Leben ohne Leander

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Das ist mein persönlichstes Buch – aus dem Jahr 1999. Es ist, wie es so schön heißt, mit Herzblut geschrieben, denn wenn der liebste Mensch stirbt, dann blutet das Herz.

Nachfolgend der Anfang von Leben ohne Leander

 Prolog

Kommst du morgen, fragte mich ein Kollege.

Ja, sagte ich. Außer, es geschieht ein Unglück. Ich wusste nicht, dass das Unglück bereits geschehen war. Es lag an dem Ort, den ich Daheim nannte. Lag im Wohnzimmer und kühlte aus. Und während ich vor roten Ampeln stand und die nahe und ferne Zukunft plante, wurdest du bleich und kalt. Ich fuhr nicht meiner Heimat entgegen, sondern der für mich größten Katastrophe: einem Leben ohne dich.

Wie alt war er, fragte einer der weißgekleideten Männer, die im Notarztwagen gekommen waren, obwohl ich am Telefon gesagt hatte: Er ist tot.

Er war zweiundvierzig, hörte ich meine Stimme sagen und wunderte mich, wie schnell sie in der Vergangenheit sprechen konnte, und dachte an die vielen Freitagabendkrimis, die wir – ich gerne und du gelangweilt – angeschaut hatten, und wie unglaubwürdig ich es fand, wenn frisch Hinterbliebene mit der richtigen Zeitform brillierten.

Sie fragten, ob du krank gewesen seist, und ich schüttelte den Kopf.

Dann werden wir eine Autopsie machen müssen, sagten sie, und ich dachte, ich sollte den Unterschied zwischen Obduktion und Autopsie im Fremdwörterbuch nachschlagen.

Die Männer, die im zweiten Wagen gekommen waren, legten dich in die Kiste. Vorsichtig. Fast zärtlich. Ich fragte mich, ob sie so auch handelten, wenn ich nicht zusähe. Bevor sie den Deckel schlossen, schauten sie mich an. Fragend. Ich nickte. Ich hatte lang genug gewartet, ehe ich sie rief. Als sie die Wohnung betraten, konnte ich ihnen deinen Körper überlassen. Du warst mehr, viel mehr als das, was da lag auf dem Parkett. Sie trugen dich hinaus. Deine Beine konnten nicht mehr gehen. Die Augen habe ich dir zugeküsst. Es ging ganz leicht, und dein Rücken war noch warm, als ich dich fand. Ohne jemals zuvor einen toten Menschen gesehen zu haben, wusste ich, du bist tot. Wie schlafend sahst du aus, nur deine Lippen waren blutleer, fast weiß.

Hattest du keine Angst, würden mich später Menschen fragen, die ich Freunde nannte. Sie würden nicht direkt fragen. Mit einem Toten in der Wohnung. Nein, ich hatte keine Angst. Dies war dein letztes Geschenk. Unser Abschied. Zwischen uns nur Leichtigkeit und Harmonie. Wir hätten morgens beim Frühstück streiten können, ich hätte mittags gedacht, ich muss mich entschuldigen – und du wärst vor meiner Entschuldigung gestorben; ich sagte meine Worte in den Wind.

Spät am Abend rief ich die Menschen an, die ich informieren mußte. Ich hoffte, nur Anrufbeantworter zu erreichen. Und hörte mich sagen: einfach eingeschlafen, schöner Tod, keine Schmerzen. Mit jedem Mal, wo ich es mich sagen hörte, wurde die Hoffnung, es sei ein Traum, kleiner. So lange konnte kein Traum dauern. Meine Bewegungen waren langsam. Ich sprach langsam. Ich ging durch die Wohnung, als wäre sie mit Watte gefüllt. Ich stellte mir vor, ich atmete die Luft, die du geatmet hattest. Du warst die Watte, in der ich wandelte.

 

 

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