Mein Leben mit den Toten

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Zirka 25.000 Leichen lagen nackt vor Alfred Riepertinger auf dem Edelstahltisch. Für dieses Buch brauchte ich harte Nerven. Aber als Krimiautorin schätze ich natürlich solche Hintergrundinformationen.

Nachfolgend ein kurzes Kapitel aus Mein Leben mit den Toten. Zart Besaitete scrollen lieber weiter.

Die geplatzte Leiche

Der Leichnam des Iren, der in München verstorben war, sollte in seine Heimat geflogen werden, wo seine Familie ihn bestatten wollte. So etwas ist nicht ungewöhnlich. Pro Jahr landen und starten rund 5.000 Tote am Münchner Flughafen. Aus irgendeinem Grund, der später, als das Entsetzliche geschehen war, nicht nachvollzogen werden konnte, wurde der Leichnam des Iren nicht in den Frachtraum des Flugzeuges geladen, auf den er eigentlich gebucht war. Die Mitarbeiter der Cargogesellschaft stellten die neutrale Holzkiste, in der sich der Sarg befand, in den Eingangsbereich einer Lagerhalle. Die Tür stand offen. Es war Juli. Ein heißer Sommer, und erbarmungslos brannte die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Direkt auf die Holzkiste. In dieser Kiste lag in seinem Sarg der Verstorbene und wurde immer dicker. Schon zu Lebzeiten war der Mann korpulent gewesen, doch nun entwickelten sich die Fäulnisgase so stark, dass der Körper monströs aufblähte. Niemand von den Mitarbeitern, die ständig an der Kiste vorbeiliefen, ahnte, was sich dort vorbereitete. Und schließlich explodierte: Der aufgedunsene Leichnam sprengte den zugelöteten Zinkeinsatz mitsamt der Holzkiste.

Der Schock war groß. Und die Frage: Was jetzt?

In so einem Fall wissen die Betroffenen, wo man anrufen muss: „Beim Riepertinger.“

Der Bestatter schilderte das Unglück.

„Das kann ich nicht mehr ungeschehen machen“, stellte ich klar.

„Aber Sie können ihn herrichten! Die Verwandten in Irland, die warten doch auf ihn! Die rufen mich ständig an! Der hätte doch schon längst daheim sein sollen!“

„Ich kann mir den Leichnam anschauen“, sagte ich. „Gewiss kann ich den Fäulnisprozess stoppen und die Geruchsentwicklung binden, damit ein problemloser Transport stattfinden kann.“

„Das wär doch schon mal was!“, seufzte der Bestatter erleichtert. „Und den Rest?“

„Ich muss die Leiche erst mal auf dem Tisch haben.“

„Ich lass sie heut noch bringen“, kündigte der Bestatter an.

Am Nachmittag befand ich mich im kleinen Sektionssaal im Keller, um die Einbalsamierung vorzubereiten, die man vorher durchzuführen versäumt hatte, als ich einen üblen Geruch wahrnahm. Da wusste ich: Die Leiche vom Flughafen ist eingetroffen. Ich fuhr mit dem Aufzug nach oben und begegnete den Bestattern, die eine stellenweise schwarze, stellenweise grün verfärbte aufgequollene Leiche hereinrollten. Im Transportsarg wohlgemerkt. Und der war natürlich fest verschlossen. Was den bestialischen Gestank nicht daran hinderte, sich blitzartig im Institut auszubreiten. Hier war sozusagen Geruch in Verzug! Ich beeilte mich, den Leichnam in den Keller zu verbringen und stellte dort fest, dass ich diesen Auftrag annehmen konnte. Es würde zwar einige Zeit dauern, doch ich würde den Iren zumindest transportfähig machen können.

Fäulnis riecht unbeschreiblich. Die Rückführung biologischen Materials in den Kreislauf des Lebens erinnert olfaktorisch an faule Eier, alte faulige Wurst. Mit einem Wort: Brechreiz erregend. Wobei mich der noch nie gepackt hat. Ich gestehe allerdings, dass mich bei solchen Fällen immer wieder einmal die Dankbarkeit überkommt, dass solche Fälle bei uns nicht so häufig vorkommen wie im Institut für Rechtsmedizin, wo die faule Wurst praktisch zum täglichen Brot gehört. Allerdings bin ich überzeugt davon, ich hätte mich auch daran gewöhnt, und es hätte mir die Liebe zu meinem Beruf nicht vergällt.

Bei faulen Leichen ist das so genannte durchschlagende Venennetz sehr gut zu erkennen, am deutlichsten ausgeprägt findet man es an den oberen Brustpartien und Oberarmen. Was ein bisschen an eine Landkarte erinnert, weist auf die Zersetzung des Blutes im Gefäßsystem hin, in das Bakterien eingeschwemmt wurden. Der teilweise so extrem aufgedunsene Zustand mancher Leichen, den viele Menschen erstmalig sahen, als uns nach dem Tsunami im Dezember 2004 in Thailand Bilder von am Strand liegenden Toten erreichten, die beileibe nicht wohlstandsfett, sondern eben aufgedunsen waren, rührt auch von den Gasen in Magen und Darm, die nicht entweichen können. Der Leichnam bläht auf. Die Zunge schwillt monströs an und quillt aus dem Mund, die Lippen nehmen eine schlauchbootähnliche Form an. Auch der Hodensack schwillt an, mitunter bis auf Fußballgröße. Wenn man in ein faules Gewebe hineinschneidert, knistert es zuerst als hätte man Pergamentpapier in der Hand, und dann zischt es, als würde man in einen prallen Reifen stechen. Das stinkende Gas entweicht, der Körper sinkt in sich zusammen. Wenn nun Einbalsamierungslösung eingebracht wird, kann sich das vormalige Aussehen des Verstorbenen teilweise wieder herstellen. Zudem bindet man den stechenden Geruch, und das ist ein entscheidendes Kriterium. Wer es nicht gewöhnt ist, kann sich einer solchen Leiche kaum nähern. Der Gestank ist hartnäckig und setzt sich auch in den Haaren und der Kleidung fest. Hunde lieben dieses Parfüm – sollten sie einem begeistert wedelnd nachlaufen, ist es angeraten, noch einmal zu duschen!

Die Haut einer faulen Leiche kann in den verschiedensten Farben erscheinen: von hell bis dunkelgrün, grau bis schwarz. Die Oberhaut löst sich leicht ab, man muss bloß sacht darüber fahren, da streift man sie schon ab wie einen Handschuh. Das gesamte Gewebe fängt zu zerfließen an, wird matschig, breiig, gerade bei hohen Temperaturen zersetzt es sich rasch. Wenn eine faule Leiche im Freien gelegen hat, spielt auch Tierfraß eine Rolle. Marder, Füchse, alle Arten von Nagern halten sich an diesem „Leckerbissen“ schadlos. Und nicht zu vergessen Insekten. Fliegen sind die ersten, die sich einfinden. Schmeißfliegenweibchen können einen frischen toten Körper über weite Entfernungen wahrnehmen und steuern ihn rasch an. Dort legen sie in die feuchten weichen Körperstellen an den Öffnungen – Augen, Nase, Mundhöhle, Ohren oder dort, wo Verletzungen sind – ihre Eier ab. Sind die Augen geschlossen, legen sie ihre Eipakete in den Spalt zwischen Lidern in den Augeninnenwinkeln. Für Rechtsmediziner sind diese Eier und Maden wertvolle Wegweiser, da sie sofort darauf hinweisen, wo der Mensch verletzt wurde, ob erstochen, erschlagen oder erschossen. Innerhalb kurzer Zeit schlüpfen aus den Eiern weißliche Maden mit prächtigem Appetit. Mit ihren Mundhaken schaben sie kleine Gewebeteile ab, die sie zuvor oft mit Körperausscheidungen angedaut haben. Am liebsten sind sie dabei unbeobachtet: Sie fressen gern im Dunkeln, was man deutlich erkennen kann, wenn Menschen im Bett sterben und eine Lampe am Nachttisch brennt. Die Insekten beginnen ihre Fraßtätigkeit auf der Seite, die der Lampe abgewendet ist und erst wenn diese sauber genagt ist, wenden sie sich der Lichtseite zu. Ganze Madenarmeen bevölkern in kürzester Zeit einen Leichnam und können ihn innerhalb von einigen Tagen bis Wochen skelettieren. Ich erinnere mich an einen in den Bergen verunglückten Pfarrer, dessen Kopf bis fast auf den Schädel skelettiert war – so gründliche Arbeit hatten die Maden geleistet. Auch das restliche Gewebe des Leichnams war sehr stark zersetzt, in einem typisch grauen Brei zerflossen. Die Gemeinde des Pfarrers wollte sich von ihm verabschieden und dazu sollte er im geschlossenen Sarg aufgebahrt werden. Ralph und ich kämpften stundenlang gegen die Madenflut, die wir zu Beginn mit hohlen Händen aus dem Leib schaufelten. Als wir tausende vernichtet hatten, lockten wir die verbliebenen mit Formalin aus der Leiche und vernichteten den Rest mit minus 25 Grad kaltem Aceton. Und dann begann unsere eigentliche Arbeit …

 

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