Die Tatortreinigerin

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Auch für Antje Schendels Buch brauchte ich starke Nerven. Ich schrieb es übrigens ohne Gummihandschuhe.

Nachfolgend einige Textauszüge aus der Tatortreinigerin

 Der Geruch des Todes

Wenn ich ein Haus betrete, in dem kürzlich ein Mensch gestorben ist, dann rieche ich das. Mittlerweile kann ich sogar Todesarten olfaktorisch unterscheiden. Meine Nase ist sehr fein, und ich erkenne den Drogentod an seiner Note. Er hinterlässt eine andere Geruchsspur als die Rückstände eines natürlich verstorbenen Menschen. Einen meiner schlimmsten Geruchsfälle erlebte ich in einer Wohnung in Essen. Der Körper hatte sich komplett aufgelöst, der Bestatter hatte lediglich das Rückgrat und die Schädelkochen mitnehmen können, alles andere war verflüssigt. Ein Körper besteht auch aus Mikroorganismen, und die wandern. Angenommen der Verstorbene liegt in einer Ecke, so kann sich doch an der Wand gegenüber, mehrere Meter entfernt, ein Fleck bilden, schwarzem Schimmel ähnlich oder als habe jemand mit einer schwarzen Farbdose an die Wand gesprüht. Auch Fliegen und Maden geben die Rückstände weiter. Diese Verbreitung ist schwer erklärbar und erstaunte mich zu Beginn meiner Tätigkeit oft. Heute bin ich daran gewöhnt.

Maden über Maden

Ein Mann war wahrscheinlich wochenlang unentdeckt in seinem Haus gelegen. Die Geruchsentwicklung war enorm. Da es sich um ein allein stehendes Haus handelte und der Briefkasten sich am Gartenzaun befand, hatte niemand Alarm geschlagen. Die Tochter des Mannes war in Nepal auf einer Trekkingtour und hatte keine Möglichkeit gehabt, von unterwegs anzurufen – einen Computer besaß er nicht.

Das Zimmer, in dem der Mann gefunden wurde, war in keinem guten Zustand. Es wimmelte von Schädlingen, die sich zum Teil auch in andere Räume ausgebreitet hatten. Der Geruch war so überwältigend, dass ich nur mit Atemschutzmaske arbeiten konnte. Wenn ich über den Teppich lief, knackte es überall, die Kokons der Maden. Sie lieben Teppiche und fressen sich dort hinein. Manchmal sieht man nur noch die braunen Spitzen der Kokons herauslugen. Da viele Teppiche braun sind, erkennt man sie oft gar nicht. Man hört es nur knacken. Maden sind weiß. Es gibt auch häufig helle Teppiche. Bei Ungezieferbefall entferne ich natürlich die Teppiche. Gelegentlich wird das Ausmaß der Besiedelung erst sichtbar, wenn ein Teppich weg ist. Es ist oft eine Herausforderung, extremen Geruch aus einer Wohnung zu tilgen. Naturfasern filtern den Geruch heraus und konservieren ihn sozusagen pur. Zum Glück weiß ich mir zu helfen, und ich habe noch jede Wohnung in einen neutralen Geruch zurückversetzt.

Schon kurz nach dem Eintritt des Todes wird der Leichnam von Ungeziefer befallen. Maden, Fliegen. Der Körper bleibt auch kein Körper. Er löst sich auf. Achtzig Kilo Körpergewicht entsprechen zirka 42 Liter Flüssigkeit, das habe ich einmal irgendwo gelesen. Und die tritt aus. Schon nach dem letzten Atemzug eines Menschen setzt die Verwesung ein, was bedeutet, dass der Körper zu faulen beginnt. Wie stark dieser Fäulnisprozess ist, hängt von der Temperatur und Luftfeuchtigkeit ab. Bei extrem kalten Klimabedingungen kann ein Körper konserviert werden, in der Wüste trocknet er ein, wird also mumifiziert. Als erstes wird der verwesende Körper von Larven der Schmeißfliege besiedelt. Schmeißfliegen sind in der Lage, den Leichengeruch über große Distanzen wahrzunehmen. Sie ernähren sich von frischem Leichengewebe und legen Eier ab, aus denen in kürzester Zeit Nachwuchs schlüpft. Wenn ein Leichnam sehr lange liegt, bleibt bloß eine breiige Masse übrig, und manchmal muss die mit einer Schaufel geborgen werden, weil sie sonst zerfallen würde.

Der Verpackungskünstler

Dass der alte Mann, der in seiner Wohnung verstorben war, an Demenz gelitten hatte, erkannte ich auf den ersten Blick an den vielen gelben Klebezetteln, die überall verteilt waren. Immer wieder dieselben Telefonnummern, welches Fernsehprogramm auf welche Taste der Fernbedienung programmiert war, wann das Altpapier abgeholt wurde, die Telefonnummer eines Arztes, dass der Herd auszuschalten sei und so weiter. Der alte Herr hatte ein seltsames Hobby gepflegt. Er sammelte Kugelschreiber. Schlussendlich sollte ich in dieser Wohnung mehrere tausend Stück finden. Jeder Kugelschreiber war nach einem speziellen System raffiniert verpackt: Er wurde von einem Plastikbeutel umschlossen, mehrfach gedreht und dann mit einem Gummi gesichert. Auch Wattestäbchen waren derart eingewickelt. Einzeln. Und die Eier im Kühlschrank ebenfalls. An einer durch die ganze Wohnung gespannten Leine hing die gewaschene, getrocknete und gebügelte Verpackung von Butter.

Normalerweise hätte die Wiederherstellung der Wohnung keinen hohen Zeitaufwand erfordert. Wir hätten die verpackten Kugelschreiber und Wattestäbchen in Plastiksäcke geworfen und sie entsorgt. Doch meine Auftraggeberin war auf der Suche nach einem Schlüssel für ein Bankschließfach, den ihr Vater irgendwo aufbewahrte. Das bedeutete, meine Helferin und ich mussten jeden Kugelschreiber, jedes Wattestäbchen, jeden Gegenstand auspacken. Und das dauerte, denn die Sachen waren ja nicht schlampig verpackt, ganz im Gegenteil. Eine verpackte Reisetasche fanden wir, in der mehrere kleinere Reisetaschen verpackt waren, auch ein Kulturbeutel, und jede einzelne Tablette, jeder Zahnstocher, Zahnbürste, Zahnpasta, alles – und vieles in Schlüssellänge – war im bewährten System gesichert. Nach diesem Auftrag konnte ich eine Weile keine Frühstücksbeutel sehen, ohne in nervöses Kichern auszubrechen. Den Safeschlüssel fanden wir damals leider nicht.

 

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