Relaxx

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Als dieses Buch erschien, chillte man nicht, man relaxte. So kam das Buch, in dem viele Urlaubsgeschichten versammelt sind, im Jahr 2000 zu seinem Titel und dem Untertitel Treibgutgeschichten.

 

Nachfolgend eine Geschichte aus Relaxx

Der Sprung

Bernd hatte den Fotoapparat gezückt und wartete. Carola stand auf dem Felsen und dachte an den dicken Jungen. Der Junge war ihr als Inbegriff des Ekels erschienen. Zirka elf Jahre alt, verkniffener Mund, Schlitze statt Augen. Und überall diese Feistigkeit. Geschwollenere Brüste als ein gleichaltriges, früh entwickeltes Mädchen. Und intelligent, hatte Carola in Gedanken hinzugefügt, nachdem sie ihn so hämisch verspottet hatte, dass sie sich schuldig fühlte, schließlich war der Junge ein Kind und als solches konnte er nichts dafür, sondern seine Eltern konnten etwas dafür, hier seine Mutter, denn einen Vater hatte er nicht im Urlaubsgepäck.

Aber intelligent, dachte Carola, als der Junge die Salatschüssel zwischen den Knien hatte und Blatt für Blatt wie eine gefräßige Raupe in sich hineinratterte. Die Mutter nicht und auch sonst niemand gebot ihm Einhalt und Carola selbst tat es nicht, weil sie erstens nicht als gierig gelten wollte und zweitens war das nicht ihr Kind, und wenn sie ein solches Kind hätte, dachte sie manchmal und wusste nicht weiter, weil was bliebe ihr anderes übrig, als es zu mögen, sie wären aneinander gekettet, vielleicht gab es nur diese Rettung, das Kind schön zu finden, zum schönsten Kind der Welt zu küren, und wenn das wider Erwarten nicht klappte, war es immerhin noch intelligent. So intelligent, dass es merkte, wie Carola sich über die zwischen seinen Knien eingespannte Salatschüssel ärgerte. Sie sah es an den gehetzten futterneidischen Blicken, die es ihr aus seinen verkniffenen, im Fett eingesunkenen Augen zuwarf. Träge wirkten diese Augen beim ersten Blick, doch das war ein Trugschluss, in Wirklichkeit waren sie wach und flink. Schweinsäuglein, dachte Carola.

Nach dem Mittagessen fuhren sie mit zwei Autos an den Fluss zum Baden. Der dicke Junge mit seiner Mutter und deren Freundin mit ihrer Tochter und die Gastgeberin mit ihren drei Kindern – und Bernd und Carola folgten mit dem Motorrad. Natürlich wusste der dicke Junge, dass das Motorrad nicht einmal eine Einspritzpumpe hatte und nicht schneller als 200 fuhr, „wer BMW fährt, ist gerade mal ein besserer Bauer auf einer Odelpumpe“, urteilte der Junge mit vor Sachverstand aufgeblähten Backen. Bernd grinste. Carola konnte nicht grinsen. „Immerhin hat sie einen satten Sound“, sagte sie und ärgerte sich gleich darauf, und natürlich konnte der dicke Junge parieren: „Sie furzt“, sagte er und Carola dachte: wie du, fette Sau.

Und dann erschrak sie, denn sie war über dreißig und der Junge war elf und er war ein Kind, aber sie konnte ihn nicht ausstehen.

 

Durch einen Dschungel bahnten sie sich den Weg zum Fluss. Ein schmaler Pfad, den musste man kennen, führte zum Wasser, und dort lockte eine Badelandschaft, wie sie künstlich angelegt nicht schöner hätte sein können. Es gab kleine und größere Wasserfälle wie natürliche Duschen, es gab ein Becken mit starker Strömung, gegen die man sich verausgabend schwimmen konnte, ohne vom Fleck zum kommen, und kleine geschwungene Buchten am Ufer luden zum Fußbaden ein.

„Traumhaft!“, riefen die Erwachsenen und die Kinder sprangen ohne lang zu überlegen ins Wasser.

Der dicke Junge plantschte durch das Wasser, riss es auf, wühlte sich hindurch, spritzte herum. Carola, die neben Bernd auf einem heißen Stein in der Mitte des Flusses lag, rieb sich ärgerlich die Augen. Sie hasste es, nass gespritzt zu werden. Weil sie schon mal nass war, ließ sie sich ins Wasser gleiten. Sie paddelte zu der Stelle mit der starken Strömung, wollte ein wenig schwimmen, doch da war schon der dicke Junge und drängte sie fort und versuchte sich neben ihr zu halten und immer wieder wurde sein feistes fettes Fleisch gegen sie geschwemmt, und es ekelte sie so sehr, dass sie sich zu ihrem Stein zurück treiben ließ. Bernd streckte die Hand aus, um Carola hoch zu helfen, da ragte die Hand des Jungen aus dem Wasser und Bernd zog ihn zuerst raus.

Die Kinder kreischten vor Freude im Wasservergnügen, bewarfen sich mit Kieselsteinen und schubsten sich in das tiefe Becken. Die kleinste Tochter der Gastgeberin zitterte und zierte sich mit blauen Lippen, und doch war sie unermüdlich, ihre braunen Augen funkelten angriffslustig, wenn sie andere ins Wasser stieß, und das lange braune Haar floss wie vermooster Tang bis zu ihrer Taille hinab. Ihr Bruder stand hoch oben auf dem Felsen über dem tiefen Becken mit der Strömung. Wie ein Indianer sah er aus, der älteste Sohn ihrer Gastgeberin, zwischen zehn und zwölf war er wohl, schlank und braungebrannt, und auch er hatte dieses dichte braune Haar und das Feuer im Blick.

„Schau!“, rief Carola und zeigte zu dem Felsen, wo der Indianer abgesprungen war und als lang gestreckte Silhouette die Sonne in zwei Hälften geteilt hatte. Bernd sah ihn nicht mehr, er sah, was sie nun auch sah: den dicken Jungen, der aus dem Schatten auftauchte und am Abgrund stehen blieb als Koloss.

„Ja und?“, fragte Bernd.

„Der Sohn von Erika ist eben hinuntergesprungen.“

„Ach ja?“

„Und jetzt will der Dicke springen.“

Bernd legte die Zeitung weg.

Flink kraxelte der Indianerjunge erneut nach oben, rannte an dem Koloss vorbei und sprang. Diesmal sogar mit Anlauf und kerzengerade kopfüber. Und kaum an Land winkte er dem dicken Jungen zu. „Spring! Es ist toll!“

Der dicke Junge nickte. Langsam. Sehr langsam. Vielleicht nachdenklich. Unterhalb des Felsens, keine Sicht zu dem dicken Jungen, spielten die anderen Kinder in einer ausgewaschenen Bucht. Die Mutter des dicken Jungen und die Gastgeberin unterhielten sich. Der Junge stand oben und starrte. Starrte in den Fluss.

„Spring doch!“, rief der Indianer.

Der dicke Junge rührte sich nicht.

„Es ist ziemlich hoch“, sagte Bernd.

„So hoch nun auch wieder nicht“, sagte Carola.

„Der andere hat einen Heimvorteil. Er wohnt hier. Er kennt die Stelle.“

„Der Dicke muss ja nicht kopfüber springen“, sagte Carola.

„Na komm schon!“, rief der Indianer.

„Gleich“, sagte der dicke Junge sehr langgezogen.

Hämisch musterte Carola ihn. „Ich an seiner Stelle“, sagte sie zu Bernd, „wäre sofort gesprungen. Ohne viel nachzudenken. Hochklettern und runterspringen. Das am Rand Rumstehen bringt nichts. Das macht es nur schwerer.“

„Es gibt eben solche und solche“, erwiderte Bernd.

„Ich bin auf jeden Fall keine solche“, stellte Carola fest.

„Ich trau mich nicht!“, rief der dicke Junge.

Warum gibt er das zu, dachte Carola ungehalten. Es wäre ihr lieber gewesen, er hätte geschwiegen.

„Aber es ist wirklich toll!“, rief der Indianer.

Der dicke Junge ging noch einen Schritt näher zur Kante des Felsens und starrte in die Tiefe. Carola konnte seine Angst spüren. Und sie spürte auch, wie wichtig es für ihn war zu springen. Ihre Finger spielten mit den Fransen des Badetuches. Er musste springen! Obwohl Carola nicht wollte, dass er sprang. Und er sprang auch nicht. Er glotzte nur. Und sie wusste nicht, warum sie ihm den Mut zum Sprung wünschen sollte, denn eigentlich wünschte sie ihm die Niederlage und vor allem wünschte sie ihm, dass er sie vor sich selbst aushalten musste. Da rief seine Mutter „Herbert! Herbert, wo steckst du?“

Herbert sprang. Es pflatschte so gewaltig, dass Carola erschrak, ob das Becken tief genug war, den Koloss abzufangen. Und dann tauchte er auf. Mit einem Schrei. Tausend Zellen Fett platzten auf. Ein Triumphgeheul. Das hörte nicht mehr auf. Das war unnachgiebig und unbeirrbar, zäh und zornig wie der Körper des Kolosses.

„Und was hat er jetzt von seiner Warterei“, fragte Carola an Bernd hin, aber Bernd war aufgesprungen, als der Junge gelandet war – und stand nun in der Nähe des tiefen Beckens. Der Indianerjunge stand neben ihm und klatschte dem Koloss Beifall. Der Koloss stand schnaufend im Wasser und schaute trotzig in die Runde als wollte er etwas einfordern. Carola hob die Zeitung vor ihr Gesicht.

… Und nun stand Carola auf einem Felsen, vierhundert Kilometer südlich vom Fluss und dem Nachmittag mit dem dicken Jungen und Bernd hielt den Fotoapparat vors Gesicht. Wie eine gezückte Waffe kam er Carola vor. Ihre Knie waren weich. Butterweich sogar. Bis vorhin hatte sie nicht gewusst, was butterweiche Knie bedeuteten, nur gelesen hatte sie davon. Warum hatte sie nicht geschwiegen. „Hier würde ich sofort reinspringen!“, hatte sie gerufen, als sie den ins türkisgrüne Meer ragenden Felsenvorsprung bei ihrer Wanderung entdeckt hatten.

„Dann tu’s doch“, hatte Bernd erwidert.

„Klar!“, hatte sie gesagt und sich darauf gefreut. Es war heiß, sie schwitzte, das Meer lag einladend da. Sie kletterte hoch und merkte beim Klettern, wie hoch es war. Bernd blieb unten. Holte die Wasserflasche aus dem Rucksack, trank, schaute sich um – und dann packte er das Teleobjektiv aus. Carola setzte sich. Ließ die Beine baumeln als wäre sie gut gelaunt und rundum urlaubig. Aber sie spürte, wie der Abstand zum Wasser sie beunruhigte. Das ging verdammt weit runter! Aber passieren konnte nichts. Es war tief. Das sah man. Sie lief zurück zu Bernd, mit leichtem Schritt, doch sie merkte, wie sie schwer wurde, immer schwerer, und trank ein paar Schluck.

„Und jetzt?“, fragte er.

Er fragte so beiläufig, dass sie hätte sagen können: Gehen wir weiter. Er hätte wahrscheinlich nichts dazu gesagt, ja er hätte sie nicht einmal erinnert, dass sie eben noch gerufen hatte, sie würde springen, er hätte es einfach übergangen. Jemandem eine Brücke bauen, nannte ihre Mutter das, und sie hatte als Kind eine mit Seilen verknüpfte Hängebrücke in schwindelerregender Höhe über einer tiefen Felsenschlucht vor sich gesehen und den Gang über diese Brücke stets gefährlicher und umständlicher gefunden, als in die Wahrheit zu springen. Bernd hätte den Vorfall, zu dem der abgebrochene Sprung geworden wäre, nicht mehr erwähnt. Aufgewärmt, hätte das bei ihrer Mutter geheißen, die den Vorfall immer wieder aufgewärmt hätte, obwohl man nichts aufwärmen sollte, weil man dabei sterben konnte.

Carola musste es sagen: „Ich springe“, musste sie sagen.

Und auch dazu sagte Bernd nichts. Carola streifte ihr Sommerkleid ab, ließ es bei Bernd zurück, kletterte vorsichtig nach unten und benetzte sich mit Wasser – sie wollte schließlich keinen Hitzschlag bekommen – und machte sich dann auf den Weg nach oben. Warum tu ich das, fragte sie sich, es gab bequemere Arten, ins Wasser zu kommen. Aber sie konnte nicht zurück und stand oben und schaute nach unten. Meine Fresse, war das tief. Sie setzte sich an den Rand des Felsen. So war es ein bisschen näher zum Wasser. Aber immer noch viel zu weit weg. Und so saß sie und starrte und spürte den Fotoapparat von Bernd auf sie gerichtet und spürte auch, dass er ihn irgendwann beiseite legte. Aber er ließ sie nicht aus den Augen.

„Du meinst wohl, ich bin feige?“, rief Carola und hörte die Verzweiflung in ihrer Stimme.

„Nein.“

„Doch!“

„Nein Carola, das meine ich ganz bestimmt nicht. Ich würde nicht hinunterspringen wollen.“

„Los, sag dass ich feige bin.“

„Das fällt mir nicht ein!“

„Wenn du sagst, dass ich feige bin, dann spring ich!“

„Du bist feig“, sagte er sanft.

Sie schämte sich, dass sie das hatte hören wollen und schämte sich noch mehr, weil sie trotzdem nicht sprang. Scheiße, war das tief. Aber es konnte eigentlich nichts passieren.

„Es kann ja eigentlich nichts passieren“, rief sie Bernd zu. Der nickte. Der Fotoapparat, den er wieder vorm Gesicht hielt, nickte mit.

„Du kannst den Fotoapparat weg tun“, rief Carola. „Ich sag’s dann schon, wenn ich springe.“

Bernd nahm den Apparat vom Gesicht.

„Also“, sagte Carola nach einer Weile und Bernd hob den Apparat wieder vors Gesicht. „Also“, sagte sie noch mal. Aber es ging nicht. Ihre Beine wurden immer weicher. Sie konnte sich nicht bewegen. „Das gibt‘s doch nicht“, fluchte sie, aber es ging nicht. Sie wollte, wollte, wollte springen. Unbedingt wollte sie runterspringen. Aber sie konnte nicht.

„Jetzt bin ich schon wieder getrocknet“, rief sie, um wenigstens etwas zu sagen.

„Ich glaube, das macht nichts“, sagte Bernd. „aber wenn du meinst, kannst du dich noch mal abfrischen.“

„Nein, nein“, winkte sie ab.

Bernd hob den Fotoapparat wieder vors Gesicht.

„Wie hoch ist das wohl?“, fragte sie.

„Sechs, vielleicht sieben Meter. Vielleicht auch höher. Es wirkt auf jeden Fall höher, weil alles so offen ist. Ich würde sagen, es gilt für zehn Meter“, sagte Bernd. „Vom Sprungturm aus wäre es bestimmt leichter.“

„Ach ja?“, fragte sie und hörte ihre Stimme schwach und dünn. Am liebsten hätte sie geweint.

„Bestimmt!“, bekräftigte Bernd.

Wieder setzte sie sich an den Rand. Ihr war schwindlig. Und schlecht war ihr auch. In ihrem Bauch ein Fallen. Sie hätte gleich springen müssen. Dieses ganze Hin und Her machte alles nur noch schlimmer.

„Ich spring jetzt!“, rief sie Bernd zu.

Er nickte und hob den Fotoapparat wieder vors Gesicht.

„Also jetzt!“, rief sie. Sie sprang nicht. Sie hatte keine Macht über ihre Beine. Ich will, ich will, ich will, flüsterte sie zu allem entschlossen mit zunehmender Verzweiflung und wütend wie selten. Und dann stapfte sie zurück mit großen wilden Schritten. Ihr Herzschlag überall in ihrem Leib. Und dann nahm sie Anlauf. Von ganz hinten. Sie rannte los und begann zu schreien. Sie schrie bis zum Absprung und schrie weiter, während sie fiel, durchschrie den Augenblick puren Glücks, als alles von ihr abgesprungen war, und tauchte tief ein mit diesem Schrei in das Wasser, strudelte hinunter und ganz unten begegnete sie für einen Moment lang dem Gesicht des dicken Jungen, eine träge treibende Wasserleiche in einer trüben Brühe, und schon tauchte sie wieder auf und schrie noch immer oder schon wieder und lauter als zuvor.

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