Anrufbeantworter

Aus der Schreibmaschine geplaudert

Ich erinnere mich an meinen ersten Anrufbeantworter. Damit alle wussten, dass ich einen habe, musste ich alle anrufen und sie bitten, mich anzurufen. Dann konnten sie meine tolle Ansage hören. Sie dauerte zirka zwei Minuten. Ich wechselte die Ansagen alle paar Tage, und dann mussten wieder alle bei mir anrufen. 

Meine Freundin Helga, eine Lyrikerin, nutze ihren Anrufbeantworter als Lyriktelefon. Wenn man ihr eine Nachricht hinterlassen wollte, musste man sich erst mal ein paar Gedichte anhören. Und das war immer noch besser als bei Franz anzurufen, der jetzt Franziskus hieß und Kurzgeschichten schrieben. Auch wenn sie nur drei Seiten hatten, waren sie zu lang für seinen Ansagetext.

Anruf-Beantworter. Kein Wunder, dass er sich nicht gehalten hat. Die Lüge ist aufgeflogen, denn Beantwortet wurde ja nichts. Er hätte heißen müssen Anruf-Entgegennehmer.

Ein erlauschtes Gespräch, mit der Schreibmaschine abgetippt, wahrscheinlich in den 1980er-Jahren. Eine Blonde, eine Dunkle und viele Probleme, die es heute noch immer gibt, aber anders.

Seit drei Monaten, erzählt die Blonde, habe ich einen neuen Freund. Aber irgendwie, sagt die Blonde, komme ich mit dieser Freiheit nicht zurecht. Zuerst hat es mir ganz gut gefallen. Er schickt mir keine Blumen, fragt nicht ständig, wann wir uns sehen und was ich mache, wenn ich nicht mit ihm zusammen bin, eigentlich habe ich mir genau so etwas immer gewünscht, endlich einmal Zeit für mich zu haben. Aber wann sollen wir uns sehen, wenn er nicht anruft und ich nicht anrufen soll? Heute zum Beispiel. Sonst hat er immer angerufen. Um Viertel nach zehn bei mir im Geschäft. Er ist nämlich Lehrer. Sportlehrer. Einsfünfundneunzig. Seit achtzehn Jahren Taucher.  Blond, sagt die Blonde. Aber er, also er heißt Peter, sagt, er will mein Leben nicht behindern. Ich soll genau das tun, was ich täte, wenn es ihn nicht gäbe. Sehr witzig. Dann wäre ich keinen Abend zu Hause und würde ihn nie sehen. Will ich meine Termine mit seinen abstimmen, weigert er sich. Ich könne doch nicht wissen, kann er wissen, wann ich Lust hätte, ihn zu sehen. Wenn ich dann sage doch, ich weiß schon heute, dass ich dich morgen sehen will, sagt er, das wäre umspontan und nicht echt.

Ich müsste also zwei, drei Abende zu Hause sitzen und hoffen, er ruft an. Ganz spontan. Das macht mich fertig. Ich kann dann nichts Sinnvolles tun. Alles, was ich mache, geschieht so auf dem Sprung. Zum Beispiel möchte ich mich in die Wanne legen, aber wenn er anruft, wird es so hektisch, also dusche ich, verstehst du?

Klar, sagt die Dunkle.

Ich bin schon wieder so nervös! Soll ich dir was sagen? Ich glaube, ich muß nach Hause. Sofort! Wenn er anruft, ruft er vor neun an. Jetzt ist es halb neun. Wenn ich gleich fahre, schaffe ich es noch, er spricht nämlich nicht auf Band. Ich habe mir extra einen neuen Anrufbeantworter gekauft, einen, der auch anzeigt, wenn jemand angerufen und nicht draufgesprochen hat, mein alter Anrufbeantworter hat nur die Anrufer gezählt, die eine Nachricht hinterlassen haben. Bist du mir böse, wenn ich? Aber es hat wirklich keinen Sinn. Ich kann mich nicht konzentrieren. 

Das wär mit einem Handy nicht passiert. Und auch der Mord wäre nicht geschehen, wenn die Telefonzelle nicht kaputt gewesen wäre. Das ist  ein Problem bei mittelalten Texten, die nicht mehr funktionieren, weil sie von der Technik überholt wurden. Insofern bin ich gegen die Technik, wenigstens so lange wie die Texte noch keine Klassiker sind, in denen es gern gesehen wird, wenn Menschen in Kutschen fahren und die Post noch mit Boten funktionierte anstatt mit Daumen.

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