Mogli

41pmibzA2eL._SL160_ Kopie_sEin Buch, das viele Menschen bewegt hat und auch auf der Spiegel Bestsellerliste landete. Was Aljoscha egal sein dürfte. Manuela Kuffner, Moglis Mutter, erzählte mir die Geschichte ihres Sohnes, der schön und wild wie Mogli ist – und unberechenbar.  Manuela Kuffners Liebe ist stark genug, um für dieses außergewöhnliche Kind zu kämpfen, auch wenn sie das zeitweise mit sozialer Isolation bezahlt. Eine mutige Frau, ein toller Mogli!

Nachfolgend der Anfang von Mogli als die Welt noch in Ordnung ist …

Prolog

Aljoscha. Wir nennen dich Mogli. Du hast wunderschöne schwarze Augen, eine Haut wie Milch und Honig und dein Lachen kommt aus tiefster Seele. Ob es wohl Menschen gibt, die am falschen Platz geboren werden? Du scheinst manchmal eher in einen Urwald zu gehören, an einen Ort ohne Regeln und Gesetze; inmitten der Natur. Am liebsten läufst du barfuß und nackt, auch im Winter. Du verspürst wahrscheinlich wenig Schmerz. Wahrscheinlich ist ein Wort, das wir ständig gebrauchen, denn wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass du anders bist. Wir wissen aber nicht genau, wie anders. Da du eines Tages plötzlich aufgehört hast zu sprechen, können wir vieles nur vermuten. Und hoffen: Dass du eines Tages wieder anfängst mit dem Sprechen.

Du entscheidest im Gehen, wohin du läufst, und am liebsten läufst du weg. Dabei verschwendest du keinen Gedanken daran, es könnte sich jemand um dich sorgen oder dich suchen. Du lebst in einer anderen Zeit. Außerhalb der Zeit. Vielleicht sogar im Jetzt. Und nur du kennst das Ziel. Mein Mogli springt über Bäche und Straßen und sieht keine Gefahr. Aus dem Nichts tauchst du auf und im Nichts verschwindest du. Man hört dich nicht auf deinen nackten Sohlen. Manchmal habe ich mich gefragt, ob du dich unsichtbar machen kannst.

Wenn ich dich in meinen Armen halte und du mich umschlingst mit deinem biegsamen muskulösen schlanken Körper, könnte ich dich um die ganze Welt tragen. So viel Liebe empfinde ich für dich, du kleiner Mensch, mein großer, starker, tapferer und mutiger Sohn. Du hat mich geschlagen, gebissen, bespuckt. Du hast nach mir getreten und unser Haus verwüstet. Nichts hält mich davon ab, dich immer weiterzulieben. Ich habe jahrelang kaum geschlafen, weil du nicht geschlafen hast. Ich habe nicht gegessen, wenn du nicht gegessen hast. Wenn das Gewitter in deinem Kopf aufzog und deine schwarzen Haare in alle Richtungen abstanden, habe ich auch das gefühlt.

Helfen konnte ich dir nicht. Niemand konnte dir helfen. Nur lieben können wir dich.

Unsere Familie ist zerbrochen. Du hast deinem älteren Bruder die Aufmerksamkeit seiner Eltern genommen und deine Eltern haben sich als Paar verloren und viele ihrer Freunde und manchmal deinen Bruder. Alle, die mit dir leben, sind erschöpft und verzweifelt und mussten sich verabschieden von ihren Vorstellungen und Wünschen. Manchmal haben wir dich gehasst für das, was du uns angetan hast. Und wir lieben dich und wünschten uns oft ein anderes Leben und möchten niemals: ohne dich sein, Mogli.

1

Mai 2001

Manchmal erscheint das Glück so groß, dass es weh tut. Später erinnert man sich an diese Momente und erkennt, dass das Glück deshalb so groß war, weil es sich dem Ende zuneigte, weil das Glück gleichzeitig den Abschied vom Glück bedeutete.

Einige solcher Momente gab es in diesem Urlaub in Italien. Ich war so glücklich, dass ich es kaum aushalten konnte. Dabei war gar nicht viel geschehen. Kein Supermann lud mich ein, mit ihm auf seiner Harley in den Himmel zu reiten. Ich hatte auch nicht im Lotto gewonnen oder das Geheimnis ewiger Schönheit und Schlankheit entdeckt. Ich saß an einem wackligen Campingtisch vor einem gemieteten Wohnmobil im Chaos. Zwei Kinder, drei und fünf Jahre alt, klebrige Münder, klebrige Gesichter, klebrige Finger. Meine Jungs. Die schönsten auf der ganzen Welt, klar. Und dann kam der ganz große Junge. Er joggte vom Bäcker zurück und winkte von weitem. Die Kinder sprangen auf, das Nutellaglas fiel auf den Boden, die Teetassen hinterher, wenigstens aus Plastik, Geschrei und Getobe. Mutter bückte sich nach dem Geschirr, natürlich waren die drei Hunde schneller – nur mal schnuppern – liefen wieder weg, ihre Ruten wie Propeller, gleich würden sie abheben. Wie die Jungs. Da ist er! Papa! Mein Supermann. Ich schaute ihm entgegen. Das war auch so ein Moment, als dieser George Clooney auf mich zukam. Das ist meiner, dachte ich, so wie ich es manchmal denke. Dieser drahtige tolle Typ da. Sieht aus wie ein Südländer. Ist auch einer, manchmal. Sonnenstrahlen in den Augenwinkeln. Er schwenkte die große braune Papiertüte mit den Riesensemmeln wie eine Beute. Die Hunde sprangen hoch. Aljoscha und Joshua natürlich auch. Alle lachten. Alle redeten gleichzeitig. So war das bei uns. Deshalb fühlten wir uns auch so wohl in Italien. Da fielen wir nicht auf. Da waren wir fast eine normale Familie, nun gut, drei Kampfhunde waren vielleicht nicht normal, aber Gina, Sandy und Arco waren total normal, auch wenn sie auf irgendwelchen Listen standen als Pitbull, Bullterrier-Mischung und American Stafford. Helmut hatte sie vor dem Tod gerettet – und das dankten sie uns jeden Tag mit ihrer Treue und Ergebenheit.

An diesem See irgendwo in der Toskana mussten wir keine anderen Urlauber beschwichtigen: „Wir lassen die Hunde an der Leine. Die tun nichts!“ Wir waren ganz allein und ließen die Hunde frei. Von mir aus hätten wir unseren ganzen Urlaub hier verbringen können, doch Helmut, das war klar, wollte weiter. Er wollte immer weiter, obwohl er auch in seinem Alltag ständig unterwegs ist als Fahrlehrer. Das Unterwegssein liegt ihm einfach im Blut. Wenn wir dann weiterfuhren, gefiel es mir auch. Obwohl ich lieber mal eine Weile geblieben wäre, besonders an so einem traumhaften Platz. Aber Helmut meinte, man müsse doch alles sehen und dürfe nichts versäumen und vielleicht gab es irgendwo noch einen viel schöneren Platz. Ja, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Und vielleicht spürte er es ja auch: Dies war unsere Abschiedsrunde. Besser, man plant sie größer, damit man später mehr zum Erinnern hat.

„Mama, Mama, kuck mal!“, Aljoscha hatte sich eine der italienischen Riesensemmeln geangelt und fuchtelte damit vor meinem Gesicht herum, die Hunde bellten, Joshua sprang an seinem Vater auf und ab als wäre er ein Hüpfball, während er erzählte, was er heute alles machen würde, und Helmut erzählte gleichzeitig, was er beim Bäcker erlebt hatte, und das war eine Menge, weil Helmut, egal wo er ist, immer viel erlebt. Ich nickte. Die Hunde wuselten durch Joshuas und Aljoschas Beine. Ich schaute Helmut an. Er küsste mich und redete währenddessen weiter. So was kann er. Aljoscha wusste jetzt auch, was er an diesem Tag machen wollte und erzählte es mir. Joshua hatte mittlerweile seine Pläne geändert. Und alle wollten unbedingt mir erzählen, was sie dachten und wünschten. Gleichzeitig. Ich bin fürs Zuhören da. Und goss nebenbei noch Tee und Kaffee ein und wir schafften es tatsächlich, alle Platz zu nehmen, ohne den Tisch umzuwerfen. Die Ruten der Hunde peitschten unsere Beine, Aljoscha und Joshua stopften sich die weiße Füllung der Semmeln um die Wette in den Mund, Helmut prostete mit seiner Kaffeetasse an meine. Aljoscha wollte Nutella und Joshua Marmelade und Gina, Sandy und Arco wollten alles auf einmal – bis Helmut ein Machtwort sprach und sie sich ins Platz fallen ließen. Joshua und Aljoscha reimten wild um das Wort Pa-ni-ni herum. Dazwischen erzählte Helmut, was er sich für diesen Tag vorgenommen hatte und natürlich war es ein Programm für drei Wochen und natürlich wusste ich, dass wir wahrscheinlich am See bleiben würden. Wieso sollten wir diesen traumhaften Platz verlassen. Er kam mir vor wie ein Wunder. Ein See ohne andere Menschen! Und das im Mai in Italien.

Die ersten Fliegen schwirrten um die scheußliche wunderbare fettige Mortadella, die Helmut auch mitgebracht hatte, er kann so was essen ohne Folgen, ich darf eigentlich gar nicht richtig hinschauen: Der kleine Campingtisch quoll fast über, so beladen war er mit Käse, Marmelade, Mortadella und dem Geschirr und hin und wieder flog ein Messer, ein Löffel auf den Boden. Gina, Sandy und Arco erboten sich zuvorkommend hechelnd, das Besteck aufzuheben, Aljoscha wollte jetzt Käse, Joshua Nutella, Helmut noch mal Kaffee und sie redeten alle drei munter durcheinander. Wahrscheinlich verstanden sie sich auch noch. Ich verstand kein Wort und doch alles. Ich saß wie im Auge eines Hurrikans mitten drin und war einfach glücklich.

„Mama, der hat viel mehr Nutella drauf als ich!“

„Nein, das stimmt nicht.“

„Gina, Platz!“

„Ich spring heute von dem großen Felsen.“

„Nein, das traust du dich nicht.

„Doch, ganz bestimmt!“

„Papa, gell, das kann ich.“

„Ja, Aljoscha, klar kannst du das.“

„Siehst du!“

Aljoscha sprang gleich mal auf und riss sich das T-Shirt vom Leib. Sein kleiner, muskulöser, biegsamer Kinderkörper war braun gebrannt wie der von Joshua, der allerdings schon ein wenig kräftiger war als Aljoscha. Joshua ist vierzehn Monate älter. Mit dem Eincremen der beiden Wildfange kam ich kaum hinterher.

„Erst fertig frühstücken!“, befahl Helmut.

„Bin satt“, behauptete Aljoscha und klaute sich noch eine Semmel.

„Hinsetzen!“

Gina warf sich vorsichtshalber ins Platz.

Aljoscha setzte sich und reichte mir die Semmel. „Morta-della-della-della, Morta-della-dulla-trulla-pulla!“

Joshua reimte sofort mit „Pella-mella-fella-kella …“

„Keller, Keller, Keller!“, rief Aljoscha.

Helmut seufzte.

Mutter schmierte.

Aljoscha und Joshua sangen.

Helmut erzählte, was er beim Metzger erlebt hatte. Joshua und Aljoscha trommelten auf den Tisch. Kaffee und Tee schwappten über.

Helmut schaute streng. Das Trommeln wurde eingestellt, dafür wurde umso lauter gesungen. Dann wollte Joshua ein Floß bauen.

„Erst mal einen Hut aufziehen“, verlangte ich, denn es war schon ziemlich warm.

„Papa, kann man mit dem Floß zum Meer fahren?“, wollte Joshua wissen.

Aljoscha wollte das sofort ausprobieren.

Schon wieder war er aufgesprungen, rannte bereits Richtung See, die Hunde begeistert bellend hinter ihm her. Helmut schaute mich an. Ich schaute ihn an. Für einen Moment war alles still. Wir waren beide mitten drin im Auge des Hurrikans. So glücklich sah er aus. So entspannt. So wunderschön … mein Mann. Er lächelte mich an. Ich spürte, dass ich genauso glücklich aussah und wusste, dass Helmut dasselbe fühlte wie ich. Wir hatten alles erreicht, was wir uns gewünscht hatten. Unsere Familie war perfekt mit diesen zwei wunderbaren Jungs. Zehn Jahre kannten wir uns nun. Und ich war noch immer verliebt in diesen verrückten Kerl, der heute, das war klar, ein Floß bauen würde, und wenn es aus irgendeinem Grund nicht klappen würde, dann würde er eins mit Worten bauen und seine Söhne damit sicher an das nächste Ufer bringen.

„Papa, du hast noch gar keine Zeitung gelesen!“, durchschnitt Joshua unseren Blick.

„O!“ Helmut verzog sein Gesicht als hätte er auf einmal an allen Zähnen gleichzeitig unerträgliche Schmerzen. Joshua klatschte vor Vergnügen in die Hände.

„Da Papa“, Joshua reichte ihm die Zeitung.

Aljoscha kam zurückgespurtet. Aus der Zeitung vorgelesen zu bekommen liebten die Kinder. Papa las nämlich immer lustige Sache vor und auch wenn sie sie nicht verstanden, fielen sie vor Lachen fast vom Stuhl. Helmut konnte auch die Ergebnisse einer Bundestagsdebatte vorlesen als wäre das ein Slapstick. Dafür durfte er dann ein paar Minuten für sich lesen. Ich gönnte ihm das von ganzem Herzen. Wir waren schließlich im Urlaub.

Und dann war es plötzlich zwei, drei Minuten wirklich still. Nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich. Ich schmierte mir nun endlich meine eigene Semmel und genoss die italienische Butter, das italienische Brot, das so knackig und resch im Mund krachte. Obwohl diese Marmelade gekauft war, schmeckte sie mir besser als die selbst gemachte zu Hause. Helmut ließ die Zeitung runterfahren. Schaute mich an.

„Papa, lies noch was vor!“

Helmut schaute in die Zeitung, schaute mich an. Brennend braune Augen. Sie lächelten. „Liebe ist“, las Helmut vor „mit ihr an einem Campingtisch zu sitzen und ein Panini zu teilen.“

Aljoscha und Joshua kapierten sofort. Sie warfen Kusshände durch die Luft und sprangen johlend um uns herum wie Indianer. Und dann waren sie nicht mehr zu halten. Wir konnten ihnen nur noch nachrufen: „Hut! Badehose! Eincremen!“

Es war uns klar, dass das überflüssig war. Wir würden uns selbst gleich darum kümmern. Nur noch ein bisschen sitzen bleiben. Genießen.

„Und nicht ins Wasser!“, rief ich.

Keine Antwort.

„Nicht ins Wasser!“, wiederholte ich.

„Ja, ja, ja, morta-della-trulla-pulla-nulla!“

„Versprochen?“, brüllte Helmut.

„Si, si, si, si!“

Helmut stand auf, stellte sich hinter meinen Stuhl und massierte mir den Nacken. Das war sehr angenehm! Von weiter weg hörten wir Aljoscha rufen „Papa! Papa! Heute spring ich von ganz oben!“

„Im nächsten Jahr“, sagte Helmut, „musst du Urlaub beantragen.“

„Ja“, lächelte ich. Daran hatte ich auch schon gedacht und ich freute mich darauf. Seit fünf Jahren war ich nun zu Hause. Joshua war bereits im Kindergarten, Aljoscha sollte ihn ab September begleiten. Wie schnell diese fünf Jahre vergangen waren. Ich würde nun wieder halbtags arbeiten. Ich freute mich darauf. Gleich nach dem Urlaub würde ich Bewerbungen schreiben.

„Wie schnell diese fünf Jahre vergangen sind“, sagte ich zu Helmut.

„Vielleicht vergeht die Zeit ja langsamer, wenn du wieder arbeitest?“

„Wie soll denn das funktionieren?“

Helmut holte Luft. Ich wollte nicht, dass er dafür eine Lösung erfand. Er sollte zu den Jungs. Ich war unruhig, wenn sie alleine am Wasser spielten, wenn das Ufer auch seicht war und sie das Verbot noch nie übertreten hatten, ohne einen von uns zu baden.

„Hoffentlich finde ich überhaupt einen Job“, sagte ich und stellte die Frühstücksteller aufeinander. Auf Aljoschas Teller bröselte Vorrat für ein bis zwei Ameisenvölker.

„Keine Massage mehr, bella donna?“

„Später gerne!“

„Ich würde dich übrigens sofort einstellen.“

„Klar! Und als was?“, wollte ich neugierig wissen.

„Als tollste Frau der Welt.“

Ich musste lachen und vergaß meine Sorge, ob ich einen Job finden würde – am liebsten im Verkauf von Mode oder im Kunstgewerbe. Zum Glück waren wir finanziell nicht darauf angewiesen. Helmuts Fahrschule, die er vor einem Jahr eröffnet hatte, lief sehr gut. Ich brauchte mir keinen Stress zu machen. Meine Zukunft lag wie eine mit Zuversicht gesäumte Allee vor mir. Die Kinder waren aus dem Gröbsten raus. Ich freute mich auf neue Herausforderungen. Ich wollte wieder unter Menschen. Arbeiten. Ich wollte nicht vorm Herd versauern. Nach fünf Jahren Hausfrau hatten sich Vorfreude und Tatendrang bei mir angestaut.

„Ja, jetzt sind wir aus dem Gröbsten raus“, sagte Helmut wie so oft das, was ich dachte. Wir hatten ja keine Ahnung, dass wir noch gar nicht im Gröbsten gelandet waren, dass das Gröbste unmittelbar vor unserer Tür stand und unser Leben in den nächsten Jahre überfluten und unter sich begraben würde mit Geröll und Matsch und Schlamm und Steinlawinen.

Deshalb denke ich im Nachhinein, dass ich in diesem Urlaub in Italien so wahnsinnig glücklich war. Unverschämt, unvernünftig, bis zum Platzen glücklich. Als hätte irgendetwas in mir gewusst, dass es die letzte Gelegenheit zu solch einem leichtsinnigen Glück war.

Helmut küsste meinen Nacken. „Jetzt muss ich aber wirklich mal nachsehen!“

„Vergiss bitte die Sonnencreme nicht!“

„Ja.“

„Und die Schwimmflügel.“

„Ja.“

„Und die Hüte.“

„Ja.“ Weg war er. Ohne Hüte. Ich würde sie gleich hinterher tragen. Das war auch einer meiner Jobs, auf dessen Ende ich mich freute: hinterher tragen. Doch zuvor würde ich das Geschirr spülen. Mama hatte nie Urlaub.

Ich ließ mir Zeit, trank noch eine Tasse Kaffee und schlenderte dann mit einer Badetasche und den Hüten zum See. Das Wasser glitzerte flaschengrün in der Vormittagssonne und ich konnte es wieder nicht glauben, dass wir hier ganz allein waren. Aljoscha stand auf Helmuts Schultern und sprang kreischend ab. Gina und Sandy wedelten um die Wette. Arco grub nach Mäusen.

„Die Hüte!“, rief ich und weckte damit natürlich nicht das geringste Interesse.

Ich setzte mich auf einen Stein am Ufer und schaute meinen drei Jungs zu. Joshua zeigte mir stolz, wie gut er schon schwimmen konnte. Im nächsten Jahr würde Aljoscha bestimmt auch schwimmen können – das wäre eine große Erleichterung für mich. Nun würde alles immer besser werden. Jeden Tag würde ich freier werden. Erst der Kindergarten, dann die Schule. Meine Kinder machten jeden Tag ihre Schritte in die Selbständigkeit und eroberten sich ihre Welt. Ich war so stolz auf sie. Auf meine ganze Familie war ich wahnsinnig stolz. Das sind meine, dachte ich. Die gehören zu mir. Ich hatte ja keine Ahnung, dass mein geliebtes zweitgeborenes Kind dabei war, den Weg der steten Weiterentwicklung zu verlassen und sich zurück zu entwickeln. Dass mein geliebter Aljoscha die Sprache, die er eben erst gelernt hatte, bald verlieren würde. Ich hatte keine Ahnung, dass dies meine letzten unbeschwerten Augenblicke als Mutter zweier fröhlicher und gesunder Kinder waren. Dass sich eines dieser Kinder bald in einen wilden Urwaldjungen verwandeln würde, den wir nicht mehr Aljoscha, sondern Mogli nennen würden. Ich wusste nicht, dass unser altes Leben an diesem See in der Toskana endete. Gott sei dank wusste ich das nicht. Doch vielleicht spürte ich etwas wie den Hauch einer Ahnung. Und deshalb tat das Glück auch so weh, weil es ein Abschied war.

„Kuffi komm endlich!“, rief Helmut und breitete seine Arme aus.

Ich ließ die beiden Kinderhüte fallen und riss mir das bunte Strandtuch von der Taille. Und dann sprang ich einfach ins Wasser. Zu meinem Rudel.

Teile diesen Beitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.