Archiv des Autors: Shirley Michaela Seul

Die glückliche Familie

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Ein Frühwerk von Gabriele Triumph Adler und mir. 1980er-Jahre. Oft veröffentlicht in Fanzines. Aber unauffindbar im Netz bis jetzt! Zur Modernisierung habe ich das Wort Handy eingefügt und ß durch ss ersetzt. Schäm ich mich? Nein, ich staune! Weiterlesen

Erde ruft Himmel

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Heute sendet die plaudernde Schreibmaschine eine Botschaft ins All zu einem lieben Freund, der von Anfang an vom Internet begeistert war, der die Vorteile erkannte und die Nachteile nicht mehr erlebte, zumindest nicht auf Erden. Vielleicht, lieber Nick, empfängst du jetzt alles und alle und wahrscheinlich ist dir dein ehemaliger Geburtstag egal. Aber ich denk heute an dich. In Haselnussbraun. Weiterlesen

Allmorgendlich

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Hallo Frau Seul, wir hier im Lehrerkollegium sind uns gerade nicht einig, was sie mit ihrer Geschichte Allmorgendlich sagen wollen. Wir haben uns fast gestritten. Es wäre nett, wenn Sie uns kurz ihre Interpretation schicken könnten. Mit freundlichen Grüßen

Irgendwas war doch hier faul. Ein Lehrerkollegium mit solchen Schwächen in der Groß- und Kleinschreibung? Am Abend trudelte noch eine Mail ein:

Hallo Frau Seul, muss Hausaufgabe machen. Über Kurzgeschichte von dir. Was soll ich sagen? Bitte Mail bis Mittwoch in zwei Seiten. Olli.

Am nächsten Tag: Sehr geehrte Frau Seul, es wäre total nett, wenn Sie mir verraten können, was Sie sich bei Ihrer Kurzgeschichte Allmorgendlich gedacht haben.

Die Geschichte „Allmorgendlich! habe ich im Alter von neunzehn Jahren geschrieben, vielleicht ist sie deshalb der Renner in Schulbüchern, und sie wurde auch schon als Prüfungsaufgabe in Deutsch für die Mittlere Reife verwendet.

Was ich mir also dabei gedacht habe?

Nichts. Weiterlesen

Fingerkuppen können denken

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Meinen ersten Roman, ich begann ihn mit achtzehn, habe ich zirka zehn Mal abgetippt. Von vorne bis hinten. Ich verbrauchte flaschenweise Tipp-Ex. Wenn das Schreibmaschinenpapier so zugekleckst war, dass es löchrig wurde, fing ich mit einer neuen Abschrift an. Bei jedem Durchgang veränderte sich viel. Denn ich dachte die Geschichte wirklich neu. In jeder meiner Fingerkuppen saß damals ein kleines Gehirn. Heute habe ich nur noch Hirn im Zeigfinger. Dem Mausklicker. Weiterlesen

Rehview

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Als Ghostwritern bin ich normalerweise für Menschen tätig. Und das war ich in gewisser Weise auch diesmal – doch eigentlich habe ich „Wildwechsel“  für ein Reh geschrieben und über ein Reh, eine sehr besondere Liebesgeschichte zwischen Susa Bobke und Schneewittchen, dem Rehkitz, das sie gerettet und ausgewildert hat. Mittlerweile ist es acht Jahre alt und zwölffache Mutter.

„Hallo, ich bin deine Ghostwritern“, sagte ich zu dem Reh. Es schaute mich ohne Neugier an. Es nahm mich einfach hin wie alles. Vor mir als Menschin wäre es weggelaufen. Aber ich kam ja mit Susa Bobke, seiner Adoptivmutter, und so zählte ich zu den Guten. Ich durfte das Reh streicheln und erzählte ihm von seinem Buch. Die Ohren, man nennt sie Lauscher, spielten. Was für eine wilde Situation. Ich erzähle einem Reh von seinem Buch. Und ich versprach ihm, seine Grenzen zu wahren. Doch kann ich das? Kenne ich als Mensch die Grenzen eines Rehs? Was ist ihm peinlich, ist ihm das peinlich? Sein eigenes Buch abzuschlecken? Oder ist es einfach die rehliche Art, Autogramme zu geben …

Wildwechsel:Schneewittchen mag ihr Buch.

Gepostet von Susa Bobke am Samstag, 31. März 2018

 

Lyrik lindert Liebe

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Die meisten AutorInnen, die ich kenne, haben mit Gedichten begonnen. Kurzstrecke sozusagen. Mich haben Gedichte nie gereizt. Aber als ich mich mit Mitte zwanzig verliebte wie noch nie, dauerte mir Prosa zu lang. Ich entdeckte die Gedichtform für mich. Hämmerte leidenschaftlich auf die Tasten. Manchmal entstanden drei Gedichte an einem Tag. Nie so kreativ wie verliebt – wenn die ganze Welt leuchtet. Später dann Beziehungsprobleme. Auch sehr kreativ und empfehlenswert. Dann Trennung und einsam. Eine extrem fruchtbare Zeit für Lyrikerinnen. Und es geht so schnell, wenn man nur eine Dichterin, keine Denkerin ist. Eigentlich könnte Lyrik ein Produkt des Computerzeitalters sein. Weiterlesen

Gabriele und ich

 Aus der Schreibmaschine geplaudert

Ich glaube, sie hieß Gabriele. Viele, die ich kannte,  hatten eine Gabi an ihrer Seite, beziehungsweise unter ihren Fingerkuppen. Das konnten schon Knuten sein, denn man musste regelrecht in die Tasten dreschen. Gabi nahm es mir nicht übel, das war sie gewohnt. Hell erklang das Glöckchen des Zeilenschalthebels. Kling, kling, kling. Weiterlesen

Wildwechsel

Mit Susa Bobke habe ich schon mehrere Bücher geschrieben, darunter auch der Bestseller „Männer sind anders. Autos auch.“ Mit diesem Buch zeigt sie sich von einer ganz anderen Seite, und es ist mir eine Ehre, diese Seiten mit Buchstaben begleitet zu haben.

 

 

Schockernte

„Da liegt eins! Da liegt eins!“ Die Stimme des kleinen Jakob durchschnitt den Sommernachmittag und den schweren Heugeruch, der über dem Tal hing. Die Bauern mähten wie die Nähmaschinen. Nach vielen Gewittern war für die nächsten Tage ein stabiles Hoch vorhergesagt. Nur sehr wenige Landwirte laufen vor dem Mähen durch die Wiesen, um nach Kitzen zu suchen. Man schätzt, dass pro Jahr in Deutschland eine halbe Million Wildtiere „vermäht“ werden. Ich war sehr froh, dass Jakobs Vater mir in meiner Eigenschaft als Jägerin in diesem Revier rechtzeitig vor dem Mähen Bescheid gegeben hatte. Trotz seiner vielen Arbeit auf dem Hof half er beim Suchen. Und nun hatte sein fünfjähriger Sohn ein Kitz gefunden, aber wo? Das Gras stand mir bis zum Bauchnabel, und es dauerte eine Weile, bis ich die Kinderhand über den Grasspitzen winken sah. Ich bahnte mir einen Weg durch die blühenden Gräser zu Jakob. Er strahlte mich an und zeigte auf eine kleine Fellkugel.

„Super hast du das gemacht“, lobte ich ihn.

Das Kitz schaute mich an. Keine Angst im Blick, aber auch keine Freude, seinen Rettern zu begegnen. Unter ein Büschel Gräser geschmiegt lag es da, so eins mit seiner Umgebung, dass man es leicht übersehen konnte, auch wenn man nah daran vorbeiging. Es war vielleicht eine Woche alt und wunderschön. Ein so süßes Kitzgesicht mit schwarzen Rehaugen und sehr langen Wimpern, mit riesengroßen Hasenohren und vielen weißen Punkten auf dem hellbraunen Fell. Ich bewegte mich langsam, um es nicht zu erschrecken. Ich sprach nicht, aber ich dachte zu dem Kitz hin: Ich trage dich jetzt raus aus dem Gefahrengebiet. Ich passe gut auf, dass ich dein Fell nicht berühre. Nichts wird dir geschehen. Weiterlesen