Sonst kommt dich der Jäger holen

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Zum zweiten Fall für Flipper hat mich ein Ghostwriting inspiriert, das mich in die Welt der Russenmafia geführt hat. Ich habe also sozusagen beim Ghostwriting für meinen eigenen Kriminalroman recherchiert. Höchst angenehm!

Nachfolgend ein Textauszug mit aus Sonst kommt dich der Jäger holen

Flippers Schnauze steckte in einem Maulwurfhügel. Seine Pfoten wirbelten wie Trommelstöcke. Er machte einen Buckel, sprang mit allen Vieren hoch, peste auf mich zu mit seinem muskulösen lang gestreckten Körper, ein Galopper auf der Zielgeraden. Doch dann … was war das? Flipper ging durch! Mit langen Sätzen raste er am Waldrand entlang. Und war verschwunden.

Irgendwo im Wald hörte ich ihn heulen und ich bekam Gänsehaut. Ich rannte in den Wald, immer Flippers Heulen hinterher. Nach zwei, drei Minuten kam ich atemlos an einem Holzstapel an, Flipper saß hektisch hechelnd davor. Und noch jemand saß da.

Die Frau, nein das Mädchen, kauerte hinter einem Holzstapel am Rand des Trampelpfades. Riesengroße, weit aufgerissene Augen, türkise Seen, die mich einsaugten, bewegungsunfähig machten. Flipper schickte mir einen Eilantrag. Tu was, las ich in seinem Blick, denn ich konnte mich nicht losreißen von diesen Gletschereisbonbons. Hilfe holen? Wo? Die geheimnisvolle Villa mit dem hohen Zaun und den Kameras war in Sichtweite. Lieber einen Notruf per Handy absetzen? „Hallo“, sagte ich erst mal. Hallo war immer gut. Freundlich und alltäglich, den Ball schön flach halten. Ich glaubte nicht, dass ein Mörder Hallo sagen würden. Also in der Regel. Es mochte durchaus solche geben, aber die hatten ihr Verbrechen geplant und wollten ihr Opfer in falscher Sicherheit wiegen. Ich hatte keinen Plan, wie immer war ich nur zufällig vorbeigekommen. Flipper schwenkte die weiße Fahne und machte Platz, um unsere friedliche Absicht zu beweisen, drehte sogar Verlegenheit demonstrierend den Kopf weg. Das ließ einen Verdacht in mir keimen. Hatte er etwas gut zu machen? Hatte er die Frau hinter den Holzstapel gehetzt? Manche Menschen haben panische Angst vor Hunden. Die können in Gegenwart eines Hundes nicht mehr klar denken und verfallen in Schreckstarre. Wo kam diese Frau überhaupt her? Im Wald lief man doch nicht so rum! Leopardenmini, knallrote Highheels, die sie verkrampft in der Hand hielt, schwarzer Body, tief ausgeschnitten, ein Dekollete wie Milch und Honig und darauf das hässlichste Tattoo der Welt: ein grob gezeichneter Pferdekopf. Die junge Frau sagte kein Wort. Starrte in die Büsche rechts von uns. Und zitterte.

„Flipper hier“, befahl ich leise, obwohl sich in mir mittlerweile ziemlich viel Druck aufgebaut hatte. Angenehmer wäre es gewesen zu rufen. Doch damit hätte ich sie erst recht eingeschüchtert. Vor ängstlichen Menschen bin ich lieber leise, sonst kriegen die noch mehr Angst, weil das den Eindruck vermittelt, die Besitzerin hätte ihren Hund nicht im Griff. Flipper setzte sich an meine Seite und schaute abwartend von der jungen Frau zu mir.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich. Keine Reaktion. Jetzt fehlt mir nur noch Sepp Friesenegger, dachte ich, und als ich die knackenden Zweige hörte, war ich sicher, gleich würde er auftauchen und mich abermals ohne Leine erwischen. Doch er war es nicht. Es waren die Kollegen von Felix. Zu dritt kamen sie den Trampelpfad entlang. Zwei kannte ich schon, und der dritte trug einen dunkelgrauen Anzug mit rotem Hemd. Auch nicht unbedingt die passende Aufmachung für einen Waldspaziergang. Flipper knurrte leise. Das musste ich ihm abgewöhnen, Polizisten anzuknurren, damit brachte er sich in Gefahr.

Die junge Frau duckte sich. Mädchen, dachte ich. Denn das steckte in ihr drin, hinter all der Schminke. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie sich die Augen zugehalten hätte, damit sie nicht mehr da wäre, doch die türkisen Seen zersprangen und traten über die Ufer. Einer der Männer, deren Bekanntschaft ich bereits gemacht hatte, ging mit schnellen Schritten zu dem Mädchen, riss sie am Arm grob nach oben, versetzte ihr einen rüden Stoß. So was kann Flipper nicht ausstehen. Mit einem Satz sprang er dazwischen. Und hätte beinahe den Fußtritt eingesteckt, den der Kerl für ihn aufbewahrt hatte seit Montag. Doch der Kerl hatte kein Augenmaß und verfehlte Flipper. Die Absicht zählte. Ich schnellte vor.

Die Stimme, leise und scharf wie eine Rasierklinge, fuhr dazwischen. Ich starrte den Mann mit dem roten Hemd an. Er war in meinem Alter, und das Erste, was mir zu seinem Gesicht einfiel, war Asket. Tief liegende Augen. Grün. Intensiver Blick. Hervorstechende Wangenknochen. Adlernase. Schmale Lippen. Interessanter Typ. Und gefährlich. Ein Flirren um ihn. Der Wald, der heilige Berg, das Mädchen – was wurde hier gespielt? Der Asket war kleiner als die Bodyguards, knapp 1,80 m, doch instinktiv scannte ich ihn als meinen Hauptgegner ein und dass er ebenbürtig war, merkte ich daran, dass er meinen nicht durchgeführten Angriff taktisch klug parierte, Körperspannung abließ, lächelte. Beziehungsweise den Mund in Lächelform verzerrte. Eines der Muskelpakete sagte etwas, und erst jetzt begriff ich, dass sie nicht deutsch redeten. Der mit dem roten Hemd wandte sich zu mir. „Danke, dass Sie unsere Schwester gefunden haben“, sagte er mit osteuropäischem Akzent.

„Das ist Ihre Schwester?“, rief ich überrascht.

Der Asket verkrampfte sein Gesicht erneut zu einem Lächeln. Diesmal galt es der jungen Frau. Bei so viel Fürsorge wurde mir ganz kalt ums Herz.

„Sind das Ihre Brüder?“, fragte ich sie und gleichzeitig mich, ob dort, wo sie herkamen vielleicht alle Menschen Brüder und Schwester waren, fremde Länder, fremde Sitten.

Die Frau blieb stumm. Ich konnte nicht erkennen, ob sie nun mehr oder weniger Angst hatte als zuvor. Jedenfalls machte sie keinen entspannten Eindruck im Beisein ihrer Familie. Doch als Flipper ihr einen ihrer Schuhe brachte, die sie bei dem groben Handgriff ihres Bruders verloren hatte, entdeckte ich die Andeutung eines Lächelns in ihrem Gesicht – das nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem der Männer aufwies.

„Also das glaube ich nicht“, entfuhr es mir, „dass das Ihre Schwester ist!“

Flipper bellte zur Bekräftigung. Einer der beiden Muskelpakete griff sich langsam an den Rücken als befürchte er, einen Hexenschuss zu bekommen. Den konnte er gern haben. Von mir persönlich.

„Unsere Schwester hat große Angst vor Hunden. Sie ist einmal gebissen worden. Als Kind“, mischte sich der mit dem roten Hemd ein. „Deshalb ist sie jetzt auch weggelaufen. Vielleicht hat Ihr Hund sie gejagt?“

„Klar. Der frisst auch kleine Kinder.“

„Das hier ist Privatgrund und …“

„Nein, das ist ein öffentlicher Wald.“

„Sicher. Aber da vorne, das ist alles in Privatbesitz.“

Ich wandte mich an die Frau. „Geht es Ihnen gut? Kennen Sie diese Männer? Der Hund hat Ihnen doch nichts getan?“

Eines der Muskelpakete sagte etwas auf, nun war ich mir sicher, russisch zu ihr. Es klang bedrohlich. Aber russisch klingt immer schnell bedrohlich, finde ich. Vielleicht tat ich dieser reizenden Familie unrecht? Vielleicht versprach er ihr, dass er ihr jetzt gleich einen Schokoladenpudding kochen würde. Mit gehackten Haselnüssen und Vanillesauce. Ich wollte keinen Vorurteilen folgen. Aber ich hatte das deutliche Gefühl, dass der Haussegen hier schief hing.

Die Frau starrte zu Boden. Ich machte drei Schritte in ihre Richtung. Ein Muskelpaket wollte mich aufhalten. Der mit dem roten Hemd schüttelte unmerklich den Kopf. Das Paket blieb stehen.

„Hallo?“, fragte ich und berührte die Frau leicht am Arm. „Sind Sie verletzt? Brauchen Sie Hilfe? Sind Sie freiwillig hier?“

Das andere Muskelpaket stieß ein Knurren hervor, mit dem es Flipper Konkurrenz machen konnte. Vielleicht war es aber auch ein Wort, wie gesagt, russisch, so schön es sein mag, hört sich in meinen Ohren bedrohlich an, vor allem, wenn es aus solchen Resonanzkörpern gutturalt wird.

„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, mischte sich der mit dem roten Hemd ein. „Aber unsere Schwester kann Sie nicht verstehen.“

„Ist sie taub?“
„Nein. Aber sie spricht Ihre Sprache nicht.“

„Die hat es ihr aber nicht zufällig verschlagen?“

Der Asket lächelte amüsiert. Er konnte tatsächlich lächeln, und es stand ihm gut. Er musste sehr bewandert im Deutschen sein, um meine Anspielung zu verstehen. Da atmete die junge Frau tief durch, warf den Kopf nach hinten und funkelte die Bodyguards an. Sie war eine Schönheit, ohne Frage, und wäre sie nicht so grell geschminkt noch viel schöner. Die ist bestimmt noch keine zwanzig, fuhr es mir durch den Kopf. Wenn überhaupt schon achtzehn. Die junge Frau schaute mir in die Augen. Ich hätte gern eine Nachricht empfangen, doch ich las nichts in ihrem türkisen Blick. Kein Danke, kein Hilferuf, gar nichts. Und das war die einzige Ähnlichkeit, die sie mit den Männern verband. Auch ihre Augen waren undurchsichtig wie das Gestrüpp, das uns umgab. Der mit dem roten Hemd sagte einige Sätze russisch und zog dann noch einmal eine Lächelgrimasse in meine Richtung. „Auf Wiedersehen. Vielen Dank für Ihre Bemühungen.“ Er ging voraus, dann folgte die Frau, mit ihren Highheels in beiden Händen, unbeholfen wie Pinguinflügelchen standen sie an ihren Seiten ab, eskortiert von den Muskelmännern.

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