Lyrik lindert Liebe

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Die meisten AutorInnen, die ich kenne, haben mit Gedichten begonnen. Kurzstrecke sozusagen. Mich haben Gedichte nie gereizt. Aber als ich mich mit Mitte zwanzig verliebte wie noch nie, dauerte mir Prosa zu lang. Ich entdeckte die Gedichtform für mich. Hämmerte leidenschaftlich auf die Tasten. Manchmal entstanden drei Gedichte an einem Tag. Nie so kreativ wie verliebt – wenn die ganze Welt leuchtet. Später dann Beziehungsprobleme. Auch sehr kreativ und empfehlenswert. Dann Trennung und einsam. Eine extrem fruchtbare Zeit für Lyrikerinnen. Und es geht so schnell, wenn man nur eine Dichterin, keine Denkerin ist. Eigentlich könnte Lyrik ein Produkt des Computerzeitalters sein.

Ein Gedicht von damals kann ich sogar noch auswendig. In meiner Schulzeit mussten wir Gedichte auswendig lernen – von den großen deutschen Dichtern. Ich erinnere mich leider nur lückenhaft. Natürlich ein Goethe, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, glücklich allein ist die Seele die liebt. Und? Leidenschaft!  Oder Rilke. Mutmaßlich getrennt: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Und Eichendorff wahrscheinlich verknallt: Es war als hätt der Himmel die Erde still geküsst. So was fällt keinem ein, wenn er sich auf dem Weg zu einem Beziehungsgespräch befindet.

Das Gedicht, das ich heute noch auswendig kann, es ist von der Seul, lautet:

brot

ich höre deinen händen zu

meine poren tausend lippen

rinnen tropfen abendsonnen

die wände meiner brotwarmen brunnen hinab

Es gefällt mir noch immer. Allerdings würde ich auf die Kleinschreibung verzichten. Ja, und das Rechtschreibprogramm dreißig Jahre später rät es mir auch. All die schönen Wörter rot unterringelt. Peitschenhiebe in die Lyrik. Ob wir damals so viel klein geschrieben hätten, wenn wir diese Deutschlehrerhäme vor Augen gehabt hätten?

Brot

Ich höre deinen Händen zu

Meine Poren tausend Lippen

Rinnen Tropfen Abendsonnen

Die Wände meiner brotwarmen Brunnen hinab

 

 

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