Archiv des Autors: Shirley Michaela Seul

Fingerkuppen können denken

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Meinen ersten Roman, ich begann ihn mit achtzehn, habe ich zirka zehn Mal abgetippt. Von vorne bis hinten. Ich verbrauchte flaschenweise Tipp-Ex. Wenn das Schreibmaschinenpapier so zugekleckst war, dass es löchrig wurde, fing ich mit einer neuen Abschrift an. Bei jedem Durchgang veränderte sich viel. Denn ich dachte die Geschichte wirklich neu. In jeder meiner Fingerkuppen saß damals ein kleines Gehirn. Heute habe ich nur noch Hirn im Zeigfinger. Dem Mausklicker. Weiterlesen

Rehview

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Als Ghostwritern bin ich normalerweise für Menschen tätig. Und das war ich in gewisser Weise auch diesmal – doch eigentlich habe ich „Wildwechsel“  für ein Reh geschrieben und über ein Reh, eine sehr besondere Liebesgeschichte zwischen Susa Bobke und Schneewittchen, dem Rehkitz, das sie gerettet und ausgewildert hat. Mittlerweile ist es acht Jahre alt und zwölffache Mutter.

„Hallo, ich bin deine Ghostwritern“, sagte ich zu dem Reh. Es schaute mich ohne Neugier an. Es nahm mich einfach hin wie alles. Vor mir als Menschin wäre es weggelaufen. Aber ich kam ja mit Susa Bobke, seiner Adoptivmutter, und so zählte ich zu den Guten. Ich durfte das Reh streicheln und erzählte ihm von seinem Buch. Die Ohren, man nennt sie Lauscher, spielten. Was für eine wilde Situation. Ich erzähle einem Reh von seinem Buch. Und ich versprach ihm, seine Grenzen zu wahren. Doch kann ich das? Kenne ich als Mensch die Grenzen eines Rehs? Was ist ihm peinlich, ist ihm das peinlich? Sein eigenes Buch abzuschlecken? Oder ist es einfach die rehliche Art, Autogramme zu geben …

Wildwechsel:Schneewittchen mag ihr Buch.

Gepostet von Susa Bobke am Samstag, 31. März 2018

 

Lyrik lindert Liebe

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Die meisten AutorInnen, die ich kenne, haben mit Gedichten begonnen. Kurzstrecke sozusagen. Mich haben Gedichte nie gereizt. Aber als ich mich mit Mitte zwanzig verliebte wie noch nie, dauerte mir Prosa zu lang. Ich entdeckte die Gedichtform für mich. Hämmerte leidenschaftlich auf die Tasten. Manchmal entstanden drei Gedichte an einem Tag. Nie so kreativ wie verliebt – wenn die ganze Welt leuchtet. Später dann Beziehungsprobleme. Auch sehr kreativ und empfehlenswert. Dann Trennung und einsam. Eine extrem fruchtbare Zeit für Lyrikerinnen. Und es geht so schnell, wenn man nur eine Dichterin, keine Denkerin ist. Eigentlich könnte Lyrik ein Produkt des Computerzeitalters sein. Weiterlesen

Gabriele und ich

 Aus der Schreibmaschine geplaudert

Ich glaube, sie hieß Gabriele. Viele, die ich kannte,  hatten eine Gabi an ihrer Seite, beziehungsweise unter ihren Fingerkuppen. Das konnten schon Knuten sein, denn man musste regelrecht in die Tasten dreschen. Gabi nahm es mir nicht übel, das war sie gewohnt. Hell erklang das Glöckchen des Zeilenschalthebels. Kling, kling, kling. Weiterlesen

The Track – Auf Umwegen zur Extremläuferin

Inhaltlich war das mein härtestes Buch: 877 Kilometer in  sechzehn Tagen. Zum Glück bin ich nur Buchstaben gelaufen.  Brigid Wefelnberg schafft das mit Schritten: unglaublich, die Leistungen dieser Power-Frau!

 

Vorlauf

Noch nie war ich so aufgeregt vor einem Lauf wie vor diesem – achthundertsiebzig Kilometer über die Pyrenäen. Und das non-stop in vierhundert Stunden, rund sechzehn Tagen. Die TransPyrenea war die größte Herausforderung meiner Lauf-Bahn. Ich war bestens vorbereitet und hatte ausnahmsweise sogar gezielt trainiert. Normalerweise mache ich keine Trainingspläne. Ich laufe einfach, weil es auch so begann: Eines Tages lief ich einfach los im Schwarzwald, und dann immer länger, immer weiter, und auf einmal war ich im Extremsport gelandet. Das hatte ich mir nicht vorgenommen, es lief wie von selbst. Weil mich das Laufen glücklich macht; die Grenzen, die ich überwinde, die Natur, die ich durchquere. Es ist ein bisschen so, als würde ich die Landschaften durch die extremen Bedingungen noch intensiver erfahren. Bei der TransPyrenea würde ich allerdings häufig auf mein GPS blicken müssen. Es gab keine klare Route, den Weg zum Ziel musste ich mir selbst erarbeiten. Allein das Kartenmaterial nahm ausgelegt zwanzig Meter ein. Ich konnte mich aber nicht darauf verlassen, ideale Wetterbedingungen zum Navigieren per Karte vorzufinden. Was machst du bei einem Sturm, bei peitschendem Regen in der Dunkelheit? Da hilft dir das beste Kartenmaterial keinen Schritt weiter. Also GPS, wie es mittlerweile bei manchen Läufen Pflicht ist. Gerade in der Wüste, umgeben von Dünen, die alle gleich aussehen, hängt das Leben nicht am seidenen Faden, sondern am Leitstrahl. Da überprüft man seine Ersatzbatterien nicht bloß dreimal, eher sechsmal. Ich bin ja noch ein bisschen old school. Nach Karte zu laufen macht einen zusätzlichen Reiz für mich aus. Keine Markierungen, keine Streckenposten, die dir die Richtung weisen. Nur du allein und die Natur. Diese unglaubliche Stille, lediglich durchbrochen von deinem Atem und den Füßen auf der Erde. Erde! Die kann so unterschiedlich sein. Manchmal hart, dann moosweich, glatt, geröllig, steil, sandig, gefährlich, glitschig, felsig, und zuweilen brauchen die Füße Unterstützung von den Händen; es gibt Passagen, die sind nur auf allen Vieren zu bewältigen. Oder mit Beinen, die bis zu den Schenkeln im Matsch stecken. Vor allem in der Wüste braucht es stellenweise sogar kräftigen Armeinsatz, um die hohen Sandberge zu erklimmen, da schlage ich die Arme, als würde ich durch Wasser kraulen, in die Dünen.

Pro Jahr absolviere ich drei bis vier große Läufe und zusätzlich den 24-Stunden-Lauf für Kinderrechte in Freiburg, bei dem ich im Schnitt einhundertvierzig Kilometer erreiche. Da meine Läufe so kräftezehrend sind, trainiere ich nicht täglich, außerdem bin ich „nebenbei“ noch Vollzeit berufstätig als Leiterin des deutschen Büros einer indischen Softwarefirma. Am Wochenende bin ich zuweilen acht Stunden auf meinen Läuferinnenbeinen. Dieses Training bringt mir wirklich etwas. Eine Stunde joggen am Morgen, darauf verzichte ich, ich laufe ja sozusagen in einer anderen Dimension. Das heißt nicht, dass ich werktags ruhe, ganz im Gegenteil: Alltagstraining hat einen hohen Stellenwert bei mir, jedoch nicht, um meine Fitness zu steigern, sondern um ein gewisses Grundlevel zu bewahren. So nutze ich jede Gelegenheit, um mich zu bewegen. Rolltreppen und Fahrstühle ignoriere ich aus Prinzip. Neulich erlebte ich wieder einen Klassiker: In einem Hotel, in dem ich zu einem Meeting verabredet war, fragte ich am Empfang nach der Treppe. Ein livrierter Mitarbeiter geleitete mich zu den Fahrstühlen. Als ich abermals um den Weg zur Treppe bat, schaute er mich an, als sei ich ein bisschen merkwürdig. Es waren immerhin neun Stockwerke. Und ich hatte eine große Tasche dabei, auf die der Mann dann auch deutete, kummervoll geradezu. Was für mich eine Freude ist, hätte für ihn eine Strafe bedeutet. Bei solchen Begegnungen grinse ich meistens in mich hinein. Ich finde es meinerseits ein bisschen verrückt, wenn sich Leute, die sehr wohl die Gelegenheit dazu hätten, den ganzen Tag nicht bewegen, an ihrem Arbeitsplatz nur den Lift benutzen, mit dem Auto auch Kurzstrecken fahren, aber abends in der Muckibude wird gesportelt. Das wäre für mich Zeitverschwendung; ich kann das doch alles miteinander verbinden. Gerade die Bewegung draußen macht mir unglaublich viel Spaß. Was man da alles mitkriegt! Das hat schon eine andere Erlebnisdichte als auf dem Laufband im Fitnessstudio. Ich glaube, dass viele Menschen gar nicht mehr darüber nachdenken, sie wählen automatisch den komfortabelsten Weg, als gäbe es keine Alternative. Dabei fängt das Abenteuer gerade dann an, wenn man die Komfortzone verlässt. Man muss einfach nur beginnen, womit auch immer. Dann verpasst man auch nichts, ganz im Sinne von John Lennon: „The tragedy of life is not death, but what we let die inside of us while we live.“

Rezension: Das Leben ist keine To-do-Liste!

„Das Leben ist keine To-Do-Liste“ von Shirley Seul ist ein humorvolles, anregendes Plädoyer, das Licht auf die Schattenseiten einer To-Do-Liste wirft. Erfrischend und motivierend regt die Autorin dazu an, das eigene Leben mit einer „To-Be-Liste“ zu bereichern und sich Dingen zu widmen, die mehr Lebensfreude wecken. Ein unterhaltsames und inspirierendes Buch, das all jene ansprechen soll, die sich wieder nach einem bewussteren Leben ohne zu vielen Häkchen auf der To-Do-Liste sehnen.

http://www.janetts-meinung.de/belletristik/unterhaltung/das-leben-ist-keine-to-do-liste-endlich-zeit-fuer-das-was-wirklich-wichtig-ist-mit-der-to-be-liste

Die To-Do-Liste ist der Inbegriff für Disziplin, Produktivität und Selbstmanagement. Als vielfach bewährtes Erfolgskonzept gehört sie in einer immer komplexer und schnelllebiger werdenden Welt zum Berufsalltag. Aber nicht nur beruflich sondern auch privat ist das Streben nach Leistungs- und Selbstoptimierung grenzenlos. Durch Internet und Smartphone sind wir gut vernetzt, ständig erreichbar und kommen in den Genuss der Informationsflut an Neuigkeiten aus der ganzen Welt. Das Angebot an Möglichkeiten ist oftmals verlockend und am liebsten möchte man sofort alles in die Tat umsetzen. Gelingt das nicht, greifen wir zur To-Do-Liste und erfreuen uns daran, dass sie wächst und wächst. Ob wir selbst an all diesen Häkchen wachsen, vor allem dann, wenn sie abgearbeitet sind, bezweifelt Shirley Seul. Nur zu gut kennt sie die Gefühle, die eine niemals vollständig abgearbeitete To-Do-Liste auslösen kann und sah sich selbst schon mit einem „To-Do-Listen-Kollaps“ konfrontiert. Aus diesem Grund schlägt sie vor, dass wir uns endlich Zeit für wirklich wichtige Dinge im Leben nehmen und verordnet uns eine „To-Be-Liste“ mit Fragen, die uns wieder näher in Kontakt mit uns selbst treten lassen.

Erfrischend leicht und humorvoll erzählt Shirley Seul Erlebnisse und Situationen aus ihrem Leben, die für manchen Leser authentisch und durchaus nachvollziehbar sind. Sie hält der modernen Gesellschaft den Spiegel vor und konfrontiert uns mit der unangenehmen Wahrheit, dass wir verlernt haben, uns für ein paar Minuten nur mit uns selbst zu beschäftigen. Leichter gesagt, als getan, aber ein Versuch ist es wert, zumindest die To-Do-Liste, die die Herrschaft über unsere Freizeit übernommen hat, genauer zu überdenken. Dazu ermutigen die überzeugenden Argumente und eine Reihe an bereits bekannten Methoden wie beispielsweise „Nein sagen“, „Tagträumen“, „im Augenblick verweilen“ sowie „mit allen Sinnen genießen“. Eine Grundvoraussetzung dafür ist, sich der digitalen Welt zu verweigern und sich dessen bewusst zu werden, dass sich das wahre Leben offline abspielt. Es mag sein, dass wir uns dem technischen Fortschritt ausliefern und das Gefühl, etwas zu verpassen uns dazu verleitet To-Do-Listen anzulegen. Aber ist die Lösung eine „To-Be-Liste“, die uns in den nächsten Häkchen-Wahn treiben könnte und den Druck erzeugt, zufrieden, gelassen und glücklich zu sein? Die „To-Be-Liste“ stimmt skeptisch, sollte jedoch als individuelle Gebrauchsanleitung verstanden werden, das eigene Leben wieder bewusster und stressfreier zu gestalten. Die praxisnahen und leicht umsetzbaren Anleitungen, die zwar nicht neu, aber effektiv sind, führen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu mehr Gelassenheit und Entspannung. Die verspürt man bereits beim Lesen dieses Buches, ins besonders bei jenen Seiten, auf denen die Häkchen symbolisch zu fliegenden Vögeln werden. Wenn das kein Zeichen ist, unseren wahren Sehnsüchten und Wünschen zu folgen und uns befreit zu fühlen!

„Das Leben ist keine To-Do-Liste“ von Shirley Seul ist ein humorvolles, anregendes Plädoyer, das Licht auf die Schattenseiten einer To-Do-Liste wirft. Erfrischend und motivierend regt die Autorin dazu an, das eigene Leben mit einer „To-Be-Liste“ zu bereichern und sich Dingen zu widmen, die mehr Lebensfreude wecken. Ein unterhaltsames und inspirierendes Buch, das all jene ansprechen soll, die sich wieder nach einem bewussteren Leben ohne zu vielen Häkchen auf der To-Do-Liste sehnen.

Danke, Katrin Hof, für diese Besprechung auf Janetts Meinung 

 

Der Knochen

Als Elfriede ihren Mann eines morgens unter dem Küchentisch knieend ertappte, war sie zwar etwas erstaunt, doch sie behielt die Fassung – schließlich hatte sie fünf Kinder großgezogen – bis sie den Kauknochen im Mund ihres Mannes entdeckte, den er allem Anschein nach dem Hund entwendet hatte, der eingeschüchtert auf seiner Decke lag und unterwürfig zwischen Elfriede und ihrem Mann hin und her blickte. Weiterlesen

Würstchen im Eintopf

Er stand noch im Flur, da rief sie schon „Wie oft?“

„Dreimal.“

„Und was?“

„Zweimal geschissen und einmal gepinkelt“, erwiderte er, und sie hörte, wie er seine gelben Gummistiefel auf das Parkett fallen ließ, bestimmt spritzte der Schlamm bis zur Türklinke hoch. Weiterlesen