Therapie auf vier Pfoten

Mein drittes Buch mit der wundervollen Stephanie Lang von Langen ist ein ganz besonderes – wer einmal erlebt hat, was Therapiehunde bewirken … der weiß: Gib dem Menschen einen Hund, und seine Seele wird gesund (Hildegard von Bingen).

 

 

 

Lust auf einen Spaziergang mit uns?

Karl steht jeden Morgen um fünf Uhr auf, um es bis acht an seinen Arbeitsplatz zu schaffen, eine Caritas-Werkstatt in der Nähe seiner Wohnung. Der sechzigjährige rundliche Mann mit dichtem, noch immer dunklem Haar leidet seit vielen Jahren an einer Zwangsstörung. Es dauert Stunden, bis er seine Wohnung verlassen kann. Immer wieder muss er kontrollieren, ob der Herd ausgeschaltet, die Fenster verschlossen sind. Im Laufe seiner Erkrankung hat er zeitraubende Rituale entwickelt. „Hoffentlich schafft es Karl diesmal pünktlich“, seufzt eine Therapeutin, als wir vor dem Bus stehen, der uns zu einem Waldlehrpfad bringen soll.

Einmal im Jahr nehme ich mit meinen Therapiehundeteams am Betriebsausflug der Werkstatt teil. Jahr für Jahr warten wir bei der Abfahrt auf Karl, der sich auch heute verspätet. Karl legt sehr viel Wert auf tadellose Kleidung und pflegt übersteigerte Hygienevorstellungen. Ein kleiner Fleck auf der Hose kann ihn veranlassen, ausgiebig zu duschen, sich immer wieder einzuseifen und abzurubbeln. Im letzten Jahr haben wir vierzig Minuten gewartet. Wird Karl diesen Rekord brechen? Ja, aber anders als befürchtet: Wir starten mit einer Verspätung von nur siebzehn Minuten. Eine Therapeutin lobt Karl, deutet aber dennoch auf ihre Uhr.

„Entschuldigung“, murmelt Karl. Er ist ein freundlicher Mensch.

Jeder Mitarbeiter wählt sich am Parkplatz einen Hund aus – seinen persönlichen Begleiter auf der Wanderung. Karl zeigt auf einen Golden Retriever, weil er so schön sauber aussieht, und führt ihn stolz an der Leine. Das Frauchen des Golden Retrievers, eine ausgebildete Therapiehundeführerin, und ich gehen in einigem Abstand hinterher. Nach etwa einer Viertelstunde sehen wir schockstarr zu, wie sich der hübsche helle Sammie in ein Schlammloch am Wegesrand wirft, sich genüsslich wälzt und dann direkt vor Karl schüttelt. Nicht nur ein, zwei Flecken verunstalten Karls cremefarbene Hose – sie ist gesprenkelt. Fassungslos betrachtet er das Malheur. Die Zeit bleibt stehen. Was wird jetzt passieren? Wird Karl einen Nervenzusammenbruch bekommen?

„O je“, höre ich Karls Betreuerin in der Gruppe hinter mir seufzen. „Das ist eine Katastrophe. Jetzt können wir erst mal eine Stunde warten, bis Karl sich beruhigt hat. Womöglich geht er keinen Schritt weiter. Ich muss wahrscheinlich mit ihm zurück, er wird sich duschen und umziehen, und wir können froh sein, wenn wir bis zum Mittagessen wieder bei euch sind.“

Da hebt Karl mahnend den Zeigefinger, schaut Sammie streng an und sagt: „Das macht man nicht!“

Sammie schüttelt sich noch mal. Schlamm spritzt durch die Luft.

Und dann geschieht ein Wunder. Karl lacht. Schaut an sich herunter und lacht und lacht und ruft vergnügt: „Ich seh ja aus wie ein Gefleckter, wie ein Dalmatiner, ich gehöre jetzt zu den Hunden, wau wau!“

„Wow!“, entfährt es der Betreuerin.

 

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