Flucht in die Hoffnung

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Das lebensgefährliche Abenteuer, auf das sich Tina Rothkamm verzweifelt einließ, ging als Nachricht um die ganze Welt: Ein mit Afrikanern lebensgefährlich überfülltes Schlepperboot landete in Lampedusa. An Bord: Eine blonde Frau mit einem kleinen Mädchen. 

Nachfolgend der Anfang von Flucht in die Hoffnung.

„Wir sitzen in einem Boot.“

Wie oft schon hatte ich diese Redewendung gehört und auch selbst benutzt – und keine Ahnung gehabt, was das bedeuten konnte: in einem Boot zu sitzen. Dieses Boot, in dem ich mehr kauerte als saß, kam mir vor wie eine Nussschale, und sie trieb auf dem weiten Meer zwischen Tunesien und Italien. Nein, sie trieb noch nicht. Es gab einen Kapitän. Aber würde er uns sicher an Land bringen? Mich, meine Tochter Emira und die zirka hundertzwanzig fremden Männer, mit denen wir in diesem Boot saßen und lagen, keine Zigarette hätte zwischen uns gepasst. Wenn einer auch nur das Bein bewegen, in eine andere Stellung wechseln wollte, hatte das Auswirkungen auf alle; so waren wir miteinander verbunden in einer wabernden Welle. Ein eingeschlafener Fuß, ein eingeschlafener Arm, jedes Husten pflanzte sich fort und wurde ausbalanciert von allen. Als das Boot schon längst überfüllt war, hatte ein Schlepper wütend brüllend mit einem Baseballschläger in der Hand die Sitzenden noch enger zusammengepfercht, und es waren mindestens zwanzig weitere Männer an Bord geklettert, alle ohne Gepäck. Unsere Mitfahrer trugen, was sie besaßen, am Leib, und für manche war ihr Leib alles, was sie besaßen. Und die Hoffnung. Die wir teilten. Dass unsere Nussschale es schaffen möge. Dass wir nicht kenterten, dass kein Marineschiff uns rammte, dass wir aus dem Wasser gezogen wurden, wenn ein Sturm aufkäme – meterhoch konnten die Wellen sich hier auftürmen. … Dass wir nicht sterben würden. Jeder von uns wusste, dass diese Überfahrt sein Leben kosten konnte. Für mich war es doppelt arg, denn ich hatte für zwei Menschen entschieden. Für mich und für meine Tochter Emira.

Es waren nicht die Männer, die mir Angst machten. Es war das Meer und die Geschichten, die ich gehört hatte von den gekenterten Booten, den Ertrunkenen. Durfte ich es wagen? Die Frage war müßig – nach jahrelangen gescheiterten Fluchtversuchen war dieses Schlepperboot nach Lampedusa unsere letzte Chance.

Ich bemühte mich sehr, mir meine Angst nicht anmerken zu lassen. Emira sollte sich sicher fühlen an meiner Seite, endlich sicher. Wie viel hatte meine geliebte Tochter aushalten müssen, jahrelang immer wieder von ihrer Mutter getrennt.

„Mama, wann sind wir da?“, fragte sie eine Kleinkinderfrage, obwohl sie mit ihren acht Jahren doch eigentlich schon ein großes Mädchen war und darauf normalerweise auch Wert legte.

„Bald“, behauptete ich, ohne es zu wissen, ja ich wusste nicht einmal, ob wir überhaupt ankommen würden.

„Dort“, ich wies einfach Richtung Sonne, obwohl das wahrscheinlich falsch war, aber für mich war es in diesem Augenblick wahr, liegt Europa.

„Und da, kuck mal, Mama“, Emira wies zur Küste. „Das ist Djerba.“

„Ja, tatsächlich! Du hast recht!“

Emira winkte Richtung Land, winkte ihrem Vater, der keinesfalls freudig am Strand stand, der uns wahrscheinlich noch immer suchte, verbissen und heimtückisch. Wie viele Schergen hatte er diesmal auf uns angesetzt?

„Bislema Baba!“, sandte Emira ihm einen Gruß. Auf Wiedersehen Papa!

Ob sie ihn jemals wiedersehen würde? Ob sie ihn überhaupt wiedersehen wollte, nach allem, was geschehen war. Ich würde ihn ihr nicht wegnehmen, so wie er versucht hatte, mir meine Tochter zu entfremden.

„By by Faouzi“, sagte ich leise. Ich sagte es gänzlich ohne Gefühl, denn in mir gab es kein Gefühl mehr für diesen Mann. Nur noch Leere. Ich hatte ihn geliebt, wie ich nie zuvor geliebt hatte, und gehasst, wie ich es nicht für möglich gehalten hatte. Er trieb mich dazu, den Wahnsinn dieser Überfahrt zu wagen. Weil er alles in seiner Macht Stehende getan hatte, Emira zu verbieten, das Land zu verlassen. Weil er dem Kind die Mutter hatte nehmen wollen. Weil er mir das Schrecklichste angetan hatte, was man einer Mutter antun kann: Die Trennung von ihrem Kind …

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