Vorsätze sind wie Chipstüten

Was ist ein Vorsatz? Ein erster Satz und danach kommt dieser, der zweite? Einem Vorwort folgen viele Wörter.  Vorsätze treten gern ohne Absätze gehäuft am Jahresende auf. Ihre Haltbarkeit ist gering. Vorsätze sind wie Chipstüten.

Vorsätze sind meistens nichts Neues sondern alte Hüte, die man noch immer nicht aufgesetzt hat. Jedes Jahr nehme ich mir, meistens im Urlaub, wenn ich es es nämlich tue und wieder einmal merke, dass es glücklich macht: Ich will mehr lesen!

Natürlich lese ich. Jeden Tag. Das, was ich schreibe, und dann korrigiere ich es unzählige Male und lese immer wieder von vorn, und außerdem lese ich beim Recherchieren.

Aber es gibt auch ein anderes Lesen. Das nicht nach dem Nutzen fragt und keine Arbeit ist, ein Lesen wie ein Strandspaziergang. Ich bücke mich nach angeschwemmten Wörtern, hebe hier ein schneckenmuschliges S auf und dort ein krummes T und werfe es zurück in die Wellen, und in der Gischt entstehen Geschichten und Bilder, viel Damals und manch Neues, und auf einmal ist das ganze Meer eine einzige Buchstabensuppe.

Wie habe ich es früher geschafft, so viel zu lesen, fast jeden Tag ein Buch? Was hat sich verändert? Wer hat mir meine Lesezeit gestohlen, diese verdichtete Lebenszeit. Nie so lebendig wie in einem Buch. Und manchmal im echten Leben das Gefühl: Das ist so schön, das muss ein Buch ein.

Aber bin ich wirklich ein Opfer oder nicht eher eine Täterin, weil ja nur ich selbst mir die Zeit stehlen kann. Weil es der Zeitgeist ist.  Ich glaube, dass in Smartphones und allen anderen elektronischen Spielzeugen Zeitfresser versteckt sind. Viel raffinierter als es der Dieselabgasskandal in den Himmel stank. Sie haben uns ein, zwei, manchmal drei Stunden täglich abgeknipst, und das ist genau die Zeit, in der ich früher las.

Lesen ist Zeitverschwendung? Man könnte ja was Wichtiges versäumen. Ja, sich selbst. Man kann auch was Aktuelles versäumen. Als gäbe es etwas Aktuelleres als die Klassiker! Ich erfahre mehr über die Menschen und die Welt und mich selbst, wenn ich mich zurückwende als nach vorne, denn in der Vergangenheit liegen die Erklärungen für die Gegenwart und Zukunft.

Vielleicht bringt es etwas, den Vorsatz sichtbar zu machen. Manchen hilft es, wenn sie ihre Absicht, mit dem Rauchen aufzuhören, kund tun. Sie wären Versager, würden sie scheitern. Der gute Ruf als Motivation. Andere versuchen es heimlich. Dann weiß es auch keiner, wenn es nicht geklappt hat. Also ich sage es jetzt öffentlicher geht es ja gar nicht, weltweit sage ich es, www sage ich es: Ich Will Wieder Mehr Lesen. kreuzundquer und sauraus und LustundLaune. Lesen!

Liest du mit?

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.