so geht’s los:

Geschäftlicher Erfolg und geistige Entwicklung – ist das miteinander vereinbar? Oder muss man, um beruflich erfolgreich zu sein, bei den eigenen Werten ein Auge zudrücken? Im Spannungsfeld zwischen guten Absichten und der harten Realität bleiben Ideale bekannter Weise häufig auf der Strecke. Ist das als unabänderlich zu akzeptieren, wenn man Erfolg anstrebt? Oder gibt es einen Plan B?

Sie halten ihn in den Händen. Der Plan B heißt Buddha Coaching, und wer ihm folgt, schmälert seinen Erfolg gewiss nicht, denn wirklich Großes schaffen wir durch Verbindung anstatt Trennung. In den letzten Jahren wird es immer deutlicher: Menschen wollen nicht leben, um zu arbeiten, sondern suchen nach Lebensqualität und Sinnhaftigkeit in allen Aspekten ihres Lebens.

Im Buddha Coaching öffnen wir eine neue Perspektive. Coach und Klient befinden sich durch die buddhistische Psychologie in einem erweiterten Wahrnehmungsraum. Man kann unsere besondere Herangehensweise mit der Schulmedizin und der allopathischen Medizin vergleichen. In der Schulmedizin bekommt man eine Tablette für das Problem, in der allopathischen Medizin eines für das ganze System.

Im herkömmlichen Coaching wird oft nur ein bisschen an der Persönlichkeit herumgebastelt, damit dann alles wieder gut ist, das heißt, die Mitarbeiter, das Team wieder funktionieren. Denn darauf kommt es doch an? Tatsächlich? Im Buddha Coaching setzen wir andere Ziele, die die herkömmlichen jedoch beinhalten, mit dem Unterschied, dass sie schneller und leichter und vor allem auf einem direkten Weg erreicht werden. Das kommt vielen Menschen sehr zu Gute,  denn wir wollen ja alle immer schneller und größer und weiter und höher und breiter und besser werden, und das bitte gleichzeitig. Obwohl sich viele Unternehmen eine Life-Work-Balance auf die Fahne schreiben, steigt der Druck. Abschalten scheint kaum mehr möglich, alles soll jetzt gleich geschehen, und zwar perfekt. Dieser Zwang zum Perfektionismus hat eine epidemische Ebene erreicht, so diagnostiziert der Wiener Psychiater Professor Raphael Bonelli.

Da wir Menschen sind, keine Maschinen, werden wir nie fertig, bleibt vieles liegen. Wir müssen uns also noch mehr anstrengen, überall. Denn wir sind ja nicht nur berufstätig, wir sind vielleicht auch Eltern, möchten Quality-Time mit unseren Kindern verbringen, den Freundeskreis pflegen und Hobbys, uns um die eigenen Eltern kümmern, gut ernähren und Sport treiben, immer auf dem Laufenden halten, und idealerweise total entspannt sein. Denn Stress macht krank und zeigt peinlich deutlich, dass man beim Zeitmanagement versagt hat. Versagen jedoch ist das schlimmste. Versagen darf nicht sein in unserer Leistungsgesellschaft, in der wir anderen mit kreativen Posts pausenlos beweisen, dass wir noch da sind und wie gut es uns geht. Auf jeden Fall besser als anderen, was ganz schön zeitaufwändig ist, weshalb wir mit unserer Quality Time noch tiefer ins Minus rutschen. Aber dadurch, dass die anderen hoffentlich sehen, wie gut es uns geht, und das idealerweise liken, auch wenn sie hoffentlich grün vor Neid werden, erhalten wir unsere Daseinsberechtigung.  So findet das Leben größtenteils in der Außenwelt statt. Es gibt da aber noch etwas anderes, das Entscheidende nämlich: die Innenwelt. Dort befindet sich alles, was wir brauchen, um dem täglichen Wahnsinn Stand zu halten und mehr noch: ihn mit allen Sinnen zu genießen. Denn Genießen bedarf des Anhaltens, der Muße und von der Muse wird nur geküsst, wer auch präsent ist.

Buddha Coaching ist kein Notausgang, sondern ein Tor zum Licht. In den Religionen lautet die Schlüsselfrage: Glaubst du oder glaubst du nicht? Wer nicht glaubt, beneidet manchmal die Gläubigen – haben sie es nicht viel leichter, weil sie sich in ein großes Ganzes gebettet fühlen können? Der Buddhismus ist keine Glaubensfrage, ja genau genommen ursprünglich nicht einmal eine Religion, sondern eine Weisheitslehre. Die buddhistische Philosophie hat für alle Lebensfragen Antworten gefunden, sie entspringt keinem theoretischen Wissen, sondern praktischen Erfahrungen. Diese Erfahrungen kann jeder Mensch selbst machen, der sich für diesen Weg öffnet … und dann feststellen wird, wie schnell sich sein Leben zum Positiven verändert.

 

 

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Wenn das Leben stillsteht

Als Co-Autorin oder Ghostwritern habe ich schon so hinter manche Kulisse blicken dürfen. Für dieses Buch durfte ich an einer Herz-OP teilnehmen! Ich bin nicht umgekippt, es ist jedoch beim Schreiben ziemlich viel Herzblut geflossen!

 

 

Prolog

In meiner Heimat heißt es, die Seele würde im Herzen und im Hirn wohnen. Es war ein Schock für mich, als ich während meiner Ausbildung in Köln das erste Mal einen geöffneten Brustkorb ohne Herz sah. Der Patient lag auf dem Tisch, riesengroß klaffte das Loch, wo das Herz hingehört. Es war aber nicht da. Der Chef legte es mir in die Hand, ein Oberarzt bereitete das neue Herz dieses Patienten vor. Die beiden erfahrenen Kollegen führten eine Choreographie auf, die mich mit Bewunderung erfüllte. Wie sicher sie auf der Schneide des Todes balancierten, ja fast tanzten auf der grünen Bühne mit all dem blitzenden Edelstahl. Wie souverän sie Entscheidungen trafen, die über das Weiterleben des Patienten bestimmten. Der schlief tief … bekam von all dem nichts mit. Oder doch? Wo weilte seine Seele? Im Herzen jedenfalls nicht, erkannte ich in diesem Moment, denn das hielt ich in der Hand und spürte nichts, was allerdings kein Beweis war. Es war ein müdes Herz, fettbesetzt, und es hatte sich nur noch mit äußerster Anstrengung durch sein Leben geschleppt, war dabei immer größer und größer geworden und hatte es letztlich doch nicht mehr geschafft, seinen Körper gut zu versorgen. Wie ein alter, im Sterbebett liegender Mensch kam mir dieses Herz vor – und es sprach zu mir mit heiserer, ja fast schon gebrochener Stimme: Ich kann nicht mehr.

Deshalb wurde es ausgetauscht. Mit oder ohne Seele? Wie viele Herzen stehen einem Menschen zu? Und wie lebt es sich mit einem neuen Herzen oder nach einem ähnlich schweren Eingriff; wie lebt es sich nach einem harten Schicksalsschlag. Wenn das alte Normal wie aus dem Leib herausgeschnitten scheint. Vielleicht kommt es einzig und allein darauf an, die Stimme des Herzens zu hören? Wenn wir das alle tun, wie sähe unsere Welt aus?

Diese Gedanken beschäftigen mich bis heute und mit den Jahren habe ich Antworten gefunden … Einige davon möchte ich in diesem Buch mit Ihnen teilen …

 

Und es gibt sie auch in Englisch und Niederländisch:

 

 

 

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Es ist noch kein Meister in den Himmel gefallen

 

Oft findet der Verlag den Titel für ein Buch. Dieser hier ist mir vom Himmel gefallen, und ich habe ihn sofort angehimmelt … und sehr viel gelernt beim Schreiben dieses Buch mit Stephan Schwarz.

 

Und so fängt es an, mit der Überschrift: Happy End!

Was ist, wenn es aus ist? Also wenn nichts mehr ist. Gibt es das überhaupt: nichts? Oder ist da doch was? Und wenn ja, was? Himmel, Hölle, Wiedergeburt? Keiner weiß es. Doch Menschen, die ihren Blick auch nach innen wenden, sind zufriedener mit ihrem Leben, gelassener, weniger gestresst und, wen wundert‘s, auch gesünder. Sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen, hält jung! Weiterlesen

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