Seelengefährten auf vier Pfoten

Die Zusammenarbeit mit Dr. Wilma Staffa war sehr inspirierend für mich und hat meine Sichtweise auf die Medizin und die Verbindung zwischen Mensch und Tier sehr bereichert.

 

 

Der Tanz der Liebe

Eines Abends nach einem langen Tag in meiner Praxis stand ich am Fenster. Eben erst hatte sich die Tür hinter dem letzten Patienten geschlossen. Meine Mitarbeiterinnen waren bereits zu Hause. Kurz genoss ich die Stille nach all den Tieren, Tränen, Tabletten. Da sah ich die beiden, Frau Moltke und Rex. Seit’ an Seit’ gingen sie durch den nebligen Dezemberabend. Aber sie liefen nicht rund, sie hinkten. Beide! Es wirkte als tanzten sie ihre ganz eigene Choreographie. Der sechsjährige Schäfer hatte seit zwei Jahren Arthrose. Eigentlich zu früh. Wenn es nass und kalt war, verschlimmerten sich seine Symptome, deshalb war Frau Moltke heute bei mir gewesen. Und wie immer hatte sie gefragt „Kann man denn da gar nichts machen?,“ und ich hatte zusätzlich zur Schmerztherapie ein Präparat empfohlen für den Knochenaufbau. Neulich hatte ich eine Studie gelesen, die mir vielversprechend erschien. Frau Moltke wollte das Präparat gerne ausprobieren.

„Der Rex ist meine einzige Freude am Arbeitsplatz“, erzählte sie mir. „Ich habe ihn jeden Tag dabei. Er liegt unter dem Schreibtisch. Ohne den Rex würde ich es im Büro gar nicht aushalten.“ Das sagte Frau Moltke oft. Denn eigentlich wollte sie gar keine Beamtin im Bauamt sein. Am liebsten wäre sie Landschaftsgärtnerin. Aber es wäre verrückt, den Beamtenstatus aufzugeben und noch einmal von vorne anzufangen. Und so machte sie weiter wie bisher, ging Tag für Tag in ihre Behörde und Rex, die treue Seele, humpelte neben ihr. Frau Moltke hatte sein Humpeln übernommen oder … hatte sie zuerst begonnen, humpelte sie schon länger und war der Hund ihr in dieses Bewegungsmuster gefolgt? Ich betrachtete den Tanz von Frauchen und Hund, mittlerweile ein Schattenspiel in der Dämmerung. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Und als wären sie leibhaftig anwesend, tanzten Paare durch meine Praxis. Herr Scholz mit seinem Kater, der nervöse Snoopy und sein Frauchen, die allergische Minka und ihre Familie, Ben, der sich dauernd übergab und Frau Weber … hatte sie in der Vormittagssprechstunde nicht sogar gesagt: Ich finde gerade alles zum Kotzen? Und Ben als braver Hund folgte ihr? Kann ein Hund mehr Mitgefühl mit dem Frauchen zeigen?

Ich öffnete das Fenster. Frau Moltke und Rex waren nur noch Schemen, und dann verschluckte der Nebel sie ganz. Bei mir lichtete er sich an diesem Abend im Dezember. Und als ich kurz darauf mit meiner Familie am Tisch saß und die Kinder mich fragten, was ich heute erlebt hätte – als Jungs liebten sie spannende Geschichten aus der Praxis wie spektakuläre Operationen nach verschluckten Gegenständen –, sagte ich: „Vielleicht wissen Tiere viel mehr als wir ahnen.“

Diese Erkenntnis überraschte meine Kinder nicht. Sie schauten mich auffordernd an. Wann kam die richtige Geschichte?

Für mich war das die richtige Geschichte. In gewisser Weise habe ich an diesem Abend aufgehört zu humpeln. Doch es dauerte noch drei Jahre, bis ich meinen neuen Schritt ganzheitlich vollzogen hatte in meiner eigenen Choreographie in die Naturheilkunde. Die tiermedizinische Praxis ist meiner heutigen Auffassung nach nämlich nur ein Standbein, und mit dem komme ich nicht vom Fleck. Aber ist Leben nicht genau das, sich fortbewegen, entwickeln? Idealerweise wie in einem Tanz, geschmeidig dem Rhythmus des Lebens folgen? Und wenn wir einmal aus dem Takt kommen, helfen uns unsere lieben Haustiere zurück in die Melodie unseres Lebens.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Tiere spüren, wenn wir Menschen uns von uns selbst entfernen, und sie tun alles, manchmal opfern sie sogar ihr Leben dafür, dass wir wieder in unsere Spur kommen. Das ist das größte Geschenk, das Tiere uns machen. Wissen wir das überhaupt? Und wie gehen wir damit um?

Heute behandle ich meine Patienten am liebsten in ihrer gewohnten Umgebung – bei den Patientenbesitzern zu Hause. Da benehmen sich die Tiere anders, sie verraten mir mehr … auch über ihre menschlichen Angehörigen. Die Zweibeiner sind in der Behandlung einer Erkrankung beim Vierbeiner oder bei einem sonderbaren Verhalten des Tieres für mich Teil der Heilung. Tier und Mensch bilden in ihrer aufeinander Bezogenheit eine Einheit. Wenn ich nicht bloß an Symptomen herumdoktern möchte, muss ich mein Blickfeld erweitern. Mit jedem Tier, das wir bei uns aufnehmen, zieht eine Chance der Heilung bei uns ein.

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