O Sohle Mio!

Co-Autorin ist Shirley Michaela Seul

Mit diesem Buch habe ich meine Schuhe an den Nagel gehängt. … Wenigstens hin und wieder. Martl Jung ist auch im Winter barfuß zu unserem Schreib-Treffen gekommen. Es war eine sehr inspirierende Zeit auf nackten Sohlen!

 

 

Für mich ist Barfuß laufen die natürlichste Fortbewegung der Welt – nicht nur im Sommer. Und ja, ich fahre auch barfuß Auto. Andere geben mit Stöckelschuhen Gas, was ich für riskant halte. Man könnte sagen, ich habe die Gewohnheit auf den Kopf gestellt oder auf die Füße. So wie Barfuß laufen für die meisten Leute die Ausnahme ist, sind für mich Schuhe die Ausnahme. Ich denke gar nicht darüber nach; ich stehe morgens barfuß aus dem Bett auf und verlasse barfuß das Haus. Diese nackten Tatsachen haben ihre Gras-Wurzeln in einem Frühling kurz vor der Jahrtausendwende:

Jeder Wanderer kennt die Situation: An einem sonnigen Tag, gerade dann, wenn die Füße im durchgeschwitzten Bergschuh anfangen im Hitzestau zu pulsieren. Wenn man eigentlich nur noch den Wunsch hat, seinen Zehen frische Luft zu gewähren, genau dann ist es höchste Zeit für eine gemütliche Rast. Kaum hat man sich an einem schönen Fleckchen niedergelassen, stehen die Schuhe auch schon zum Auslüften neben einem, die Socken hängen zum Trocknen in der Sonne. Auch wenn die Frage berechtigt ist, stellt man sie sich wohl kaum: Gönne ich meinen Füßen eine Verschnaufpause, weil ich hier gerade Brotzeit machen möchte oder ist es eigentlich andersrum? Jeder kennt auch das Gefühl, wenn man hinterher wieder hineinsteigen muss, seine Füße in das ungeliebte feuchtwarme Milieu windet, einschnürt, wo sie sich doch gerade erst an den frischen Hauch von Freiheit gewöhnt haben. Genau so erging es mir, als ich auf einer idyllischen Blumenwiese meine Schuhe ausgezogen hatte. Das Drehbuch kannte ich: Nach der Rast Schuhe an und weiter. Doch das kam mir in diesem Moment falsch vor. Meine Füße wollten nicht in die Dunkelheit der noch immer feuchten Socken, in die Enge der Schuhe und geschnürt werden. Wobei es jetzt nicht so ist, dass ich mich mit meinen Füßen unterhalte oder lang rumdiskutiere, nein, ich selbst wollte nicht in diese Enge zurück. Denn Enge an den Füßen strahlt ab auf den gesamten Körper und Geist. Ich wollte dieses herrliche Wohlgefühl behalten, und irgendwie schienen meine nackten Füße auch viel besser zu dieser blühenden Almwiese voller lila Alpenastern, blauen Vergissmeinnicht, cremefarbenen Anemonen, blauen Bart-Glockenblumen, weißen Margeriten und natürlich königsblauem Enzian zu passen als die groben Bergstiefel. Warum also nicht? Bloß weil es nicht im herkömmlichen Wander-Drehbuch steht? Und war ich nicht sowieso einer, der gern abseits bekannter Routen lief? Kurz entschlossen hängte ich meine Bergschuhe an den Rucksack. Dass ich sie in diesem Moment in gewisser Weise an den Nagel hängte, war mir nicht klar. Es war wunderbar, genau so wie es sein musste. Sommer, Sonne, Wiese, barfuß. Natürlich fiel mir meine Kindheit ein, und das fand ich seltsam, denn aus dem Barfußlaufen war ich ja nicht herausgewachsen wie aus Windeln oder dem Dreirad, Tretroller. Meine Fußsohlen waren noch immer nackt, da waren keine Haare dran wie auf den Wangen. Als mir einfiel, dass ich mit meinen knapp dreißig Jahren immerhin erwachsen genug war zu entscheiden barfuß zu gehen, musste ich grinsen. Was dachte ich denn da für ein komisches Zeugs in den Hohen Tauern? Kam das womöglich von den nackten Sohlen? Da schienen ja einige Überraschungen im Verborgenen zu lagern!

Nur bis zum Beginn der Felsen wollte ich laufen. Doch als meine Füße die glatten und von der Sonne erwärmten Granitplatten betraten, wollte ich mehr. Es fühlte sich richtig und gut an. Allerdings war meine Fußmuskulatur nicht darauf eingestellt, die stabile Sohle der Bergschuhe zu ersetzen, mein Blick noch nicht dafür trainiert, Neigung, Struktur und Feuchtigkeit des Bodens zu analysieren, um meinen Tritt auf die am besten geeigneten Stellen zu lenken. So stieg ich teils unbeholfen durch den Blockverhau über einen der Grate südlich des Großglockners. Jeder hätte schon von weitem erkennen können, dass bei mir etwas nicht stimmte, dass ich wie der berüchtigte Storch im Salat unterwegs war. Aber der Eindruck, den ich hinterlassen mochte, war mir egal. Ich war verblüfft und auf eine neue Art beglückt. Ja, sicher war es toll, hier unterwegs zu sein. Berge allein waren schon ein Glück. Aber dass so etwas Einfaches wie Schuhe ausziehen diese gigantische Wirkung haben konnte! Damit hätte ich nicht gerechnet. Es kam mir so vor als hätten meine Füße nicht nur zehn Zehen. Sie hatten Augen und Ohren und Nase und Mund. Weich und hart und laut und leise und warm und kühler und wohlschmeckend und bitter – ich lief durch ein Schlaraffenland. Breit grinsend blieb ich irgendwann stehen. Meine Füße fühlten sich wunderbar an. Lebendiger, kräftiger, wacher, und diese Freude erfüllte meinen ganzen Körper. Hatte ich mir womöglich eine stimulierende Fußreflexzonenmassage verpasst? Wenn es so einfach war, sich so zu fühlen, dann bitte mehr davon! Am lustigsten an dieser Entdeckung fand ich, wie alt ich dafür hatte werden müssen. Dabei hatte ich doch schon einmal gewusst, wie schön Barfußlaufen ist. Ich erinnerte mich genau dran, wie gern ich als Kind barfuß gelaufen war, vor allem im Garten meiner Oma. Und dann? War ich groß geworden und hatte Schuhe getragen. Wer sagt, dass das so sein muss?

Als ich meine Füße in die Schuhe schieben wollte, um auf dem Schotterweg weiterzugehen, empfand ich es als würde ich sie in Isolationshaft sperren. Doch den Schotterweg wollte ich mir nicht antun. Oder doch? Ich konnte es ja mal probieren. Und siehe da: So schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es nicht. Aber angenehm auch nicht. Ich lief noch ein Stück barfuß, dann kehrte ich zurück zur Ordnung und sperrte die Füße in ihre Zelle. Der Unterschied war faszinierend. Ich spürte viel weniger, eigentlich gar nichts mehr. Ich war nicht mehr in Kontakt mit meiner Umwelt, hatte mich in gewisser Hinsicht taub und blind gemacht. Meistens steckt ja hinter solchen Sachen Gewohnheit. Man denkt nicht drüber nach, tut das, weil man es immer so macht oder weil es alle so machen. Alle liefen mit Schuhen. Das war normal. Und wenn ich es hinterfragte? War das Barfußlaufen vielleicht nur eine Kopfsache? Die Füße da unten, der Kopf da oben – und wenn ich beides miteinander verband? Das Barfußlaufen hatte das Brett unter meinen Füßen und vor meinem Kopf entfernt und meinen Geist geöffnet.

Warum hatte ich Barfuß als Lebensqualität vergessen?

Warum tun Erwachsene das nicht mehr?

Und warum tun Sie es nicht mehr?

 

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