Auf den Hund gekommen

Seit fünf Tagen verließ sie das Haus zum ersten Mal. Sie musste einkaufen, zur Post und tanken. Obwohl sie mit dem Gegenteil gerechnet hatte, ging alles glatt. Auf der Post hatten sogar drei der zwölf Schalter geöffnet.

„Alles im grünen Bereich?“, fragte der Tankwart was er immer fragte, und er schaffte es tatsächlich, das jedes Mal so zu sagen, als hätte er es noch nie gesagt, als wäre es eine ganz besonders geistreiche und witzige Bemerkung.

„Ja“, sagte sie und kam sich wortkarg vor, als hätte sie verlernt, mit Menschen zu sprechen, tatsächlich hatte sie bei all ihren Besorgungen immer nur das Nötigste gesprochen, Dinge verlangt, danke und bitte gesagt, und während der Tankwart den Tankdeckel aufschraubte, deutete sie auf die Decke im Wagenfond und sagte: „Seit einer knappen Woche habe ich einen Hund.“

„Wo ist er denn?“, fragte der Tankwart.

„Daheim. Deshalb habe ich es auch so eilig.“

„Gleich fertig“, sagte er, obwohl sie ihn gar nicht hatte zur Eile antreiben wollen. Sie lächelte.

Der Tankwart lächelte auch und dann sagte er – als wäre es noch nie zuvor einem Menschen eingefallen – was bereits Dutzende von Menschen zu ihr gesagt hatten: „Dann sind Sie also auf den Hund gekommen!“

Sie verbreiterte ihr Lächeln, als hörte sie diese Bemerkung zum ersten Mal. Als sie bezahlte, fiel ihr auf, wie tiefsinnig und geistreich sie eigentlich war. Seit drei Tagen hatte sie weder geduscht noch die Garderobe gewechselt. Wieso sollte sie sich auch umziehen, sie war sofort wieder schmutzig, weil es regnete und der Hund dauernd an ihr hochsprang. In den Spiegel hatte sie lediglich geschaut, wenn sie den Hund auf einer Ebene mit sich betrachten wollte, also wenn sie ihn auf dem Arm trug. Die Hände hatte sie nur am ersten Tag häufig gewaschen, sie würde ein Ekzem bekommen, wenn sie nach jeder Berührung des Hundes Hände wusch. Ab dem zweiten Tag war es ihr auch egal geworden, wenn der Hund sie abschleckte, obwohl der Gedanke, was er noch alles abschleckte, sie mit Grausen erfüllte. Im Grunde war sie keinen Deut anders als ihre Freundinnen, die sie an die Mutterschaft verloren hatte, die nachmittags um fünf in ausgeleierten Nachthemden die Haustüren von ungelüfteten Wohnungen öffneten, in denen es nach Windeln stank, und mit fettigen Haaren „Was, schon so spät!“ riefen. Alle miteinander waren sie auf den Hund gekommen, und es war wunderschön.

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