Mumien

Wie schon bei unserem ersten Buch „Mein Leben mit den Toten“ hatte ich auch an den Mumien viel Freude. Und ich habe abermals viel gelernt. Für eine Krimiautorin sind diese Themen sehr spannend. Und wann immer ich etwas über Leichen wissen muss, rufe ich Alfred Riepertinger an und frage zum Beispiel: „Servus, Alfred, sag mal. Wenn einer an der Decke hängt. Ist die Zunge dann blau?“  

Alfred wundert sich nach rund 30.000 Leichen über keine Frage. Und natürlich ist er noch nie eine Antwort schuldig geblieben.

Die Mutter-Mumie

Passend zu diesem Monat, der wie kein anderer im Zeichen der Vergänglichkeit steht, entdeckte man im November 2014 in einer Münchner Wohnung eine Mumie. Den Boulevardzeitungen war dies eine Schlagzeile wert. Auf der Titelseite zeigte ein dicker roter Pfeil auf das Fenster eines Wohnblocks: „Dahinter lag die Mumie“. Eine tragische Geschichte hatte sich zugetragen.

Hausbewohner hatten zwar mal einen seltsamen Geruch wahrgenommen, doch es dauerte Jahre, bis die Polizei die Wohnung öffnete. In einem altmodisch eingerichteten Schlafzimmer fanden die Beamten die mumifizierte Leiche einer Frau in einem Bett. Von Anfang an war klar, dass der Leichnam schon länger dort liegen musste; später stellte sich heraus, dass es sich um fünf Jahre handelte. Es war für mich zuerst schwer nachvollziehbar, dass die Hausbewohner die Geruchsentwicklung so lange ausgehalten hatten, zumal sie zu Beginn deutlich penetranter gewesen sein muss. Ich dachte mir, dass so etwas in dem München meiner Kindheit und Jugend nicht möglich gewesen wäre. Man hätte mal geklingelt, nachgeforscht, wenn man Nachbarn längere Zeit nicht gesehen hätte. Doch in der Anonymität der Großstadt kann sogar Leichenflüssigkeit unbemerkt versickern.

Nach dem Tod verliert der Körper über die Haut, die beim Lebenden eine natürliche Barriere darstellt, Flüssigkeit. In diesem Fall in das Bett, das gelbbraun verfärbt war. Die Leiche musste bestialisch gestunken haben. Vielleicht wussten die Nachbarn nicht, wonach es aus der Wohnung roch. Früher kannten die Menschen den Geruch des Todes, der Verwesung, er war ihnen vertraut als Teil des Lebens. Heute denken die Nachbarn vielleicht: Die könnte aber auch mal wieder lüften – und gehen weiter ihrer eigenen Wege. Man will sich ja nicht einmischen. Oder man steht dem Schicksal seiner Mitmenschen gleichgültig gegenüber. Und deshalb erkannte auch niemand die Not der erwachsenen, offenbar psychisch kranken Tochter der mumifizierten Mutter, die fünf Jahre lang (!) mit ihrer toten Mutter in dieser Wohnung lebte und mehr noch: neben ihr schlief. Nacht für Nacht in einem mit Leichenflüssigkeit getränkten Bett.

Erst einem Sozialarbeiter der Landeshauptstadt München kam es seltsam vor, dass die Rentnerin telefonisch nie erreichbar war und die Tochter immer wieder Ausreden bezüglich der Mutter parat hatte. Der misstrauisch gewordene Mitarbeiter des Sozialamtes rief die Polizei, die die Wohnungstür öffnen ließ und schließlich die psychisch auffällige Tochter und ihre verstorbene, mumifizierte Mutter vorfand.

Die Beamten des Kriminaldezernats K 12 – Todesursachenermittlung – übernahmen die weiteren Maßnahmen zur Klärung des Falles.

In der Fotodokumentation gingen die Beamten schrittweise vor. Die auffällig ordentlich bis zu den Ohren zugedeckte Leiche liegt auf der linken Seite des Ehebettes im elterlichen Schlafzimmer. Der Kopf mit seinen kurzen grau-weißen Haaren liegt auf drei übereinander geschichteten großen Kissen.

Die Augäpfel der halb geöffneten Augen sind komplett ausgetrocknet, der Mund steht offen, die Lippen sind schwarz vertrocknet. Die leicht nach recht gebogene Nase ist gelb verfärbt, das Gesicht zeigt ein Sammelsurium an Farben von gelb über weißlich, von dunkelbraun bis schwarz. Die gesamte Matratze sowie Teile des Oberbettes und der Kissen sind durch die Leichenflüssigkeit in sämtlichen Gelbtönen verfärbt. Selbst der Bettrahmen zeigt durch Verfärbungen das Eindringen von Flüssigkeit in das Holz. Nach Zurückschlagen des Oberbettes wird eine mit einem schwarzen Hosenanzug bekleidete Leiche sichtbar. Die Hände sind ordentlich vor dem Körper drapiert. Der Leichnam wirkt würdevoll aufgebahrt, ein Zeichen der Fürsorge.

Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie wie eine Hausaufbahrung aus früheren Zeiten. Äußerlich fanden die Kriminalbeamten keine Anzeichen für Gewalteinwirkung und gingen von einer natürlichen Todesursache aus. Zur Entkleidung der Leiche wurden Hose und Oberteil aufgeschnitten. Darunter fand sich eine helle (weiß/beigefarbene) Wollstrumpfhose, darunter wiederum eine Unterhose mit Einlage. Die nun komplett entkleidete Leiche zeigte das typische Bild einer auf natürlichem Wege entstandenen Mumie. Die dunkelbraun verfärbte Haut schien über das Skelett gespannt zu sein, sodass sich jeder Knochen detailliert abzeichnete. Ein Problem ergab die Begutachtung der Rückseite der Leiche, da diese mit der Kleidung fest am Bettlaken verklebt war. Es kostete einige Mühe, die Leiche vom Laken und dann von der Rückseite der Kleidung zu trennen. Der Rücken sah nahezu schwarz, fast verkohlt aus. Die Begutachtung der Rückenpartie und des Hinterhauptes ergab ebenfalls keine Anzeichen für Gewalteinwirkung, sodass das Ableben der achtzigjährigen Frau auf natürliche Weise zu erklären war.

Bestatter hüllten die Verstorbene in ein Laken, betteten sie auf die Bergungstrage und fuhren sie ins Institut für Rechtsmedizin zur Obduktion. Zurück blieben die schwarzen Abdrücke eines toten Körpers, der fünf Jahre dort gelegen hatte. Von der Rechtsmedizin kamen Gewebeteile zu uns, die mein Chef untersuchte. Die erwachsene Tochter wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Es ist nicht nachzuvollziehen, wie sie neben ihrer toten Mutter schlafen konnte, deren Leichnam sich ja mit der Zeit stark veränderte.

Nach dem Tod laufen viele Prozesse ab, manche sichtbar, die meisten unsichtbar im Inneren des Körpers. Die Haut verändert vor allem ihre Konsistenz und Farbe – von einem ersten wächsernen blassen Gelb über Gelbbraun zu Schwarzbraun. Dabei wird sie mit der Zeit lederartig fest, aber dieser Vorgang vollzieht sich nicht überall gleichzeitig. Wo die Hautschichten dünner sind wie an Fingern, Kopfhaut, Lippen, Nase und Zehen, vollzieht sich die Verfestigung schneller. Durch Autolyse, also Zersetzung von Organgewebe durch körpereigene Enzyme, und Fäulnis der inneren Organe beginnt die Leiche zuerst zu riechen, dann zu stinken. Der Gestank hält bis zur endgültigen Austrocknung an. In diesem Fall ist jedoch davon auszugehen, dass die Mumifizierung relativ schnell erfolgte, da die Mutter schlank war und die Liegebedingungen optimal waren, sodass es durch den schnellen Wasserverlust nur zu einem begrenzten Bakterienwachstum kam und sich der Leichengeruch wahrscheinlich vor allem innerhalb der Wohnung ausbreitete.

Generell ist es nicht gefährlich, neben einer toten Person zu schlafen. Doch mit der Zeit können vor allem durch das Austreten von Leichenflüssigkeit Bakterien im schlimmsten Fall zu einer Sepsis, also einer Blutvergiftung führen. Eine weitere Gefahr besteht darin, dass ein verstorbener Mensch an einer Infektionskrankheit gelitten haben könnte, die auch nach dem Tod ansteckend ist. Was den Fliegenbefall betrifft, vermute ich, dass die Tochter die Fenster geschlossen hielt und/oder großzügig Insektenvernichtungsmittel eingesetzt hat.

 

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