Stärke zeigen

SchwandnerWer dieses Buch gelesen hat, wird wahrscheinlich nie in die Situation kommen, angepöbelt zu werden. Und wenn, dann weiß er genau, wie er sich am sichersten verhält. Der Münchner Polizist Alex Schwandner, der auch Zivilcourage Kurse gibt, weiß, wovon er spricht. Ich habe viel gelernt beim Schreiben dieses Buches.

Nachfolgend zwei Textauszüge aus Stärke zeigen 

Der Täter

Stefan geht über den Bahnhofsplatz. Er ist schlecht drauf heute. Eigentlich ist er immer schlecht drauf. Aber heute ist er besonders schlecht drauf. Um elf Uhr soll er auf dem Arbeitsamt erscheinen. Die wollen ihn wieder mal fertig machen. Die Ärsche da. Haben ja nichts Vernünftiges zu tun. Sesselfurzer. Die meinen wohl, sie wären was Besseres. Bloß weil er keine Ausbildung hat. Da glauben die auf dem Amt, sie könnten ihm sagen, wo es lang geht. Doppelnullen.

Beim Backshop will Stefan sich eine Butterbreze holen, bevor er zu diesem Misttermin muss. Es kotzt ihn schon mal total an, dass er kein Bier trinken kann. Sonst macht ihn der Arsch im Amt wieder an, von wegen Fahne am Vormittag und so. Der hat ihm jetzt schon den Tag verdorben, dieser Spießer. Wütend betritt Stefan den Backshop. Die Verkäuferin schreckt hoch, schaut ihn an.

„Eine Butterbreze“, bestellt Stefan.

„Entschuldigung, ich war vor Ihnen dran.“

Erst jetzt nimmt Stefan den Fuzzi an der Theke wahr. Der könnte glatt vom Arbeitsamt sein. Anzughose, Hemd, Pullunder darüber, Brille. Auch so’n Besserwisserverschnitt. Von dem lässt sich Stefan ganz bestimmt nichts sagen. Er will eine Butterbreze. Jetzt. Und die kriegt er auch. Die Verkäuferin macht schon mit der Zange rum in Richtung Brezen. Sie hat sofort erkannt, wer hier das Sagen hat. Das gefällt Stefan. Die ist ne Checkerin, die hat den Durchblick. Im Gegensatz zu dem Spacko. Stefan mustert den Mann neben dem Tresen. Der scheißt sich gleich in die Hose.

Die Verkäuferin tütet die Breze ein und reicht sie Stefan. „Einszwanzig“, haucht sie. Stefan nickt. Frauen stehen auf Macher. Die mögen das. Hey! Was geht denn da ab? Der Spacko mischt sich ein: „War das nicht meine Breze?“, fragt er die Verkäuferin und legt einszwanzig in die Geldschale.

Hat der nicht mehr alle? Stefan ist empört. Das ist seine Breze! Jetzt reicht’s ihm aber. Das muss er sich nicht bieten lassen von so nem Vollversager. Mit zwei Schritten ist er dicht bei ihm, baut sich vor ihm auf, stiert ihm in die Augen. „Was hast du gesagt?“

Das Gesicht des Spackos glänzt. Er schwitzt. Stefan rückt noch näher.

„Nichts, nichts“, beeilt sich der Versager zu versichern.

„Hä?“, fragt Stefan, dem das Ganze nun richtig Spaß zu machen beginnt.

„Nichts“, wiederholt er. Seine Stimme zittert.

Stefan wartet eine Weile. So als müsste er überlegen. In einer wahnsinnig wichtigen Angelegenheit überlegen. Der Spacko schwitzt weiter. Richtig eklig sieht der jetzt aus. „Dann hast du aber Glück gehabt“, sagt Stefan schließlich gedehnt, schnappt sich die Butterbreze, die auf der Theke liegt, geht in Richtung Tür, dreht sich dort um, grinst „Hättest mich echt nicht einladen müssen. Ich hab selber Geld. Aber merci für die Breze.“

Gut gelaunt schlendert Stefan weiter. So schlecht ist der Tag doch gar nicht. Eigentlich ein Supertag bis jetzt.

Für Peter ist dieser Tag ab sofort gestorben. Am liebsten würde er ihn vergessen, für immer. Doch er weiß, dass er ihn lange nicht vergessen wird. Peter ist zutiefst deprimiert. Eigentlich ist er unterwegs zu einem Vorstellungsgespräch. Aber er kann genauso gut nach Hause fahren. In seinem Zustand kriegt er nicht mal einen Job als Kloputzer. Er ist unten. Ganz tief unten.

Er würde gern aus dem Backshop rausrennen. Doch die Blöße will er sich vor der Verkäuferin nicht geben, die bereits eine zweite Butterbreze eingetütet hat. Peter hat nur noch einen Fünfeuroschein. Während die Verkäuferin ihm das Wechselgeld in die Hand drückt, sagt sie. „Das war wirklich ein unmöglicher Mensch. Gottseidank ist nicht mehr passiert.“

Peter merkt, dass sie ihm helfen will. Aber sie macht alles nur noch schlimmer. Er ist doch ein Mann. Er hätte irgendwas tun sollen. Aber was? Gut, dass seine Freundin nicht dabei war. Undenkbar, der Widerling hätte die so angestiert wie ihn. Peter war wie gelähmt. Wenn er schon nicht für sich selbst einstehen konnte, wie sollte er dann seine Freundin beschützen? Das wird doch wohl erwartet von einem ganzen Kerl. Der er nicht ist.

„Servus“, verabschiedet er sich von der Verkäuferin. Nie wieder wird er hier einkaufen. Überhaupt wird er den Hauptbahnhof ab sofort meiden. Großräumig. Niemandem wird er von dieser Niederlage erzählen. Höchstens ein bisschen, in Andeutungen. Denn er schämt sich in Grund und Boden. Und es hilft ihm leider nichts, wenn er sich immer wieder vorsagt, dass ja nichts passiert ist. Dass es ja eigentlich noch mal gut ausgegangen ist. Es hätte auch alles viel schlimmer kommen können. Irgendetwas in ihm gibt ihm das Gefühl, schlimmer könnte es kaum kommen. Er mag sich selbst nicht mehr. Und als ihn seine Freundin abends fragt, was mit ihm los sei, weicht er ihr aus und später ranzt er sie richtig an. Das hat er noch nie gemacht, und es tut ihm sofort leid. Er will das nicht. Aber er ist einfach schlecht drauf. … Was hat diesen Typen dazu bewogen, ihm so zu begegnen? Er hat ihm doch nichts getan, gar nichts! Er war im Recht, er war zuerst im Laden, es war seine Butterbreze, er war dran.

„Aber warum macht der das?“, ist eine der in unseren Polizeikursen am häufigsten gestellten Fragen.
Warum drängelt sich der vor, warum belästigt der die Leute, warum pöbelt der rum, warum hat der zugeschlagen, warum hat der die in die Enge getrieben …?

Ich hab dem doch nichts getan!

Die Frau hat ihn nicht mal angeschaut!
Ich war doch vor ihm an der Reihe!

Vergessen Sie diese Fragen. Die bringen Sie nicht weiter, im Gegenteil. Sie fangen schon wieder an, sich den Kopf für andere zu zerbrechen. Und nach Erklärungen zu suchen, die eine Lösung in dem normalen gesellschaftlichen Umgang zulassen. Dem Täter sind solche Lösungen egal. Ihm geht es einzig und allein um Macht, Dominanz und Kontrolle. Sie brauchen ihm nicht zu erklären, dass Sie vor ihm dran sind. Das interessiert den Täter nicht. Er spricht eine andere Sprache als Sie. Denken Sie nicht über ihn nach. Genauso gut können Sie darüber nachdenken, warum am Himmel ziehende Wolken diese oder jene Form annehmen. Einmal wie ein Lämmchen, einmal wie ein Löwe, dann ein lang gezogenes Gebirge. Ja. Das ist so. Und Punkt.

Warum verhält der sich so?

Viele Täter begnügen sich mit der Ausübung von Macht. Andere stellen zudem gewisse Forderungen. Wollen eine Zigarette, einen Euro oder das ganze Portemonnaie. Aber primär und immer geht es um Macht, Dominanz und Kontrolle. Vergessen Sie das nie! Es wird Ihnen bei Ihrer Karriere als Spielverderber helfen.

Macht macht Spaß

Und sie ist leicht zu erlangen. Zum Beispiel durch das Verbreiten von Angst.

Derjenige, der Macht braucht, um sich gut, wichtig, potent zu fühlen, giert danach: Die Macht hilft ihm raus aus seiner Bedeutungslosigkeit. Mit ihr ist er wer. Sonst ist er nämlich nur ein Würstchen. Ohne Macht ist er ganz klein. Deshalb braucht er sie so dringend. Er ist süchtig nach Macht. Er will Chef der Situation sein. Leider klappt das nicht von selbst. Wer hat schon Respekt vor einem Würstchen. Also muss er Angst säen, um Macht zu ernten. Und zu dem guten Gefühl zu kommen, er sei wer. Er sei oben. Yessss!

Jetzt merkt keiner mehr, dass es bei ihm am überzeugenden Auftreten hapert, dass er vielleicht keinen Schulabschluss hat, seine Eltern, weil sie Hartz-4-Empfänger oder Professoren sind, sich nie um ihn gekümmert haben, es ihm an Charisma und der natürlichen Autorität einer Führungspersönlichkeit mangelt. Eine Führungsperson will er aber schon sein. Muss er sein. Für sein gutes Gefühl. Das braucht er total dringend. Und es ist ja so easy! Einmal in die Runde gebrüllt und schon kuschen alle. Haben Angst. Schön! Jetzt bin ich wichtig! Alle schauen auf den Boden. Alle scheißen sich in die Hosen. Da brüll ich doch mal rein. Da kommt Stimmung auf!

„Ich hab Ihnen doch nichts getan.“

Super, die spielt mit! Da will ich ihr doch gleich mal Bescheid stoßen, was sie mir getan hat. Gefällt mir der Fummel, den sie trägt? Ne! Muss ich mir das bieten lassen, dass ich mir auf der Straße Weiber anschaue, deren Klamotten mir nicht gefallen, muss ich das? Das frag ich die jetzt doch gleich mal: „Hey du, wie scheiße siehst du überhaupt aus?“

Wie ging es Ihnen eben beim Lesen dieses deftigen Absatzes, in dem der Herr unzufrieden mit der Kleiderwahl der Dame war? Haben Sie geschmunzelt, laut gelesen, gefeixt? Das sollte Ihnen zu denken geben: Macht ist überaus verlockend. Der Machtmissbrauch schleicht sich ein, oft, ohne dass wir es merken. Machtmissbrauch ist eine willkommene Abwechslung, wenn man normalerweise stets politisch korrekt die gesellschaftlichen Kommunikationsregeln befolgt, die für Aggressoren ja nicht gelten – worauf ihr Erfolg beruht: Weil wir nicht an diesen Umgang gewöhnt sind. Und je mehr wir darauf beharren, umso mehr befeuern wir den Aggressor. Der freut sich darüber, wenn wir brav bleiben: Da läuft er zur Hochform auf.

Markus und seine Mitmenschen

Seit Tagen brütete der August über der Stadt. Die Münchner, an und für sich schon keine überströmend freundlichen Zeitgenossen, wurden immer grantiger. Viele Leute waren gereizt, alle stöhnten unter der Hitze, die sie sich in dem vorangegangenen verregneten Juli noch so dringend gewünscht hatten. Ständig hörte man den Feuerwehrnotarzt fahren, an öffentlichen Brunnen gab es keine freien Plätze, jeder versuchte, ein bisschen Kühle aufzuschnappen, wer Eis offen in der Waffel kaufte, musste sich beeilen, ehe es klebrig über Finger und Hände schmolz. Zum Glück war es Freitag, die Zeitungen kündigten ein Traumsommerwochenende an. Ohne Arbeit ließ sich die Hitze besser ertragen, nur die Hunde würden ihre langen Zungen auch am Wochenende knapp über den Boden hecheln. Junge Mädchen liefen halbnackt durch die Fußgängerzone und machten keine Anstalten, sich etwas zum Anziehen zu kaufen, die Jungs waren zu schlapp, ihnen nachzupfeifen. Den schwarz vermummten Frauen, die über den Bahnhofsplatz liefen, war das Wetter wie immer egal. Oder doch nicht?

„Kannst ja ned neischaun“, grinste einer meiner Kollegen.

Unser Vorzeigeobdachloser Waldi sah aus wie nach einem Karibikurlaub, braungebrannt lag er den ganzen Tag mit nacktem Oberkörper an wechselnden Orten am Bahnhof herum.

„Schau amal, dass du a Sonnencreme kriegst“, riet ich ihm

„Bier wär mir lieber“, teilte er mir mit.

In den Zwischengeschossen zur U-und S-Bahn stand die Luft. In den Zügen klebten die Sitze, und es roch nach Eau de Cologne, einem Hauch von Sonnenmilch in einer Überdosis Schweiß an Knoblauch. Jeder Fahrgast bemühte sich, Abstand zum Nachbarn zu halten, um nicht auch noch dessen Körperwärme aufzunehmen. Die Leute schauten mit unbeteiligten Gesichtern ins Nichts.

In einem Waggon der Linie U3 macht nur einer einen gut gelaunten Eindruck: der 17-jährige Markus. Aber er ist eigentlich immer gut drauf. Er hat Down Syndrom. Alle, die Markus kennen, mögen ihn. Er ist ein ganz besonders liebevoller, mitfühlender junger Mann und sehr stolz, dass er nun schon seit zwei Wochen in einer Behindertenwerkstatt arbeitet. Jeden Nachmittag fährt er allein nach Hause. Wenn es nach ihm ginge, würde er das Wochenende abschaffen und durcharbeiten. Er findet die Arbeit nämlich super. Natürlich freut er sich auch auf seine zwei älteren Schwestern. Freitags nehmen sie ihn immer mit zum Schwimmen ins Ungererbad. Markus Wasserbomben sind berüchtigt. Bei keinem flatscht und spritzt es wie bei ihm. Ein glückliches Lächeln breitet sich in seinem Gesicht aus. Will gar nicht mehr untergehen. Fast zucken schon Markus Beine beim Anlaufnehmen vor dem Absprung.

Da steigt Niklas ein. Schlecht gelaunt wie so oft. Scheiße, kein Sitzplatz. Nur neben dem Mongo, das checkt er sofort ab. Frechheit. Mit einem groben Plumpser lässt er sich neben Markus fallen und drängt ihn ans Fenster.

Markus lächelt ihn freundlich an. So wie er alle anlächelt, weil er fast immer gute Laune hat.

„Glotz mich nicht so an. Passt dir was nicht an mir?“, faucht Niklas.

Markus ist perplex und lächelt zur Vorsicht noch mal. Aggressionen kommen in seinem genetischen Code nicht vor.

„Lachst du mich vielleicht aus, du Behindi?“

Erschrocken reißt Markus die Augen auf und verzieht den Mund. Ein wenig Speichel tropft über sein Kinn.

„Glotz mich noch einmal so blöd an, und ich geb dir ein paar in die Fresse!“, brüllt Niklas.

Die U-Bahn ist voll besetzt. Es sollte keinem entgehen, dass hier etwas Ungewöhnliches geschieht. Wer einen Blick riskiert, wird kaum zu dem Schluss gelangen, Markus und Niklas seien dicke Kumpels, die eine kleine Meinungsverschiedenheit austrügen. Es ist klar, was hier abläuft. Ein aggressiver Mann quält einen Behinderten, ist kurz davor zuzuschlagen.

Die junge Mutter mit ihrem Kleinkind denkt: Hoffentlich lässt er uns in Ruhe. Ihre größte Angst ist es, dass ihr Kind zu schreien beginnt und sie die Aufmerksamkeit des Aggressors auf sich zieht.

Der sechzigjährige Frührentner findet die Szene unerhört. Aber er ist zu alt, um sich einzumischen, meint er.

Das Pärchen um die dreißig ist froh, dass es weiter weg sitzt. So braucht es nichts zu tun.

Die siebzehnjährige Schülerin findet es voll den Hammer, dass im Unterricht gerade heute über Behinderte gesprochen wurde

Der Büroangestellte blickt genervt von seiner Zeitung auf: Kann man denn nirgends seine Ruhe haben?

Die siebzigjährige Frau fragt sich: Warum tun die Männer da hinten nichts? Sie könnten dem armen Jungen doch helfen.

Die Männer sind zwischen zwanzig und vierzig und denken:

Das geht mich nichts an.

Was muss der Behinderte den auch so provozieren.

Da misch ich mich lieber nicht ein.

Wahrscheinlich hat der ne Waffe, so wie der auftritt.

Gottseidank steige ich an der nächsten Station aus.

Blöd, dass ich mein Handy vergessen habe, denkt die Neunzehnjährige. Warum ruft denn hier niemand mal die Polizei?

Die dreißigjährige Sozialpädagogin diagnostiziert, dass der Aggressor in Therapie gehört, dass der seinen Frust an anderen auslässt, ein klassischer Fall von Minderwertigkeitsgefühlen.

Die Mittfünfzigerin atmet flach. Schweiß bricht ihr aus. Sie fühlt sich wie gefangen und würde am liebsten wegrennen, doch sie kann sich nicht bewegen. Ruhig bleiben, bloß ruhig bleiben, beschwört sie sich. Bloß nicht auffallen. Sonst haut der mir auch noch eine rein.

Der Mittfünfziger wirft nur einen kurzen Blick zu der Sitzreihe vorne rechts. Ich kenne die Leute nicht, stellt er fest und liest weiter.

Die Studentin denkt: Typisch, das ist mal wieder ganz typisch. Keiner interessiert sich für die anderen. Die Fröste der freiheitlichen modernen Gesellschaft. Ignoranz und Egoismus.

Der Achtzigjährige denkt: Wahrscheinlich ist das gar nicht so gefährlich wie es wirkt. Die jungen Leute heute schreien sich ja dauernd an.

Wo bleibt eigentlich die U-Bahn-Wache, fragt sich der Vierzigjährige. Sonst stehen sie überall im Weg und kaum braucht man sie mal, sind sie nicht da, typisch.

Also ich mach jetzt mal halblang, denkt der Fünfundzwanzigjährige. Ich dräng mich hier nicht in den Vordergrund.

Zwölf weitere Fahrgäste denken: Da muss man doch was tun, Warum tut denn da niemand was, dem jungen Mann muss man doch helfen, wieso greift denn niemand ein, warum ignorieren die das alle, das geht doch nicht, das ist ja nicht zum Mitansehen, der arme Behinderte, der kann doch nichts dafür, wie fürchterlich ist das denn, warum unternimmt niemand etwas, man müsste doch …

Man sind die anderen. Dass man selbst dazugehört und dabei ist, blendet man aus, denn man weiß nicht, was man tun soll. Darin gleicht man sich ebenso wie im Verhalten. Man schaut aus dem Fenster, auch wenn da nichts zu sehen ist, oder weg oder ins Buch oder auf den Boden. Man schaut betreten, aber nicht hin.

Markus ist ganz allein. Jetzt weint er. Vielleicht wird er sich nie mehr mit der U-Bahn fahren trauen.

Die Umsitzenden schon. Es hat ja nichts mit ihnen zu tun. Sie haben das alles nur mitgekriegt, am Rande. Dennoch hat es sie betroffen gemacht. Und so erzählen sie es am Abend zu Hause oder bei Freunden und empören sich: Keiner hat geholfen!

Dass sie zu diesem nebligen Keiner gehören, ist eine andere Geschichte. Niemand wird sie darauf aufmerksam machen. Man will ja nicht unhöflich sein. Und außerdem kennt so was jeder. Man ist ja schließlich kein Held wie Bruce Willis und Konsorten.

Manchmal sorgt ein solcher oder ähnlicher Fall für die öffentliche Empörung. Politiker sind fassungslos, Schlagzeilen extragroß. Zwei Kinder sind ertrunken, während Hunderte von Menschen vom Ufer aus zusahen. Ein Mädchen wurde in der Fußgängerzone vergewaltigt unter den Blicken Schaulustiger.

Sind die Menschen so schlecht? So ignorant, egoistisch, gleichgültig, sensationslüstern?

Nein. Nicht nur. Sie sind gelähmt, blockiert, entsetzt. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie haben Angst.

Couragiert wäre jeder irgendwie gern. Aber wie genau? Wie geht das? Lieber nichts tun. Doch das Nichtstun ist keine optimale Lösung, auch weil sich die eigene Unterlassung oft in quälenden Bildern niederschlägt. Warum hab ich nicht …

Zahlreiche Erfahrungen zeigen, dass Beobachter von Aggressionen immer betroffen sind, selbst wenn sie zu Boden schauen und nicht helfen. Manche schleppen solche Ereignisse jahrelang mit sich herum. Aber unser Verstand gibt uns Rechtfertigungsgründe, um nicht helfen zu müssen. Deshalb formen wir um und interpretieren zu unseren Gunsten. Ob das langfristig tatsächlich zu unseren Gunsten verläuft, muss stark angezweifelt werden – siehe posttraumatisches Belastungssyndrom.

Wenn Markus das Glück gehabt hätte, in einem Waggon mit nur einem einzigen Menschen mit Zivilcourage zu sitzen, der eingegriffen und andere aktiviert hätte, wäre er nicht mit seinen Eltern bei der Polizei aufgetaucht. Die Platzwunde am Kopf hätte ihm erspart werden können. Es dauerte sehr lang, bis Markus sich seinen Eltern anvertraute. Er kam nach Hause, ging schnurstracks in sein Zimmer und wollte nicht mehr heraus. Obwohl doch Freitag war und er es liebte, mit seinen Schwestern ins Ungererbad zu gehen. Auch essen wollte Markus nichts. Nur im Bett liegen, die Decke über den Kopf gezogen und seinen Teddybären im Arm. Mit viel Geduld erfuhren die Eltern, was vorgefallen war. Der polizeibekannte Täter, der Markus, ehe er am Bonner Platz ausstieg, grob vom Sitz schubste, wurde später dank der Videoüberwachung in der U-Bahn festgenommen.

Warum immer ich? Anonymität

Anonymität bietet Schutz. Da brauchen wir uns nicht zu exponieren, können eine Zuschauerrolle einnehmen, ohne uns darstellen zu müssen. Schön sicher im Dickicht der anderen. Warum soll ich da raus? Und wieso überhaupt ich? Da gibt es andere, die das besser können als ich. Hier vorne diese jungen Männer. Die müssten eingreifen, die müssten was tun. Ich doch nicht. …

Sie tun aber nichts.

Soll ich vielleicht doch? Aber dann schauen mich alle an. Und wenn es nicht klappt? Wenn ich mich lächerlich mache? Oder wenn ich die Frau jetzt frage, ob sie Hilfe braucht und dann ist der Kerl ihr Freund und alle lachen mich aus. Oh wie peinlich! Oder ihr Typ findet mich aufdringlich und ich kriege mit dem Ärger? Nein, nein, das geht mich nichts an und wieso immer ich. Sind doch noch genug andere da.

Ein Kennzeichen der anonymen Masse ist es, dass sie nicht miteinander kommuniziert, was zur Verhaltensdiffusion führt. Deshalb ist die alles beherrschende Passivität in dieser Zuschauergruppe so lähmend. Jeder wartet auf den anderen. Je mehr Zeit verstreicht, desto schwieriger wird es für einen, der prinzipiell gerne helfen würde, einzugreifen. Er wird auch zunehmend gelähmt und dann geht gar nichts mehr, beziehungsweise die Verzerrungen beginnen: Wahrscheinlich ist das gar nicht so dramatisch, wahrscheinlich kennen die sich, wahrscheinlich macht das nur so einen schlimmen Eindruck, bestimmt ist das alles nur ein Spiel.

„Was dachten Sie, als die Männer auf den am Boden Liegenden eintraten?“

„Ich dachte, die machen bloß Spaß.“

Auch dies ist eine wahre Aussage – die Veränderung eines für den Verstand unbegreifbaren Vorgangs, mit dem der Zeuge nichts zu tun haben wollte, weil er völlig überfordert von der Situation war. Also suchte sein Verstand einen Ausweg für ihn, sich aus der Affäre zu ziehen, sich in Sicherheit zu bringen, indem die Situation fehlinterpretiert wurde, damit der Zeuge moralisch mit heiler Haut herauskam.

Hätte er sich richtig verhalten, hätte er gewusst, wie, wäre womöglich nicht nur er, sondern auch der Geschädigte mit heiler Haut herausgekommen.

Das ist mal wieder typisch: Vorurteile

Vorurteile sind großartige Hilfsmittel, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Mit ihrer Hilfe wird die Veränderung zu einem Kinderspiel.

Kein Wunder, dass die junge Frau begrabscht wird. So leicht bekleidet, wie die rumläuft!

Kein Wunder, dass der Mann Ärger kriegt. Wer so ausschaut, ist nirgends gern gesehen.

Typisch Penner. Erst saufen, dann das Gleichgewicht verlieren und blutend in der Gosse flacken.

Ein Afrikaner wird von zwei Männern beschimpft und in eine Ecke gedrängt. … Was will der auch hier. Soll halt bleiben, wo er herkommt! Ich hab den nicht eingeladen!

Ein Türke wird von zwei Deutschen beschimpft … Da sieht er mal, wie das ist. Die schlagen doch alle ihre Frauen.

Ein Langhaariger wird von einem Kurzhaarigen angerempelt. Recht hat der mit den kurzen Haaren, diese Drogensüchtigen sind alle kriminell.

Eine Gruppe Fußballfans läuft laut grölend über den Bahnhofsvorplatz. … Hooligans, keine Frage.

Es kann aber auch komplizierter werden:

Wenn Skinheads auf einen Afrikaner losgehen, solidarisieren sich viele Menschen eher mit dem Afrikaner. Also zumindest im Stillen. Wer alle Langhaarigen für drogensüchtig hält und etwas gegen Nazis hat, kann in die Bredouille kommen, wenn ein Langhaariger von Skinheads angegriffen wird. Und was ist, wenn Skinheads von Punkern attackiert werden oder sind es die Punker, die die Skinheads … Da wird das Gewissen aber hart auf die Probe gestellt! Zu wem halte ich jetzt … heimlich, still und leise?

Und inwieweit beeinflussen meine Vorurteile die Einschätzung der Situation? Oft glauben wir das, was wir sehen wollen – und bemerkten nicht, dass es ganz anders ist.

Versuchen Sie einmal, sich selbst von außen zu sehen und heften Sie sich einige Vorurteile an, die andere über Sie hegen und pflegen könnten. Betrachten Sie das Ganze mit Humor und sparen Sie nicht an falschen Verdächtigungen. Wenn Sie eine Handvoll zusammen haben, stellen Sie sich vor, man würde Ihnen, weil man etwas gegen solche hat, wie Sie eine oder einer zu sein scheinen, nicht helfen. Man würde glauben, Sie seien selbst schuld, wenn Sie unverschuldet in eine Situation geraten, in der Sie Hilfe benötigen. Und dann überprüfen Sie bitte Ihre eigenen Vorurteile in Bezug auf andere – keine Sorge, Sie dürfen sie behalten. Es geht darum, dass sie Ihnen bewusst werden. Explosiv ist, was wir nicht benennen können.

Ein gefährlicher Cocktail: Angst und Unsicherheit

Sobald wir, wenn auch nur in die entfernte Nähe einer Situation gelangen, in der Gewalt mitschwingt, bekommen wir Angst um uns selbst. Die Gewalt könnte sich ausbreiten, uns mitreißen, wir könnten hineingezogen werden. Wir wollen nichts damit zu tun haben, und schon gar nicht wollen wir uns einmischen. Sonst eskaliert das Ganze womöglich zu einer körperlichen Auseinandersetzung und dann … um Himmels Willen! Was dann alles passieren kann!

Ich kann ermordet werden! Und auch wenn es glimpflich ausgeht, habe ich den Schaden.

Meine Brille kann beschädigt werden, und dann sehe ich nichts mehr.

Ich komme zu spät zur Arbeit.

Die Polizei nimmt mich fest.

Ich werde verletzt und muss ins Krankenhaus.

Mir wird die Nase gebrochen, und ich kann nicht zu meinem Rendezvous mit meiner neuen Flamme.

Angst ist sehr wichtig, sie mahnt uns zur Vorsicht. Aber sie lähmt uns auch und schränkt unsere Freiheit ein. Wir sollten uns nicht von unserer Angst beherrschen lassen. Indem wir Angst machende Situationen durchdenken und ein Handlungsschema entwickeln, fürchten wir uns weniger.

Aber auch, wenn wir uns entscheiden, aktiv zu werden, Zivilcourage zu zeigen, bleibt die Unsicherheit, was dann passiert. Muss man dann auf die Polizei warten? Wird man verhaftet? Ist das Notwehr?

Manche Menschen greifen nicht ein, weil sie einen Termin haben und keine Zeit, bei der Polizei eine Aussage zum Tathergang zu machen. Andere möchten nicht, dass ihr Name in einem Polizeiprotokoll auftaucht. Oder befürchten, vor Gericht erscheinen zu müssen.

Keine Sorge, als „Zuschauer“ werden Sie nicht verhaftet. Für uns sind vor allem Täter und Opfer wichtig, daher werden die Zuschauer meist nur kurz befragt, was sie gesehen oder gehört haben. Wenn ein Zeuge die betreffende Situation beobachtet hat, notieren wir seine Personalien. Sollte der Zeuge Zeit haben, kann er freiwillig mit uns auf die Wache kommen, um seine Aussage dort zu machen. Ansonsten vereinbaren wir meist auf postalischem Wege einen Termin mit dem Zeugen, wann er seine Aussage zu Protokoll geben kann. Bei schwerwiegenden Taten, wie Gefährliche oder Schwere Körperverletzung, Raub, Erpressung, Tötungs- oder Sexualdelikte, muss der Zeuge mit zur Wache kommen, weil hier die sofortige Klärung des Ablaufes für uns sehr wichtig ist, sie kann über unsere Rechtseingriffe gegenüber dem Täter bestimmen. Bei einem Delikt, bei dem ein Täter sein am Boden liegendes Opfer mit Füßen traktiert, also gefährliche Körperverletzung begeht, müssen die Zeugen mit zum Revier kommen, weil es in einem solchen Fall auch um freiheitsentziehende Maßnahmen gegen den Täter geht, die wir selbstverständlich ebenfalls ohne Zeugen durchsetzen können, doch je schneller wir zu Beginn eines Falles Klarheit schaffen, was tatsächlich geschehen ist, umso besser.

Ein Zeuge bringt immer nur einen Teil des Ganzen bei, denn jeder hat eine andere Wahrnehmung und filtert das Gesehene nach unterschiedlichen Gesichtspunkten. Daher ist es wichtig, dass jeder, der eine Situation erlebt, dies auch mitteilt und sich nicht darauf verlässt, dass andere es genauso erlebt und wahrgenommen haben. Je mehr Infos die Polizei und damit auch die Justiz sammelt, desto besser und leichter ist die Aufklärung und die Möglichkeit, einem Geschädigten zu seinem Recht zu verhelfen.

Manchmal höre ich von Leuten, die ihrer Zeit ständig hinterherrennen: Ich bin im Stress! Ich habe keine Zeit, jetzt ewig auf einer Polizeiwache zu warten. Sie müssen nicht ewig warten. Eine Zeugenvernehmung kann ganz schnell gehen, schon in fünf Minuten vorbei sein. Sie kann aber auch fünfzehn oder dreißig Minuten dauern, je nachdem. Und manche Zeugen wollen auch nach dreißig Minuten noch nicht gehen – weil sie es total interessant finden, bei der Polizei mal hinter die Kulissen zu blicken!

Teile diesen Beitrag

2 Gedanken zu „Stärke zeigen

Schreibe einen Kommentar zu Vera Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.