Würstchen im Eintopf

Er stand noch im Flur, da rief sie schon „Wie oft?“

„Dreimal.“

„Und was?“

„Zweimal geschissen und einmal gepinkelt“, erwiderte er, und sie hörte, wie er seine gelben Gummistiefel auf das Parkett fallen ließ, bestimmt spritzte der Schlamm bis zur Türklinke hoch.

„Zweimal geschissen und einmal gepinkelt“, wiederholte er, wahrscheinlich, weil sie die ersten Exkremente nicht bestätigt hatte.

„Ja“, sagte sie und hörte, wie er den Hund trocken rieb. Jetzt musste sie fragen, sonst würde er vielleicht noch einmal kundgeben, was dreimal geschehen war, so hatte es sich eingebürgert.

„Und wie sah es aus?“

„Besser als heute Morgen.“

„Also nicht mehr so weich?“

„Nein. Und auch nicht mehr so weißlich.“

„Schön“, sagte sie mit Nachdruck.

Er ratschte den Reißverschluss des olivgrünen Anoraks auf, den sie bereits zweimal in die Tüte für die Altkleidersammlung gestopft hatte. Für den Hund taugte er noch. Alles taugte noch für den Hund, und dementsprechend sah er aus, denn der Hund musste viermal täglich raus, und wenn sie das übernehmen würde, sähe sie genauso aus, vielleicht erklärte er sich deshalb gerne bereit, es zu übernehmen.

„Das Essen ist fertig“, sagte sie.

Früher hatte sie nicht so oft gekocht, doch wenn er mit dem Hund ging, musste sie wenigstens kochen, das fand sie gerecht. Während sie den Eintopf in die Terrine füllte, überlegte sie, wie sie es schaffen könnten, wenigstens beim Essen kultivierte Gespräche zu führen. Meistens landeten sie doch wieder bei der Konsistenz dieser Masse, die aus dem Hund kam – gezwungenermaßen sozusagen, denn der Hund hatte nun mal Verdauungsprobleme, und er führte den Hund aus, bevor sie sich zu Tisch setzten, und wenn sie mit der Mahlzeit fertig waren, bekam der Hund seinen Napf. Die Sache an sich machte ihr nichts aus. Aber die Wörter. Sie hatte sie einfach nicht gern im Mund. In der Straßenbahn hatte sie einmal ein Kind gehört, das zu seiner Mutter sagte: Mami, ich muss ein Drucki-Drucki machen. Das hatte ihr gut gefallen, doch könnte sie es über die Lippen bringen: Hat er ein Drucki-Drucki gemacht und wie sah es aus?

In ihrer Kindheit lautete die Frage: Hast du A-A gemacht? Wer hatte das nur erfunden, warum nicht: Hast du C-C gemacht? Und schrieb man das groß oder klein und mit oder ohne Bindestrich. Hat der Hund sein Würstchen gemacht? Aber wenn es nun eben kein Wüstchen war, sondern eine Wurst, ein Häufchen sprich ein Haufen? Hat er gehäuft? Gehäufelt? Gewurstet? Ge…, ge…, ge… Hat er gemacht! Das war leicht auszusprechen, aber nicht präzise. Es kam darauf an, was er gemacht hatte, wenn er gemacht hatte. Denn hatte er nur das eine gemacht – und das konnte er auch zweimal hintereinander tun – fehlte das andere und konnte daneben gehen über Nacht. Vielleicht sollte man selbst kreativ werden. Hat er das gemacht oder hat er jenes gemacht. Man musste sich nur einig darüber sein, was Das und was Jenes bedeutete und durfte es nicht verwechseln, sonst ging doch wieder etwas daneben über Nacht. Wäre der Hund ein Kind und trüge Windeln, machte es gar nichts aus, ob etwas daneben ginge, und auch mit den Wörtern wäre es leichter. Denn was da über Nacht ein Aroma verbreitete, wäre nicht zu überriechen, also hätte das Kind ein Stinki gemacht. Dem Hund sollte auf keinen Fall ein Stinki passieren.

„Ich weiß gar nicht, warum ich so hungrig bin!“, rief er aus dem Esszimmer.

Sie legte die Würstchen in den Eintopf und trug die Terrine ins Esszimmer

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