Archiv des Autors: Shirley Michaela Seul

Das Glück hat vier Pfoten

Ich liebe es, über Hunde zu schreiben. Und jetzt ist das dabei herausgekommen:

 

Wer ist hier eigentlich der Chef?

Eines Morgens erkannte ich, dass mehr in meinem Hund steckt als ich ahnte – und das war bereits eine Menge. Doch diesmal ging es nicht um Intelligenz und Fähigkeiten oder Treue und andere alt bekannte hundliche Eigenschaften. Geistesblitz! Sondern um seine Führungsqualitäten. Es kann gut sein, dass mein Hund jahrelang für diese Leitung gebuddelt hat, bis das Lämpchen in meinem Kopf endlich leuchtete. Menschen sind zuweilen ein wenig schwer von Begriff. Ich nehme an, dass ich kein Einzelfall bin.

Am Abend vor meiner Erkenntnis war ich mit einer ellenlangen Liste ins Bett gegangen, was ich am nächsten Tag alles erledigen sollte. Beim Aufstehen arbeitete ich weiter an der Liste, überlegte mir im Bad eine Reihenfolge, zwischendurch fiel mir der Hund ein, und ich fragte mich, wann ich Gassi gehen sollte. Spazierengehen, allein das Wort machte mich nervös. Es passte überhaupt nicht zu dem bevorstehenden Tag, den ich nur im Dauerlauf bewältigen würde. Am besten ich begann gleich beim Zähneputzen mit Aufwärmgymnastik … wie funktioniert diese Turnübung gleich noch mal, mit der man hundert Jahre alt wird?

Mein Hund ist Langschläfer. Er genießt jede Sekunde, die er morgens auf seinem Schaffell döst. Falls ich vor sechs Uhr aufstehe, kneift er die Augen besonders fest zu. Selbst wenn etwas zu Boden fällt, rührt er sich nicht. Ich habe gehört, dass andere Hunde, egal, zu welcher Uhrzeit ihre Rudelmitglieder begeistert begrüßen. Meiner hält sich an die Geschäftszeiten. An seine, wohlgemerkt. Doch es war bereits sieben, was mich noch nervöser machte, da ich schon eine Stunde VERLOREN hatte, weil ich länger geschlafen hatte, weil ich eine Weile nicht eingeschlafen war, weil ich dauernd an die Liste gedacht hatte, die ich nachts schon begonnen hatte abzuarbeiten, leider erfolglos. Hätte ich mich mal besser an die Geschäftszeiten gehalten!

Der Hund lag auf dem Schaffell unter dem Küchentisch, wie meistens am Morgen. Ich habe ein Bett, er drei. Zähle ich das Sofa mit, vier. Aber das nur am Rande. Der Hund hatte mich natürlich längst auf dem Radar. Aber nein, er war nicht aufgesprungen, als er meinen sich Richtung Wachwerden veränderten Atem aus dem Schlafzimmer hörte oder die Zahnbürste im Badezimmer. Er suchte auch nicht nach meinen verlorenen sechzig Minuten. Such, such, wo ist die Stunde, bring sie!

Er erhob sich erst jetzt. Langsam. Streckte sich behaglich, machte sich, die Pfoten weit nach vorne, lang, verließ gemächlich, fast möchte ich behaupten aufreizend langsam sein Bett, dehnte weiter, nun auch die Hinterbeine. Schüttelte sich. Sah ich da Traumfetzen aus seinem Fell spritzen oder war das mein blinkendes Coffein-Rotlicht? Schwanzwedelnd, aber nicht übertrieben eilig, kam der Hund zu mir. Sein Tag war nigelnagelneu. Von Stress keine Spur, woher auch. War doch alles prima und Liste kannte er nur ohne E. Wie ein frisch gegrabener Fuchsbau lag dieser Tag vor meinem Hund. Verlockend duftend, wunderbar. Was würde heute alles Tolles geschehen? Ein Höhepunkt stand unmittelbar bevor: der Napf. Mein Hund leckte sich übers Mal. Grunzte vorfreudig. Rieb seinen Kopf an meinem Bein, die Katzennummer. Meine Liste ging in die Knie und ich sowieso. Ich sagte all diese Sachen, die man vor Zeugen nicht wiederholen möchte. Jeder Hundefreund hat seine Geheimsprache.

Das war jetzt keine neue Erfahrung, dass der Hund mich beruhigt. Das ist auch wissenschaftlich erwiesen, der Blutdruck sinkt, der Herzschlag verlangsamt. Man braucht keine Tabletten, bloß Hund streicheln. Wir schmusten ein bisschen, dann fiel mir meine Liste ein, und ich stand auf, die Kaffeemaschine anzuschalten. Für den Tag, der vor mir lag, benötigte ich besonders viel Schwung, ich dosierte das Pulver großzügig. Das war sozusagen mein Napf: die Tasse Kaffee am Morgen.

Der Hund streckte sich noch mal. Aus seiner Yogastellung heraus schaute er mich an. Offen, freundlich, aufmerksam. Warme braune Augen, tiefer Blick. Du Hund, ich Mensch. Wieso sollte ich mich beeilen? Was konnte ich verpassen außer diesem Augenblick? Was würde eines Tages im Album meines Lebens zählen? Wie schnell ich das Haus an diesem Morgen verlassen habe oder die innige Begegnung mit meinem lieben Hund? Was war mir wichtig, und wenn ich es wusste, warum machte ich es nicht einfach? Ich ließ mich zu Boden gleiten, nahm den Vierfüßlerstand ein und ahmte nach, was mein Hund vorgeturnt hatte. Ich dehnte und reckte und streckte mich. Der Hund beobachtete meine Verrenkungen, ich würde behaupten wohlwollend. Meine Liste rutschte in kleinen Fetzen von meinem Leib …

 

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Seelengefährten auf vier Pfoten

Die Zusammenarbeit mit Dr. Wilma Staffa war sehr inspirierend für mich und hat meine Sichtweise auf die Medizin und die Verbindung zwischen Mensch und Tier sehr bereichert.

 

 

Der Tanz der Liebe

Eines Abends nach einem langen Tag in meiner Praxis stand ich am Fenster. Eben erst hatte sich die Tür hinter dem letzten Patienten geschlossen. Meine Mitarbeiterinnen waren bereits zu Hause. Kurz genoss ich die Stille nach all den Tieren, Tränen, Tabletten. Da sah ich die beiden, Frau Moltke und Rex. Seit’ an Seit’ gingen sie durch den nebligen Dezemberabend. Aber sie liefen nicht rund, sie hinkten. Beide! Es wirkte als tanzten sie ihre ganz eigene Choreographie. Der sechsjährige Schäfer hatte seit zwei Jahren Arthrose. Eigentlich zu früh. Wenn es nass und kalt war, verschlimmerten sich seine Symptome, deshalb war Frau Moltke heute bei mir gewesen. Und wie immer hatte sie gefragt „Kann man denn da gar nichts machen?,“ und ich hatte zusätzlich zur Schmerztherapie ein Präparat empfohlen für den Knochenaufbau. Neulich hatte ich eine Studie gelesen, die mir vielversprechend erschien. Frau Moltke wollte das Präparat gerne ausprobieren. Weiterlesen

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Lesen in Zeiten der Corona

Was tun? Natürlich: lesen! Nämlich: endlich! Zeit für Bücher! Wer liest, ist nie einsam und findet Trost und Tipps, Täler zu durchschreiten. Die Leute in den Büchern sind uns vorausgegangen.

 

 

Doch so schnell wie downgelockt wurde, bin ich nicht runtergekommen. Ich habe zwar gelesen, aber Hochgeschwindigkeitsbücher. Die verkehrten alle auf der gleichen Schiene. Im Grunde genommen sind Krimis wie Märchen. Schön gemütlich, weil man weiß, was auf einen zukommt, und genau das wird jetzt so schmerzlich vermisst, wenngleich es immer eine Illusion war.

Mittlerweile, es wird über Lockerungen gesprochen, fühle ich mich endlich auch lockerer, so gelöst sogar, dass ich mich an die Literatur wage. Die benötigt Ruhe. Man kann sie nicht verschlingen, sonst verpasst man sie, Literatur will genossen werden. Und so habe ich vorhin einen Satz gefunden, den ich an diesem stürmischen Sonnentag voller Frühsommersirren gern teile. Er stammt von Gert Heidenreich aus der Erzählung “Die Gnade der späten Geburt”,  und er beschreibt ein “rasendes Wolkentheater”: … Riesenhände voll Wind in die Gassen warf, die restlichen, von der Schneelast befreiten Herbstblätter des Vorjahrs in die Hauswinkel jagte und dort zu kleinen Pirouetten aufdrehte, so daß der ganze Ort sich in eine heiter zerzauste Stimmung versetzt fand.”

Die wünsche ich uns …

 

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Aussteigen, Einsteigen, Los!

Ich bin mit ausgestiegen und eingestiegen und losgefahren. Es war eine wunderschöne Zeit mit dieser außergewöhnlichen Familie!

 

 

Das unbekannte Ausland

Wir parkten vor dem Rathaus in Andechs am Ammersee. „Ich mach das jetzt einfach“, sagte ich zu Diana.

„Einfach“, wiederholte sie.

„Genau so“, bekräftigte ich. Alle hatten gesagt, dass es nicht klappen würde. Aber das hatten wir schon so oft in unserem Leben gehört. Und dann hatte es doch geklappt, wenn auch meistens anders, als wir uns etwas vorgestellt hatten. Das macht das Leben doch so spannend, oder? Weiterlesen

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Alles Geruchssache

Es gibt Bücher, die verändern die Weltsicht. Dieses hier gehört dazu. Es war mir eine große Freude, mit der international führenden Geruchsprofessorin Bettina M. Pause zusammenarbeiten zu dürfen!

 

 

Der Geruchscode

Ohne Ihre Nase könnten Sie dieses Buch nicht lesen. Ohne Gerüche könnten wir Menschen nicht fühlen, erinnern oder sprechen. Wir wären maximal auf einem Entwicklungsstand wie Schwämme, Würmer, Insekten und Quallen. Weiterlesen

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Therapie auf vier Pfoten

Mein drittes Buch mit der wundervollen Stephanie Lang von Langen ist ein ganz besonderes – wer einmal erlebt hat, was Therapiehunde bewirken … der weiß: Gib dem Menschen einen Hund, und seine Seele wird gesund (Hildegard von Bingen).

 

 

 

Lust auf einen Spaziergang mit uns?

Karl steht jeden Morgen um fünf Uhr auf, um es bis acht an seinen Arbeitsplatz zu schaffen, eine Caritas-Werkstatt in der Nähe seiner Wohnung. Der sechzigjährige rundliche Mann mit dichtem, noch immer dunklem Haar leidet seit vielen Jahren an einer Zwangsstörung. Es dauert Stunden, bis er seine Wohnung verlassen kann. Immer wieder muss er kontrollieren, ob der Herd ausgeschaltet, die Fenster verschlossen sind. Im Laufe seiner Erkrankung hat er zeitraubende Rituale entwickelt. „Hoffentlich schafft es Karl diesmal pünktlich“, seufzt eine Therapeutin, als wir vor dem Bus stehen, der uns zu einem Waldlehrpfad bringen soll. Weiterlesen

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60 mal Mama

 

Eines der berührendsten Bücher, das ich jemals schreiben durfte … ich habe viel gelernt über Kinder, Eltern und vor allem: über die Liebe.

 

 

An meinem sechzigsten Geburtstag waren viele meiner Kinder zu Besuch. Sie brachten Freunde und Freundinnen, Familie und Kinder mit, und es wurde ziemlich eng, obwohl ich auf einem alten Bauernhof mit großem Garten lebe. Irgendwann geschah ein Wunder: Ich hatte fünf Minuten für mich allein. Draußen im Garten schaute ich in den Sternenhimmel. Ich denke dabei oft an Kinder. Manche leuchten hell, andere dunkler, viele sieht man kaum. Ich schaue immer ganz tief in den Himmel hinein, weil ich auch die sehen will, die man eigentlich nicht sieht. Weiterlesen

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Der Takt des Lebens

 

Im wahrsten Sinne des Wortes: Mit Herzblut geschrieben! Und im Takt mit dem Herzchirurgen Dr. Reinhard Friedl, der einen völlig neuen Blick auf das Herz eröffnet – meins schlägt für dieses Buch!

 

 

BuBumm BuBumm BuBumm

Sie hören ihn meistens nicht, aber wenn Ihr Herzschlag plötzlich weg wäre, wären auch Sie weg. Denn Sie leben nur von Herzschlag zu Herzschlag. Dazwischen wohnt der Tod. Setzt nach einem Herzschlag kein nächster ein, bleibt die Uhr des Lebens stehen. Manchmal geschieht das im Schlaf oder beim Einkaufen. Kein Mensch kennt die Stunde seines Todes. Weiterlesen

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Die berühmten drei Wünsche

… War ich nicht super ausgebufft? Wenn die gute Fee zu mir kommen würde, hahaha, und mir drei Wünsche freistellen würde, würde ich mir würde, würde, würde, hätte und so weiter … unendlich viele Wünsche wünschen. Ja, das würde sogar klappen mit nur einem einzigen freien Wunsch, hoho! War ich vier oder sechs oder acht oder zehn, als ich diesen genialen Plan fasste? Bin ich zwanzig oder dreißig oder vierzig oder fünfzig und stelle fest, dass die Fee nie aufgekreuzt ist. Wahrscheinlich liegt es es daran, dass ich sie aufs Kreuz hätte legen wollen. Das mögen Feen nicht. Die haben’s nicht so mit Religion, eher mit Rehligionen. Weiterlesen

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