Alle Vögel fliegen hoch

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Dies ist der Auftakt zur Flipper-Trilogie.  Denn irgendwann einmal dachte ich, dass ich als Hundebesitzerin gefährlich lebe. Ich könnte nicht nur versehentlich im Dickicht erschossen werden, ich könnte auch mal auf eine Leiche stoßen. Und schon fielen mir die ersten Sätze ein.

Nachfolgend der Anfang von Alle Vögel fliegen hoch

Die Leiche traf mich nicht unvorbereitet. Ich hatte mit ihr gerechnet. Schon seit Jahren, genauer gesagt seit drei Jahren. Wer einen Hund hält, muss mit einer Leiche rechnen. So steht es häufig in der Zeitung, Stichworte: Hundebesitzer, Wald, Spaziergang, Leichenfund. Ich hätte also eigentlich nicht überrascht sein dürfen. Ich hätte mir mehr Souveränität von mir gewünscht. Aha, jetzt bin ich also dran. Ein wenig früh vielleicht; andere Menschen halten jahrzehntelang Hunde, bevor sie ihre Leiche finden, bei mir geschieht es eher, dafür geht es in anderen Kapiteln langsamer, zum Beispiel in der Liebe, da bewegt sich gar nichts, aber das ist ein Thema, das ich am liebsten ignoriere. Die Leiche jedenfalls konnte ich nicht übersehen, weil Flipper sie nicht überroch. Flipper drehte völlig durch. So hatte er sich noch nie benommen.

Die Hand ragte aus dem Gestrüpp. Drei Finger. Nein, zweieinhalb. Und Flipper war dabei, eine Gewebeprobe zu entnehmen.

So kannte ich ihn nicht. So wild und knurrend, so völlig außer sich, mit gesträubtem Fell und gebleckten Zähnen, die Lefzen zurückgezogen bis zu den Ohren.

„Hierher!“, befahl ich, meine Stimme beschämend dünn. Aus Angst vor Jägern war ich Flippers Bellen panisch entgegengerannt. Er wildert nicht. Ich weiß das – aber wissen es auch die Jäger? Flipper gehorcht aufs Wort. Außer in Liebesangelegenheiten. Doch das hier konnte ja wohl keine Liebe sein, auch wenn die lange Flipperzunge wie zum Abschied , letzter Gruß, über die grün-graue Masse leckte, unter der vielleicht die Trümmer eines Jochbeines knorpelten. Jetzt erst bemerkte ich, dass es hier bestialisch stank. In leeren Augenhöhlen räkelten sich Maden, Maden, Maden. Der Speck war weg. Mit gleichmütigem Sirren und Surren starteten und landeten sie auf dem angefressenen Gesicht und dem aufgeblähten Leib voll bräunlicher Riesenblasen, dessen grünlich schimmernde Arme wie Stöcken aus einem schwarzen T-Shirt ragten. Kein Haus, kein Auto, kein Boot stand in gelber Schrift darauf. Und darunter, klein und rot: aber geil! Eine Fliege krabbelte über meine Lippen. Ich drehte mich weg und kotzte in die Büsche.

Flipper saß auffordernd vor mir. Er wartete auf ein Lob. Er hatte schließlich etwas geleistet. Das hier war kein Stöckchen oder Ball, das war eine richtig fette, beziehungsweise faule Beute. Außerdem hatte Flipper sich vorbildlich verhalten. Erst mal bellen. Aufsehen erregen. Die Umgebung auf die Gefahr aufmerksam machen. Hilfe holen. Das ist die Basis in jedem Selbstverteidigungskurs. Nicht umsonst hat Flipper an Dutzenden solcher Kurse teilgenommen. Als Nächstes sollte er den roten Knopf drücken, der ihn mit dem U-Bahn-Fahrer verbinden würde. Aber da war kein Knopf. Und der einzige irgendwie Bevollmächtigte weit und breit war ich: seine Vorgesetzte. Die ziemlich kopflos herumstand. Mein Herz schlug viel zu schnell und meine Augen brannten vom Salz meines Schweißes. Ich schwitzte, als hätte ich ein paar hundert Crunches in der Sauna absolviert, dabei stand ich im Schatten. Es war zwar warm, aber nicht heiß wie an den vergangenen Tagen, nachts hatte es heftige Gewitter gegeben, in München sogar mit Hagel. Flipper musterte mich leicht beunruhigt. Seine Sensoren meldeten wahrscheinlich Alarmstufe Rot. Die gab es in der Tat, so lange er mich mit der Gewebeprobe auf der Zunge anlächelte.

Hoffentlich würde ich bald aufwachen. So lange dauerten Träume normalerweise nicht. Oder dieser Typ da im Gestrüpp sollte aufwachen. Das alles war doch nicht echt. Irgendjemand hatte die lebensgroße Lumpenpuppe bei Drehschluss vergessen, ein Praktikant wahrscheinlich, der rasch zu seinen Kumpels wollte, und so hatte er die Requisite in den Sträuchern liegen lassen. War ja nicht seine. Gehörte dem Sender. War ja nicht sein Auto. Gehörte Papa. Auf junge Leute war kein Verlass, die hatten alles andere im Sinn, bloß nicht ihren Job, das war völlig normal, und außerdem war diese Szene sowieso nicht real. Wobei das mit dem bestialischen Gestank erschreckend realistisch roch.

Ich wollte damit nichts zu tun haben. Ich wollte einfach nur mit meinem Hund spazieren gehen. Und wenn ich irgendwann mal eine echte Leiche finden würde, dann würde ich mich professioneller benehmen, schließlich war ich vorbereitet. Ich wusste, dass man damit rechnen muss, als Hundebesitzerin. Ich lebte nicht hinterm Mond! Ich war eine Großstädterin, 33 Jahre alt, mit einem Körperfettanteil von 20 Prozent, trotz meiner Schokoladensucht oder gerade deshalb, denn wenn ich einen anderen Beruf hätte als Fitness- und Selbstverteidigungstrainerin, könnte ich mir so viel Schokolade gar nicht erlauben.

Als ich wieder zu mir kam, saß Flipper, das Gesicht ein konzentriertes Dreieck, als wäre er gerade mit der euklidischen Geometrie befasst, aufrecht neben mir. Die Ohren hatte er gespitzt, also angehoben, denn spitzen ist nicht möglich, wenn man zwei solche weichen Lappen wie eine Trendfrisur neben dem Gesicht hängen hat, die sich beim Laufen noch dazu leicht einrollen. Er schaute nach oben. Gott hilf? Und welcher Gott? Darüber konnten wir uns noch nie einigen. Mein Wort ist Gesetz. Er denkt nicht, ich lenke. Oder so ähnlich. Jedenfalls brachte Flipper mal wieder Gott ins Spiel, das macht er gern, wenn mein Thron wackelt, und ich folgte seinem Blick und entdeckte den Hochsitz. Meine Unaufmerksamkeit beunruhigte mich, es war äußerst unwahrscheinlich, dass der eng an eine Fichte geschmiegte Jägerstand in den letzten paar Minuten aus den Brombeeren geschnellt war, augenscheinlich war der Mann von diesem Hochsitz gefallen, gesprungen, gestürzt … worden. Drei Krähen saßen auf dem maroden Gestänge und beobachteten uns mit schräg geneigten Köpfen. Mir fiel ein, dass ich sie vorhin gehört hatte. Ihr dunkles heiseres Krächzen passte nicht in die üppige, aufgeplatzte, fast schon schwülstig blühende Landschaft. Knallgrüne Wiesen mit knallgelbem Löwenzahn. Flipper hob eine Pfote. Naturbeschreibungen sind nicht nach seinem Geschmack. Er markiert lieber gleich.

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