Lieber spät als nie

Natürlich liebe ich alle meine Kinder gleich. Aber bei diesem ist das Herzblut noch ein bisschen dicker!

 

 

Die Ehemannzipation

„Diana, ich ess’ jetzt ein Käsbrot“, sagt mein Vater, und meine Mutter bereitet es ihm mundgerecht zu.

„Diana, ich trink jetzt einen Kaffee“, sagt mein Vater, und mein Mutter setzt Wasser auf. Vor vielen Jahren schob ich mir im Beisein meines Vaters einmal ein Bonbon in den Mund. „Für mich auch“, bat er. Ich reichte ihm eines, er legte es auf die Zunge und rief empört: „Da ist ja noch Papier dran!“

Ich bin eine von sehr vielen, gehöre zu einem geburtenstarken Jahrgang. In meiner Kindheit saß der Mann am Steuer. Papa bestimmte die Route des Familienschiffs und hatte das Ruder in der Hand, Mama ordnete sich unter beziehungsweise schob Papas Ruder mit Charme und Diplomatie in die von ihr gewünschte Richtung.

Lange wollte meine Mutter nicht wahrhaben, dass der Kapitän schwächelte, dass er vergesslich wurde. Denn das bedeutete, dass sie nun das Ruder in die Hand nehmen und Entscheidungen fällen musste. Dagegen wehrte sie sich mit einer Hartnäckigkeit und Zähigkeit, die mich verblüffte.

Meine Mutter ist kein Einzelfall. Als ich eingeschult wurde, waren alle Mütter meiner Klassenkameradinnen und -kameraden Hausfrauen. Ich erinnere mich gut an die erste Schulstunde. Jedes Kind nannte den Beruf seines Vaters. Der Beruf der Mutter kam nicht vor, sie hatte nämlich keinen, beziehungsweise nicht mehr. Und wenn sie einen gehabt hatte, war der in der Regel nur ein Lückenbüßer für die Zeitspanne zwischen Volljährigkeit, damals noch mit einundzwanzig, und Ehe. Die kinderlose Zeit währte oft nur kurz, idealerweise neun Monate nach der Hochzeit. Mit dem Kind wurde sie zur Hausfrau und Mutter, und alles war in Ordnung.

Diese Mütter, Frauen sind heute 70+. Ihre oft älteren Männer – eine Frau sollte damals mindestens zwei, besser ab vier Jahre jünger sein als ihr Ehemann – sind vielleicht gestorben, dement oder leiden an anderen Altersgebrechen. Auf einmal stehen die Frauen „allein“ da. Plötzlich sollen sie Dinge tun, die bis jetzt immer ihr Mann erledigt hat. Das fängt beim Betanken des Wagens an, führt über Bankgeschäfte zu kleinen handwerklichen Tätigkeiten im Haushalt. Wo ist der Sicherungskasten? Haben wir so was überhaupt? Und natürlich sollen sie Entscheidungen fällen, ihren Mann stehen – und das überfordert sie.

Die Kinder, vor allem die Töchter dieser Mütter, und ich bin eine davon, haben oft jahrelang an ihre Mütter hingeredet: Mama, denk doch mal an dich. Mama, du musst selbstständiger werden, Mama, du musst ein eigenes Leben führen. Aber die Mütter sahen dazu keine Veranlassung. Es klappte doch alles prima. Papa und ich sind ein gutes Team. Doch eines Tages funktioniert die jahrzehntelang gelebte Rollenaufteilung nicht mehr. Manche Frauen, die jung geheiratet haben, denken jenseits der siebzig zum ersten Mal darüber nach: Was will ich eigentlich? Vielleicht sehen sie an ihren eigenen Töchtern, dass es auch anders geht, dass Beziehungen auf Augenhöhe gelebt werden können.

Auch wenn es schrecklich klingt: Die Demenz meines Vaters verhalf meiner Mutter zu mehr Selbstbewusstsein. Allerdings dauerte dieser Prozess Jahre. Als sie erkannte, dass er zu jeder neuen Anschaffung Nein sagen würde, weil er sich darunter nichts vorstellen konnte, überfordert davon gewesen wäre, sich ein eigenes Urteil zu bilden, begann sie selbst anzuschaffen. Endlich gab sie Geld aus, ohne Rücksprache, auch größere Beträge. Beim ersten Mal zögerte sie lange. Es handelte sich um einen Staubsauger, und noch versuchte sie, meinen Vater zu überzeugen. „Der alte saugt nicht mehr richtig“, sagte sie zu ihrem Mann, weil man immer einen guten Grund braucht. Der gewichtigere Grund, dass ihr das altmodische Teil zu schwer war, zählte nicht. Der Kauf von Technik fiel nicht in ihren Bereich. In einem halben Jahrhundert Ehe hatte sich folgende Vorgehensweise etabliert: Sie meldete dem Vorgesetzten, also meinem Vater, einen Mangel. Der Vorgesetzte hörte sich die Klage ruhig an, schenkte ihr aber erst einmal keinen Glauben. Frauen übertrieben, das war bekannt. Er sah sich die Sache jedoch an, denn das war seine Aufgabe. So widmete er sich gewissenhaft und mit Sachverstand dem rapportieren Missstand, womit er zeigte, dass er ein offenes Ohr für die Beschwerde seiner Mitarbeiterin hatte. Meistens fand er einen Fehler, und der wurde behoben. Meine Mutter gab sich damit zufrieden, hielt die Frist, die sich bewährt hatte, ein, und brachte ihr Anliegen erneut vor. Bei meinem Vater begann ein Abwägeprozess. Ohne darüber zu sprechen, kümmerte er sich um die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiterin. Er ging strategisch vor, erkundigte sich im Bekanntenkreis und bei der Stiftung Warentest, streifte durch Geschäfte. Schließlich traf er eine Wahl, die nicht unbedingt mit den Wünschen meiner Mutter, der Staubsaugerführerin übereinstimmte. Doch selbstverständlich hätte sie nicht widersprochen, sondern sich über die Neuanschaffung gefreut …

 

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2 Gedanken zu „Lieber spät als nie

  1. Erwin

    Liebe Michaela oder Shirley (such dir dann einfach raus welche Anrede dir lieber ist)
    … es gibt Momente im Leben die bewirken, bewegen, verändern
    so wirklich viele davon gibt es nicht
    Der Beitrag in der FLZ „Mama wird mobil“ gehört. dazu. Nein Lesen ist bestimmt nicht das was man bei mir als Hobby bezeichnen könnte. Und ausser Schamberger und Glattauer ist es in den letzten 20 oder 30 Jahren niemanden gelungen mich hinter Büchern zu vergraben. Bis heute nicht.
    Deine Art zu Schreiben, deine Themen, wie ein Fenster in das Leben unserer Generation.
    Es hat mich vom ersten Augenblick angesprochen und so werden wohl neben den Reiseführern auch deine Bücher in die Welt mitreisen, und mich zum Schmunzeln bringen.

    mit ganz herzlichen Grüßen

    Erwin

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    1. Luna

      Lieber Erwin,

      über diese Zeilen habe ich mich sehr gefreut. Dankeschön!
      Und wie wunderbar du das ausdrückst: Nicht vergraben, sondern Fenster, genau das ist lesen im besten Sinne.

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