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Verbundenheit

 

Abermals war es eine große Freude, mit dieser klugen, charismatischen Professorin zusammenarbeiten zu dürfen. Vor allem, weil das Thema so gut in die Zeit passt … und wieder habe ich sehr viel gelernt!

 

 

So beginnt das Buch:

Als ich mit Anfang vierzig meine Professur für Biologische und Sozialpsychologie in Düsseldorf antrat, ging dieser Ortswechsel für mich mit überraschend viel Körperkontakt einher. Kaum hatte ich jemanden privat kennengelernt, wurde ich beim nächsten Treffen umarmt; Küsschen rechts in die Luft, Küsschen links in die Luft. Natürlich kannte ich die Sitten und Gebräuche jenseits meiner norddeutschen Heimat, wo man sich deutlich seltener umarmt, und wenn, dann betont herzlich: kurz und kräftig.  Ob Düsseldorf oder München, diese für mich als Norddeutsche distanzlose Art der Begrüßung kam mir vor wie eine beiläufig vollzogene Körperfloskel. Nun gut, wenn die Gepflogenheiten hier so waren. Ich gewöhnte mich schnell daran.

Länger dauerte es, mich an das Befremden zu gewöhnen, das ich hervorrief, wenn ich Unbekannten in die Augen schaute. Ich war es gewohnt, in der Öffentlichkeit auch mit Fremden Blickkontakt zu suchen, für mich die direkte Art von Verbindung. Doch in Düsseldorf wie in vielen anderen Großstädten galt dies gemeinhin als aggressiv. Unvergessen ist mir eine Frau im Bus, die meinen freundlichen Blick mit einer ruppigen Bemerkung quittierte und abschließend von mir wissen wollte: „Was denken Sie sich dabei, mich so anzustarren?“

Starren? Ich hatte doch nur geschaut.  Und gedacht hatte ich gar nichts, was ich nun nachholte, indem ich mir ziemlich viele Gedanken machte. Ich kam zu dem bekannten Schluss, dass man in größeren Städten gut beraten ist, Augenkontakt zu meiden, sich selbst sozusagen aus dem Verkehr zu ziehen, gar nicht da zu sein: unsichtbar. Denn die Folgen des Augenkontakts könnten übel sein. Jemand könnte sich provoziert fühlen, und das könnte mit einem blauen Auge enden.  Also lieber gar nicht schauen und nicht Gefahr laufen, eine unheilvolle Verbindung einzugehen.

Doch wie wir es drehen und wenden: Wir müssen Verbindung eingehen. Ohne Verbindung können wir Menschen als soziale Wesen nicht leben. Ja, auch nicht als biologische. Denn wir atmen. Alle atmen dieselbe Luft. Ein und aus. Durch unseren Atem sind wir verbunden, mal mehr, mal weniger intensiv. Je kälter die Luft ist, desto weniger Stoffe werden flüchtig, je wärmer die Luft ist, desto mehr. Wer wusste vor fünf Jahren schon genau, was es mit Aerosolen auf sich hat. Heute wissen wir es alle. In einem geheizten Raum mit anderen Menschen schwirren aber nicht nur mehr Aerosole herum, wir erhalten auch viel mehr menschliche Informationen über andere als in einem kalten Raum. Wir tauschen nämlich nicht bloß Viren aus, sondern vielzählige Statements darüber, wer wir sind, wie es uns geht, und was wir beabsichtigen zu tun. So verraten wir in der Kommunikation über Körpergerüche, der Chemokommunikation, etwas über uns und erfahren gleichzeitig etwas über andere. Und das alles, ohne es bewusst zu merken. Wir sind miteinander verbunden … und haben meistens keine Ahnung davon.

Verbundenheit ist neben Essen, Trinken und Schlafen das wichtigste Grundbedürfnis des Menschen. Fehlt sie vollständig, das haben viele Studien gezeigt, werden Menschen dauerhaft traurig, geraten in eine schwere Depression, werden ernsthaft krank, auch krebs- und herzkrank, leiden an Diabetes und ernsten psychischen Störungen, Angsterkrankungen und Schizophrenie und werden früher dement. Nicht ohne Grund wird soziale Isolation als schwere Strafe und vollständige Isolation als Folter eingesetzt. Bei längerem Verlust der Verbundenheit ist die Wahrscheinlichkeit zu sterben um fünfzig Prozent erhöht.

Verbundenheit ist also etwas enorm Wichtiges. Und dennoch haben wir uns in der Regel nicht wirklich darum gekümmert. Es ist so ähnlich wie in einem Aquarium. Das Wasser ist einfach da. Es geht so lange gut, bis es kippt. Bis die Fische mit den Bäuchen oben treiben. Dann wird es sicht- und riechbar: Da stimmt was nicht.

Wann haben Sie sich das letzte Mal mit einem Menschen oder etwas verbunden gefühlt? Verbundenheit kann auch bedeuten, Fan eines Fußballclubs zu sein oder bei gemeinsamen Unternehmungen mit Fremden. Die soziale Welt ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Existenz. Wir sind ständig damit beschäftigt, herauszufinden, wie andere „drauf sind“, interpretieren ihr Verhalten, verbinden uns in gemeinsamen Sichtweisen, orientieren uns an wahrgenommenen Stimmungen, wollen dazugehören, manchmal um jeden Preis. Denn intuitiv wissen wir: Allein sind wir verloren. Nur im Verbund mit anderen sind wir lebensfähig. Gleichzeitig üben Einzelkämpfer, die angeblich völlig unabhängig sind, eine starke Faszination auf uns aus. Frei und ungebunden, individualistisch bis zur Egozentrik – doch in Wahrheit arme Würstchen. Das geht auch nicht lange gut, im Kino gerade mal knapp zwei Stunden.

Tatsache ist, dass unser Leben durch die Erfahrung von Verbundenheit erst sinnvoll wird: Einer anderen Person oder Personengruppe in vertrauensvoller Beziehung zuzugehören. Verbundenheit ist neben dem Selbstwert und der persönlichen Freiheit ein hohes Gut. Weil Menschen das wichtigste für Menschen sind, brauchen wir das Gefühl von Verbunden sein.

Wir schauen uns an und lesen uns von den Augen ab, dass wir einer Meinung sind.

Wir fühlen uns aufgehoben im Zusammensein.

Wir wissen, was richtig und falsch ist, weil andere das genauso sehen.

Hast du das eben auch gespürt?

Ja, hab ich.

Schon mit einer Betrachtungsweise allein dazustehen, kann unendlich schmerzvoll sein. Man fühlt sich unverstanden, im Stich gelassen, isoliert … so beginnt manchmal der dornenvolle Pfad in die Depression.

Die Geborgenheit in der Verbundenheit ist wichtiger als die Verbindung zum Computer. Auch wenn wir mutmaßen, ohne Smartphone wären wir verloren – in Wirklichkeit sind wir es ohne Menschen. Und das haben wir in jüngster Vergangenheit schmerzlich erfahren.

Wie wichtig Verbundenheit für die Lebensqualität ist, haben viele Menschen tatsächlich erst durch Covid-19 bemerkt. Man hat sich vorher nie Gedanken darüber gemacht, war selbstverständlich Teil einer Gemeinschaft. Niemand wäre auf die Idee gekommen in zum gesellschaftlichen Klebstoff gehörenden Gesten Gefahren zu wittern, nun gut, außer ein paar Virologen. Aber niemand hätte auch nur geahnt, wie viele es davon gibt. Man hat sich umarmt und Hände geschüttelt, man hat sich Küsschen auf die Wangen gehaucht und sich herzlich gedrückt.

Und plötzlich war das nicht mehr möglich. Was vorher ein warmes schönes Gefühl machte, wurde nun zu einer potenziellen Todesdrohung. Der Mensch gegenüber war nicht mehr nur mein Freund, Verwandter, Bekannter, Nachbar, sondern jemand, der mich an die Beatmungsmaschine bringen konnte. Also jemand, mit dem ich mich auf keinen Fall verbinden darf. Wenigstens nicht körperlich. Man kann ja trotzdem nah sein. Auch wenn man sich nicht sieht, nicht spürt, nicht riecht.

Tatsächlich?

Die Forschung sagt nein. Und ganz tief drin wissen die meisten von uns, dass sie recht hat, auch wenn wir anfangs dachten, das kriegen wir schon hin. Ein paar Monate, und dann ist alles wieder gut. Aus den Monaten der gekappten Verbindung sind Jahre geworden, und die Veränderungen sind noch nicht absehbar, zumal einige aktuelle Studien gravierende und langwierige Folgen ankündigen. Denn bei all unseren Maßnahmen haben wir den Wirt vergessen: die Seele. Menschen bestehen nicht nur aus einem Körper, wir sind beseelte Wesen. Seelen ohne Verbindung leiden, manchmal bis zu Suizid. Warum das so ist, werde ich auf den folgenden Seiten darlegen.

Seit mehr als zwanzig Jahren beschäftige ich mich mit der chemischen Kommunikation beim Menschen. Also mit jenen unbewussten Ausdrucksmöglichkeiten, die Nähe voraussetzen und die einen erheblichen Einfluss auf unsere physische und psychische Verfassung, auf unsere Gesundheit haben. Im Laufe meiner wissenschaftlichen Arbeit hat sich deutlich herauskristallisiert, dass die soziale Bindung eine Art Lebenselixier für uns Menschen ist. Sie hält uns am Leben, schützt uns vor Krankheit und macht uns froh. Wenn sie fehlt, wenn wir sozial isoliert sind, in die Einsamkeit abdriften, haben wir ein höheres Risiko, schwer zu erkranken und früh zu sterben, als wenn wir uns maßlos Nikotin und Alkohol zuwenden.

Anhand von Millionen von Datensätzen ist schon lange bekannt, wie wichtig Verbundenheit und wie desaströs Einsamkeit ist. Aus diesem Grund hat England vor einigen Jahren auch einen Einsamkeitsminister berufen.

Verbundenheit mit nahen Menschen, das kennen wir alle, macht uns ein warmes Gefühl, das Herz wird weit, alles scheint zu fließen, ganz egal, von wem die Initiative ausgeht. Sie findet Resonanz, und dann strömt es. Ein lieber Mensch streichelt mir über die Hand, schaut mich an mit Zuneigung im Blick. Oder ich schaue, und mein Schauen wird erwidert; jemand hat mit einer Kleinigkeit an mich gedacht oder ich habe an jemanden gedacht, auch mein Denken an ihn verbindet mich. Verbindung kann entstehen mit fremden Menschen, die es danach nicht mehr sind. Man tauscht auf der Straße ein Lächeln mit einer unbekannten Person, erhält oder schenkt ein Kompliment, das Herz auf der Zunge, und hört „you made my day“. Manchmal kann eine flüchtige Begegnung im Vorübergehen zu einer Verbindung werden, die über Jahre, Jahrzehnte hält, an die man sich immer erinnert. … Als das Kind mit dem Roller an den Laternenpfahl gefahren ist und ich diese fremde Frau angeschaut habe und dann mit ihr wie auf Kommando zu dem Kind gelaufen bin. Wir waren eins in unserer Reaktion und Sorge um das kleine Mädchen. Und später noch verbunden in der Erleichterung, dass nichts Schlimmes passiert ist …

Kein Wort wurde gewechselt. Man weiß nicht, wie die andere heißt, woher sie kommt, wohin sie geht. Aber es gibt einen Moment, in dem die Zeit stillsteht. Es ist der Moment der Verbindung. Er kann auch im gemeinsamen Lachen erlebt werden, man teilt den gleichen Humor, sitzt mit vielen fremden Menschen in einem Konzert und erfreut sich an der Musik, egal welcher Tonart. Wann immer wir etwas gemeinsam mit anderen Menschen tun, tanzen, singen, spielen, uns gemeinsam bewegen, verstärkt sich das Gefühl der Verbundenheit, und das dient später oft als Anknüpfungspunkt für eine weitere gemeinsame Zukunft. Ohne Verbindung keine Gemeinschaft. Verbundenheit ebnet Vertrauen den Weg, was zu noch mehr Verbundenheit führt. Sie wächst in die Tiefe, doch sie ankert nie. Sie macht glücklich und gesund … wie alles, was uns lieb und teuer ist. Sie lässt sich jedoch nicht festmachen, einfangen. Ihrem Wesen nach ist sie flüchtig, das macht ihren Wert aus. Sie ist ein unsichtbarer Zauber, der sich jederzeit verflüchtigen kann wie ein Duft. Und nun folgen wir ihrer Fährte …

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Rehligion

Das ist meine Gang, der Moll, das Reh und ich, die Miss Lomax, Muse der Schriftstellerin Shirley Michaela Seul, die unter www.flipper-privat.de einen Hundeblog führt

Zweibeiner sagen, sie können sich nicht riechen. Das heißt nicht etwa Nasenstau, sondern dass sie sich nicht mögen.  Ich finde nicht, dass das Reh so riecht, dass ich es mögen müsste. Und es setzt sich ja auch nicht hin. Immer eine Extrawurst diese Zicke. Aber ich mag das Reh trotzdem, weil meine Chefin es mag. Die Zweibeiner sagen manchmal, irgendwie kennt jeder jeden und die Welt ist klein. Also muss man auch jemanden kennen, der den, den man nicht mag, doch mag. Das ist dann Rehligion.

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Navigation

Okay, du läufst jetzt hier hoch, vier Grad Abweichung auf dem Grat, dabei musst du auf den Wind achten, der dreht. Bei der Eibenwurzel links, Vorsicht, da liegt eventuell noch Stacheldraht. Dann ein Stück geradeaus bis zu dem Fuchsbau, lass sich nicht erwischen, und am Wasserfall biegst du rechts ab. Nach zehn Metern scharf links, durch die Brombeeren, und dann bist du da. Irgendwo da habe ich meinen Handschuh verloren. Alles klar?

Autorin Michaela Seul und ihre Labrador Hündin Miss Lomax beim Wandern, flipper-privat.de

Meine Güte, wie umständlich! Es ist doch ganz einfach: Immer der Nase nach! Menschen können einem wirklich leidtun. Das Wesentliche bleibt für sie unriechbar.

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