Leser leben länger

Es geschah zweimal in drei Tagen. Ich selbst wäre ja nie auf die Idee gekommen, eine Art Außerirdische sein zu sollen. Doch so wurde ich wohl wahrgenommen, denn ich verhielt mich merkwürdig: Ich las.

Normalerweise lese ich im Geheimen. Auf dem Sofa zum Beispiel, ohne Zeugen, nun, fast ohne Zeugen, aber mein Hund hält dicht. Doch ich hatte eine Krimireihe begonnen und geriet in einen Rausch wie seit Jahren nicht mehr. Und da wollte ich keine Leseminute verschwenden. Als ich viel zu früh im Yogastudio anlangte, nutzte ich die Zeit, auf meiner Matte weiterzulesen; mit geradem Rücken! Dann vergaß ich alles um mich herum, gerade so, wie es sein muss, wenn man mit dem Raumschiff Buch abhebt.

Da fiel ein Schatten auf mich. Jemand seufzte „Ach! Ich möchte auch mal wieder ein Buch lesen.“

„Ja“, sagte ich unwillig. Besann mich. Yogastudio. Liebe, Frieden und so weiter. „Es ist wunderschön zu lesen.“

„Du siehst so völlig versunken aus“, hörte ich.

„Ja“, sagte ich und fragte mich, warum ich gestört wurde, wenn es offensichtlich war.

Zwei Tage später in der S-Bahn, wieder mit einem Buch aus der Serie in der Hand, sprach mich ein Mann an. Ob ich ein Taschentuch für ihn hätte. Ich verstand erst Taschenbuch und war empört. Als ob ich das aus der Hand geben würde! Ich war auf den letzten fünfzig Seiten, das sah man doch. Er wiederholte seine Frage. ich hatte eins, aber das gab mir zu denken, denn wen würde ich wohl um ein Taschentuch bitten? Ganz klar eine ältere Dame, die haben so was immer dabei.

Oder wollte er flirten? Wahrscheinlich, denn er fragte: „Ist das Buch gut?“ Ich verstand zuerst Tuch, ist das Tuch gut,  er nuschelte. Ein gutes Tuch kann man fühlen. Ein gutes Buch auch. Weitere Gemeinsamkeiten fielen mir auf Anhieb nicht ein. „Ja“, sagte ich und fügte hinzu, „Es ist spannend.“ So hoffte ich ihn zum Schweigen zu bringen. „Ach, spanisch“, sagte er. „Nein, spannend!“ Da wollte er sich mit mir über Bücher unterhalten. Ich schaute mich im Abteil um. Alle Leute lasen scheinbar. Doch niemand las ein Buch, also keines, das als solches erkennbar war. Und da schwante es mir, dass mein innerlicher Ausflug nun wohl auch äußerlich zu einem in die Zukunft wurde. Wer ein Buch liest, fällt aus der Reihe. Ich denke, das sollten wir ändern. Ich wünsche mir, dass es wieder völlig normal wird, so normal wie Osterhase und Christkind, weil ein richtig gutes Buch, das ist Weihnachten und Ostern, Geburt, Tod und Auferstehung … alles  zusammen.

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