Schlagwort-Archive: Aus der Menschenhütte

Der Deutschlehrer-Komplex

Hauspost CoverbildSchriftsteller! Sind das Menschen? Nein, sie stehen weit über uns. Diesen Eindruck zumindest vermittelten mir sämtliche Deutschlehrer und –lehrerinnen meiner schulischen Laufbahn. Ein Eindruck, der nicht folgenlos für mich bleiben sollte. Bei jedem Text, den wir im Deutschunterricht durch unsere unbeholfenen Interpretationen zerstückelten, behaupteten die LehrerInnen, die AutorInnen hätten sich dabei dies und jenes gedacht.

Deshalb konnte ich auch keine Schriftstellerin sein. Ich war ein minder qualifizierter Depp, der sich selbst laut Gedichte vorlas und dabei Melodien hörte, die seine DeutschlehrerInnen mit ihren Kreideattentaten auf Schiefertafeln übertönten. Aber was ist lauter, weil leiser, als ein tief eingeatmetes Gedicht?

Mei Hirn is mei Kastle

Hauspost CoverbildIch brauch kein Schloss. Castles kann man ja nicht mitnehmen. Und wenn man mal müde ist. Später. Lebens-müde. Vielleicht nicht mehr gehen kann, bloß noch humpeln. Als Schriftstellerin bin ich Sammlerin, in meinem Museum hängen viele Gedanken an den Windungen. Eines Tages wird die Erinnerungssammlerin Zeit für ihre Schätze haben.

Boote, Butler

Hauspost CoverbildMein erster Computer war ein Taschenrechner, fiel mir neulich ein. Ich traute ihm nicht. Ließ ihn schuften, rechnete nach. Überführte ihn einiger Fehler, die sich dann aber doch als meine eigenen herausstellten. Als ich das begriff, glaubte ich ihm. Das war ein Fehler. Man soll ihnen vertrauen. Die verkehrte Welt steckt schon im Wort. Wir be-dienen den Computer. Alles klar?

Geblökelt

Hauspost CoverbildScharfe Kurve, scharfes Messer, scharfe Paprika, scharfer Hund.

Deutsch ist schwer.

Nur für Schafe.

Dann führe es über die Brücke. Denn wenn das Schaf aus der scharfen Kurve fliegt, weil der scharfe Hund nicht aufgepasst hat, wetzt jemand das Messer scharf und gibt scharfe Paprika dazu.

Brillenschlangen, Bücherwürmer, Stubenhocker

Hauspost CoverbildNach einer Lesung fragte mich kürzlich eine Buchhändlerin: „Sie haben wahrscheinlich Germanistik studiert?“ „Nein.“ „Welches Fach denn dann?“, fragte sie neugierig weiter. So ist es immer. Landauf landab wird geglaubt, ein Schriftsteller habe Germanistik studiert. Ein Schriftsteller trägt eine Brille, liest viel und ist am liebsten zu Hause. Okay, manchmal posiert er auch in Unterwäsche. Aber das sind Ausnahmen. Ein sportlicher Schriftsteller irritiert ebenso wie ein Ski fahrender Pfarrer. Und klar ist natürlich, dass ein Schriftsteller, der sportlich ist, schlecht schreibt. Bleib bei deinen Leisten, sprich Tasten.

Ghostwirting: Rein ins Gekröse

Hauspost CoverbildBeim Ghostwriting verschwinde ich als Person mit allen meinen Vorlieben und Abneigungen. Ich knipse mich quasi aus. Und darf überhaupt nicht eitel sein. Außerdem muss ich mein Gegenüber mögen. Wenn man es blöd findet, arrogant oder neidisch ist, weil er oder sie mehr Geld und weniger Pickel hat, wird kein gutes entstehen Buch. Die Haltung zum Gegenüber ist zwischen den Zeilen spürbar.

Ein Beispiel: Wenn eine Vegetarierin die Lebensgeschichte eines Metzgers aufschreiben sollte, muss sie die genauso aufschreiben, wie er das empfindet. Das bedeutet, sie muss während des Schreibens zu einer Person werden, die Fleisch liebt, vielleicht sogar eine Ode an den Blutgeruch beim Schlachten verfassen, sinnliche Freude daran nachempfinden können, Wurst herzustellen, also tief hineingreifen ins Gekröse. Wenn sie ihre eigene Überzeugung – eine kritische Haltung zum Fleischgenuss – in das Buch einfließen lässt, dann mischt sie sich ein. Die Wurst schmeckt nicht mehr.

Der fliegende Schreibtisch

Hauspost CoverbildManchmal sehe ich Arbeitszimmer von Leuten, da möchte ich nur noch wegrennen. Steht da irgendwo ein Schreibtisch? Man sieht ihn nicht. Alles voller Papier, Zettel, Notizen, Bücher. Und alle schreien: Zu mir! Lies mich! Hör mir zu! Ich bin wichtig!

Leute, die so leben, nennen dieses Chaos kreativ. Schön, wenn sie sich darin zurechtfinden. Bei mir sieht es anders aus. Alte Themen werden weggeräumt, Zettel an die richtigen Stellen gelegt, spiegelglatt wie ein See am Morgen liegt der Schreibtisch vor mir. Nichts lenkt mich ab von dem, was jetzt entstehen soll. Eine neue Welt. Mein Schreibtisch ist mein fliegender Teppich und je weniger Gepäck wir dabei haben, desto höher steigen wir auf.

Aller Anfang ist Hormon

Hauspost CoverbildSobald ich einen Tag festlege, an dem ich ein neues Buch zu schreiben beginne, wird an diesem Tag etwas geschehen, das mich daran hindern wird. So ist es immer. Ich glaube, dass Bücher Hormone haben. Sie wollen manchmal lieber noch eine Weile ungeschrieben bleiben. Sie haben Probleme, sich festzulegen. Es soll losgehen und sie zicken rum. Das tarnen sie geschickt, indem sie mich von der Arbeit abhalten. Ich bekomme Besuch, das Auto muss in die Werkstatt, der Hund wird krank, ich muss den Keller aufräumen, eine Korrekturfahne flattert völlig unerwartet ins Haus, ein Exposé wird angefragt. So halten sie mich vom Schreiben ab. Ich reg mich nicht mehr auf. Ich weiß: Bücher haben manchmal ihre Tage

Das Mail ist blau

Hauspost CoverbildAuf der Münchner Auer Dult, einem Jahrmarkt, habe ich eine Frau getroffen, die alte Postkarten sammelt. Sie hat keinen Fernseher zu Hause. Sie nimmt ihre vielen hundert Postkarten zur Hand und stellt sich die Leben derjenigen vor, die sie geschrieben haben.

Heute müsste sie für ein solches Hobby kriminell werden und Ansichtskarten hacken, die kein tiefes Meerblau mehr zeigen, sondern ein flaches Kuvert.

Textmörder

Hauspost CoverbildWenn ich allein an einem Buch schreibe, vermisse ich manchmal ein Team wie ich es als Ghostwriterin mit meinem Gegenüber bilde, für den ich schreibe. Sind wir zu zweit, wäre ich oft lieber allein. Denn dann entscheide nur ich, welcher Satz wo steht und wie er klingt. Die meisten meiner Partner sind glücklich mit dem Resultat, das ich ihnen vorlege. Korrekturen gibt es selten, denn ich ghoste nie aus meiner Perspektive heraus, sondern nehme die meiner Partner ein. Weiterlesen