Jeder Mensch hat seinen Abgrund

Cover Nedopil

Tief blicken in die Abgründe der menschlichen Seele durfte ich beim Schreiben dieses Buches mit dem „bedeutendsten deutschen Gerichtsgutachter“ für forensische Psychiatrie Professor Norbert Nedopil. Ich habe viel gelernt und viele Inspirationen für meine eigene Laufbahn als Kriminelle erhalten, wenngleich ich diese nach wie vor lediglich mit Tasten statt Waffen betreibe.

 

Begegnung mit dem Bedrohlichen

Es trifft Sie wie ein Blitz: Der Mann, dem Sie in der U-Bahn gegenübersitzen, hat seine Frau vor den Augen seiner Kinder getötet. Beim Frühstück haben Sie sein Bild in der Zeitung gesehen, unter der Schlagzeile: Mörder auf freiem Fuß.

Was geht in Ihnen vor? Wie reagieren Sie?

Vielleicht tun Sie so als wäre nichts. Oder Sie wechseln den Sitzplatz, weil Sie sich bedroht fühlen. Es schießt Ihnen die Idee durch den Kopf, ob einer, der schon einmal einen Mord begangen hat, für Sie gefährlich werden könnte. Das ist nicht abwegig: Menschen, die bereits getötet haben, wiederholen eine solche Tat mehr als hundert Mal so häufig wie andere, die keinen Mord begangen haben. Diese Rückfallquote bedeutet nicht, dass Sie akut in Gefahr sind, zeigt jedoch, dass – rein theoretisch – Ihr Gegenüber ein größeres Risiko für Sie darstellt als die anderen Fahrgäste. Aber nicht aus diesem Grund sind Sie misstrauisch, Sie kennen diese Prognosen vielleicht gar nicht. Sie sind vorsichtig, weil Ihnen das Ihre Erziehung und die Natur vermittelt haben. Unsere Vorfahren lebten in einer bedrohlichen Welt, in der die Abwehrbereiten besser zurechtkamen als die Vertrauensseligen. Heute ist die Welt nicht mehr so bedrohlich. Vorsicht und Misstrauen sind dennoch tief in uns verwurzelt. Sie bestimmen unser Handeln geradezu reflexartig, wenn wir in Situationen geraten, die uns fremd sind. Unsere Reaktionen sagen aber nichts über unser zufälliges Gegenüber in der U-Bahn aus, auch wenn wir das glauben mögen. Wir machen uns Gedanken, beginnen zu interpretieren, verknüpfen Aussehen mit Charakter, beobachten die Regungen des Fremden und fragen uns, was sie bedeuten: Jetzt eben der Blick aus dem Fenster zum Bahnsteig. Sucht er … ein neues Opfer? Fatalerweise neigen wir dazu, eine spontan entwickelte Vorstellung weiterzuverfolgen, ein Vorurteil zu unterfüttern – bis wir scheinbar vor einer unausweichlichen Wahrheit stehen. Die aber nur ein großer Irrtum ist. Und der kann entsetzliche Folgen haben.

Es könnte auch sein, dass Sie darüber nachdenken, warum der Mann seine Frau getötet hat. Sie haben möglicherweise schon einmal gehört, dass mehr als die Hälfe aller Tötungsdelikte im nahen familiären Umfeld passieren. Da Sie nicht mit Ihrem Gegenüber in der U-Bahn verwandt sind, ist er also für Sie weniger bedrohlich als ein Familienmitglied. Vielleicht ist er ein Narzisst, der es nicht verkraftet hat, dass seine Frau ihn nicht mehr vergöttert? Oder wollte sie ihn verlassen? Oder ist er ein Psychopath, der rücksichtslos alles aus dem Weg räumt, was sich ihm entgegenstellt?

Was vermuten Sie?

Ich vermute zuerst einmal gar nichts. Meine Antwort würde lauten: Ich weiß nicht, welche Beweggründe ihn angetrieben haben. Und dann beginnt meine Arbeit. Denn erst wenn ich mir eingestehe – Ich weiß es nicht – bin ich unvoreingenommen und offen für alles, was ich im Folgenden erkunden kann: Die von der Polizei ermittelten Spuren, die Aussagen von Familie, Freunden und Bekannten, die ersten Reaktionen des Täters nach dem Verbrechen. Welche innerpsychischen Vorgänge haben den Täter bewegt? Welche Situation hat sein Handeln ausgelöst? Wie denkt er heute über die Tat?

Ähnlich wie Sie sich gefühlt haben, wenn Sie sich die Situation in der U-Bahn vorstellten, dürfte es den Nachbarn von Helmut P. ergangen sein, als sie am Abend des Ostermontags vor der Eingangstür ihres Reihenhauses standen, um sich von ihren Gästen zu verabschieden. Da kam Helmut P. mit seiner sechsjährigen Tochter aus der Nachbarswohnung, seine Hände und die Hose blutverschmiert, auch der Schlafsack, in den das Kind eingehüllt war, voller Blut. Helmut P. drückte seine Tochter der Nachbarin in die Arme, stammelte mehr, als dass er es sagte: „Pass auf die Kleine auf, ich habe gerade die Hedwig umgebracht, ich muss jetzt die Polizei anrufen.“ Mit diesen Worten ging er zurück in seine Wohnung.

Kurz darauf folgte die Polizei der Blutspur von der Küche ins Wohnzimmer und fand dort Helmut P. neben seiner leblosen Frau kniend. Er versuchte verzweifelt, sie durch Herzdruckmassage wiederzubeleben. Sie hatte durch Schläge mit einem schweren Holzscheit mehrere Schädelbrüche erlitten.

Die Nachbarn kannten Helmut P. nicht als Gewalttäter, für sie war er ein liebevoller Ehemann und fürsorglicher Vater. Was also ist hinter den verschlossenen Türen des Reihenhauses und hinter der Fassade dieser Familie passiert? Das zu beleuchten ist mein täglich Brot.

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