Ich weiß, was du mir sagen willst

 

ich_weiss_was_du_mir_sagen_willst

Ich habe Stephanie Lang von Langen gleich verstanden und im Lauf der Arbeit an diesem Buch dann auch meinen Hund immer besser.  Die Dolmetscherin für Hunde hat eine unvergleichliche Art, die Kommunikation zwischen Mensch und Hund zu erklären.

Nachfolgend zwei Textauszüge aus Ich weiß, was du mir sagen willst

Die Hunde der Masai

Als ich im letzten Februar wieder einmal in Afrika war, unterhielt ich mich in Kenia in einem Nationalpark mit einem Mann, der dort arbeitete. Seite an Seite beobachteten wir zwei Hunde, die miteinander spielten. In Kenia gibt es augenfällig zwei Kategorien von Hunden. Wachhunde, meistens Rassehunde, vor allem Schäferhunde, Dobermann, Rottweiler, Ridgebacks, die auf ein Grundstück aufpassen. Gassi gehen gab es früher für diese Hunde gar nicht, inzwischen machen das einige Besitzer. Der Job dieser Hunde ist es, ein Anwesen zu bewachen. Straßenhunde dagegen, die zweite Kategorie, streunen in Dörfern herum – so wie die Hunde der Masai. Sie leben seit vielen Generationen bei ihnen, und wenn man sie untersuchen würde, käme wahrscheinlich heraus, dass sie mittlerweile eine eigene Rasse gebildet haben. Die Hunde der Masai sind mittelhoch, kurzhaarig mit spitzen oder halb stehenden Ohren, meistens in allen Farben gefleckt. Sie kommen gut mit Hitze zurecht und benehmen sich sehr ursprünglich, buddeln Kuhlen, wenn ihnen zu warm wird, und würgen Futter für ihre Welpen hoch, ein Verhalten, das man bei Hunden in Deutschland nur noch selten beobachtet. Die Hunde der Masai leben dicht bei den Menschen, lassen sich aber nicht anfassen. Die Masai kämen auch gar nicht auf die Idee, einen Hund zu streicheln. Die Hunde wiederum sind in der Regel keine menschliche Berührung gewöhnt, maximal bis auf einen Meter kommen sie heran; streckt man die Hand nach ihnen aus, schrecken sie zurück, obwohl doch jeder Hund zu einer bestimmten Familie gehört. Ihr Job ist es, die Rinder zu bewachen und Unrat zu beseitigen. Als Gesundheitspolizei vertilgen sie Müll und Kot und sorgen so für eine saubere Umgebung. Kastration ist nicht üblich, sobald zu viele Hunde herumlaufen, werden einige erschlagen, zum Glück habe ich das nie mit ansehen müssen.

Viele Kenianer haben große Angst vor Hunden, und die Besitzer der Wachhunde haben Angst um ihre Hunde – Einbrecher könnten vergiftetes Futter über die Zäune werfen. Als meine Freunde ein neues Haus kauften, erwarben sie nicht nur den Grund und Boden sowie das Gebäude, sondern auch das Wachpersonal, das hier Dienst tat, einen Ridgeback und einen Schäferhund.

Der Mann im Nationalpark, der mit mir die spielenden Hunde beobachtete, fragte mich nach einer Weile, wie wir in Deutschland mit streunenden Hunden umgehen würden.

„Es gibt dort keine streunenden Hunde“, erklärte ich ihm. „Wenn jemand seinen Hund nicht mehr will oder irgendwo ein Hund gefunden wird, kommt er ins Tierheim.“

„Tierheim?“, wiederholte der Mann fragend und übersetzte das in seine Welt: „Ein Nationalpark? Wo man sie besichtigen kann? Aber wer will streunende Hunde besichtigen?“
Ich beschrieb ihm die Aufgabe eines Tierheimes und schloss „Dort gibt es nicht nur Hunde, sondern auch Katzen, Meerschweinchen, Ziegen, Hasen …“

„Hasen!“, rief der Mann.

In Kenia werden Hasen und Ziegen gegessen. Wer kam auf die seltsame Idee, Nahrungsmittel in ein Tierheim zu bringen? Alles, was man essen oder tauschen kann, gilt in Kenia als Kapital. Ich versuchte dem Mann Deutschland zu erklären – wobei ich mit der Müllabfuhr begann, wozu wir Deutschen keine Hunde benötigen, überhaupt ist unser Müll ja ganz anders beschaffen als der in Kenia – und kehrte dann zum Tierheim zurück, in dem sich engagierte Menschen um die Tiere kümmern, sie füttern und auch medizinisch versorgen, bis sie in neue Familien vermittelt werden. Da lachte der Mann. „Ein Missverständnis. Du sprichst von Kindern. Entschuldige, mein Englisch ist schlecht. Ich habe gedacht, wir reden über Hunde. Du meinst ein Kinderheim, ja, das gibt es bei uns auch.“

„Dein Englisch ist sehr gut“, widersprach ich. „In Deutschland werden Hunde manchmal behandelt wie Kinder, zuweilen sogar besser“, fügte ich aufrichtig hinzu. Wobei das ja kein Argument gegen Tierschutz ist, denn Hunde schlechter zu behandeln führt nicht automatisch dazu, dass Kinder besser behandelt werden.

„Aber was machen die Familien mit den Hunden, was ist der Sinn des Ganzen?“, erkundigte er sich.

„Sie leben zusammen. Das Tierheim überprüft, ob der Hund bei den neuen Besitzern in guten Händen ist. Ob die Leute genügend Zeit haben, sich um den Hund zu kümmern, ob man sich den Tierarzt leisten kann“, ich hörte mir selbst zu und fand auf einmal alles, was ich sagte, genauso seltsam, wie es wohl bei meinem Gesprächspartner ankommen mochte. Fast musste ich lachen, so verrückt war dieses Gespräch an jenem Nachmittag unter der heißen kenianischen Sonne.

„Tierarzt“, wiederholte der Mann kopfschüttelnd und versicherte sich dann „Das bedeutet, dass ihr die Hunde in eure Häuser lasst?“

„Ja. Bei sehr reichen Leuten haben sie manchmal ein eigenes Zimmer für sich allein. Es gibt sogar Menschen, deren Beruf es ist, sich um das Wohlergehen von Hunden zu kümmern. Es gibt Hundeerzieher, Hundefriseure, Hundegassigeher.“

„Nein!“

„Doch!“ Ich hatte mittlerweile großen Spaß an unserer Unterhaltung und trumpfte richtig auf, indem ich von Wunjo erzählte, einem ausgebildeten Rettungshund. Als der Mann erfuhr, dass ich Wunjo nicht nur in mein Haus, sondern auch in mein Auto ließ, war er völlig fassungslos und resümierte „Ihr spinnt. Ich habe immer gedacht, die Deutschen wären alles Ingenieure, vernünftige Leute ohne Spleen, allein die Leistung zählt. Der Deutsche funktioniert sogar bei fünfzig Grad im Schatten. Tick-tack, wie eine Uhr. Aber nein, ihr seid verrückt. Ich habe selber zwei Hunde, und ich mag sie. Aber wenn ich zu meiner Frau sagen würde, dass die Hunde ins Haus sollen, würde sie sich auf der Stelle scheiden lassen!“

„Bei uns werden Ehen geschieden, wenn Hunde nicht ins Haus dürfen“, erwiderte ich lachend.

Dieses Gespräch hätte sich an vielen Orten der Welt ergeben können. In Deutschland haben Hunde im Großen und Ganzen ein gutes Leben. Doch noch immer werden zu viele unter nicht artgerechten Bedingungen gehalten. Manche mit Absicht, manche aus Ignoranz und manche, weil es ihre Herrchen und Frauchen nicht besser wissen, die Sprache ihrer Hunde nicht verstehen, sie vernachlässigen oder verhätscheln.

Zum Abschluss unseres Gespräches fragte mich der Kenianer: „Was glaubst du, wo gefällt es den Hunden besser? Hier, wo sie frei sind, oder bei euch, wo sie gefangen sind in Häusern?“

„Nun, ich glaube nicht, dass sie bei uns gefangen sind, sondern dass sie in unserer Gesellschaft, so komisch es für manche andere Kulturen klingen mag, zur Familie gehören. Hunde sind Rudeltiere. Wenn sie kein Rudel haben, wie bei euch, springt eine Familie aus Zweibeinern ein. Ich glaube, dass Freiheit für den Hund eher traurig ist, sobald sie Alleinsein bedeutet. Bei uns gibt es den Mythos vom einsamen Wolf, so bezeichnet man auch Menschen, die eigenbrödlerisch am Rand der Gesellschaft leben.“

Der Kenianer nickte „Solche Leute kennen wir auch.“

„Dem einsamen Wolf im Tierreich wird oft Stärke zugeschrieben, weil er es schafft, allein zurechtzukommen. Doch er ist nicht stark, sondern war zu schwach oder zu aggressiv und wurde deshalb aus seinem Rudel ausgeschlossen. Der einsame Wolf ist nicht zu bewundern, sondern zu bedauern. Der Hund, der ohne Familienanschluss – oder wie hier in Kenia ohne Rudelanschluss – leben würde, wäre nicht glücklich.“

„Allmählich frage ich mich“, grinste mein Gesprächspartner, „ob ihr Deutschen, wenn ihr so weitermacht, in ein paar Jahrhunderten auf allen Vieren lauft. Tick-tack, tick-tack“, er fuhr er mit den Händen durch die Luft und imitierte einen laufenden Hund, „dann seid ihr noch schneller!“

Mitleid schwächt

In Herrn Winters Leben war alles top geregelt. Als Aufsichtsratsvorsitzender eines DAX-Unternehmens hatte er finanziell keine Sorgen. Sein Ruf in der Wirtschaft war tadellos wie sein Privatleben. Als sich seine Frau in ihren Tangolehrer verliebte und aus der Villa am See auszog, schieden sie als Freunde. Schließlich hatten sie zwei wunderbare Töchter und denen wollten sie ein Vorbild sein. Insgeheim beneidete Herr Winter seine Frau ein bisschen, die ein solches Abenteuer wagte. Er selbst hätte bei seinem straffen Terminkalender kaum Zeit für ein paar Tangoschritte. Doch das wollte er nun, nach seinem fünfzigsten Geburtstag ändern. Die Töchter studierten bereits, eine interessierte sich hauptsächlich fürs Segeln, die andere eigentlich nur für Pferde, bald würden sie ausziehen. Dann wäre Herr Winter allein in dem großen Haus. Allein mit Frau Dullinger, seiner Haushälterin, dem Gärtner und dem Chauffeur.

„Kauf dir doch einen Labrador“, bat die älteste Tochter, als er seinen Kindern mitteilte, dass er sich einen Hund anschaffen wollte, „den kann ich gut zum Segeln mitnehmen.“

„Kauf dir doch einen Dalmatiner“, bat die jüngere Tochter, „mit dem kann ich super ausreiten.“

„Dieser Hund“, sagte Herr Winter, wird meiner. „Und ich hole mir einen vom Tierschutz.“

Verblüfft starrten ihn seine Töchter an. Vom Tierschutz? Kam er jetzt in die Midlifecrises? War das so, wenn man genug Geld hatte, dass man sich keine Harley anschaffte oder einen Ferrari, sondern etwas wirklich Abgefahrenes? Natürlich widersprachen sie ihm nicht. Leben und leben lassen lautete die Devise im Hause Winter. Die Töchter hatten verstanden: Der Hund ging sie nichts an. So kümmerten sie sich auch nicht weiter um ihn, als er eintraf. Dabei hätte Herr Winter dringend Hilfe gebraucht. Denn Lina aus Rumänien war … ja, was war sie eigentlich, er wusste es leider nicht so genau, da sie sich am liebsten unter der Eckbank verkroch. Wenn er versuchte, sie zu locken, quetschte sie sich noch enger an die Wand, wenn er sie streichelte, zitterte sie am ganzen Körper.

„Lassen Sie mich mal machen, ich kenn’ mich mit Hunden aus“, meinte Frau Dullinger und brachte Wiener Würstchen. Als auch ein Rinderherz und Tartar versagten, gab sie auf. „Das ist ein Fall fürn Psychiater“. Herr Winter, der von einem Stab kompetenter Mitarbeiter umgeben war und keine Scheu hatte, sich Rat zu holen, wendete sich an einen Hundeverein in seinem Viertel. Eine Trainerin dieses Vereins rief mich an: „Hallo Stephanie, ich habe hier einen Kunden, den ich dir gern weitervermitteln würde. Er ist mit seinem Hund vom Tierschutz zu uns auf den Platz gekommen, aber die Hündin ist nicht in die Gruppe integrierbar. Sie ist sehr ängstlich, wir haben eben fünfundvierzig Minuten gebraucht, ehe wir sie eingefangen hatten. Lina wurde aus einer rumänischen Tötungsstation gerettet und ist schwer traumatisiert. Ihr Halter heißt Herr Winter und wird sich mit dir in Verbindung setzen. So lange der Hund sich nicht normal benimmt, kann ich auf unserem Platz in der Gruppe nicht mit ihm arbeiten.“

Zwei Stunden später rief mich Herr Winter an. Ich hatte erst in neun Tagen einen freien Termin. Doch als er mir schilderte, dass Lina zitternd unter der Eckbank lag, beschloss ich, dies sei ein Notfall und machte mich abends auf den Weg nach Berg am Starnberger See, wo Herr Winter … wohnte wäre zu wenig. Eher residierte in einer Villa mit parkähnlichem Anwesen und eigenem Seezugang. Der große Mann mit dem festen Händedruck war mir sofort sympathisch. Alles an ihm strahlte Souveränität, Energie, Freundlichkeit und Verbindlichkeit aus. Dies war eine Führungspersönlichkeit, ohne Frage. Aber wo war der Hund? Gebellt hatte hier keiner.

„Noch immer unter der Eckbank“, teilte mir Herr Winter mit.

Gern wollte ich einen Kaffee, die Maschine hatte ich zwar nicht gesehen, doch die Haushälterin machte einen einladenden Eindruck.

„Sollen wir gleich zu Lina?“, fragte Herr Winter mich.

„Erzählen Sie mir zuerst von ihr“, bat ich ihn.

„Ich habe sie von einer Dame, die sich stark im Tierschutz engagiert. Eine meiner Mitarbeiterinnen hat das für mich organisiert. Ich habe sie aber selbst abgeholt. Es war eine kleine Wohnung, da waren mindestens zehn Hunde untergebracht, alle nur kurzfristig. Es roch ein wenig.“

„Was wissen Sie von Lina?“

„Dass sie vor der Vergasung gerettet wurde. Das hat mich natürlich in meiner Absicht bestärkt, keinen Hund vom Züchter zu kaufen. Aber ehrlich gesagt … im Moment zweifle ich ein wenig. Denn so schwierig habe ich mir das nicht vorgestellt. Der Hund gibt mir keine Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Er liegt unter der Eckbank und zittert, sobald man sich ihm nähert.“

„Wie alt ist Lina?“

„Ungefähr drei.“

„Hat sie auf der Straße gelebt?“

„Ja. Dort scheint ihr Schlimmes widerfahren zu sein. Sie ist völlig verängstigt. Ich komme nicht an sie heran. Sie frisst nachts, wenn wir schlafen. Ich habe den Eindruck, am liebsten hält sie sich draußen auf. Es ist schwierig, sie aus dem Garten zurück ins Haus zu bringen.“

Ich kombinierte, dass Lina nicht traumatisiert durch ihre Herkunft war, sondern durch ihre Ankunft: traumatisiert von der Zivilisation. Für einen Hund wie Lina war ein Haus tabu. Da durften Straßenhunde nicht rein, und wenn sie es versuchten, wurden sie in der Regel mit Fußtritten verjagt. Ich erklärte Herrn Winter „Im Tierschutz ist es oft so, dass die Hunde, denen man Gutes tun will, von der Straße weggefangen werden. Aber dort sind sie etabliert, da kennen sie sich aus, da haben sie ihr Rudel und Revier; durch Selektion sind sie optimal angepasst an dieses Leben. Dazu gehört Scheu gegenüber dem Menschen, sie sind besonders vorsichtig und gebaren sich devot. Dieses Verhalten soll sie vor Angriffen und Verletzungen schützen, die man sich auf der Straße nicht leisten kann, wenn man überleben will. Hinzu kommt, dass zahlreiche Mutterhündinnen, je nachdem, wie die Nahrungssituation ist, während der Trächtigkeit häufig Stress haben. Der wird durch die Nabelschnur an die Welpen weitergebeben. Somit reagieren diese Hunde viel schneller auf Stress als andere. Das kann so weit gehen, dass sie später Schwierigkeiten haben, soziale Bindungen einzugehen. Es kann sein, dass Lina in ihrem Leben als Straßenhund gut klar gekommen ist. Aber nun, evakuiert in ein deutsches Wohnzimmer …“, ich beendete den Satz nicht.

Herr Winter wirkte betroffen. „Ich wollte etwas Gutes tun. Es scheint, dass ich einen Fehler gemacht habe. Andererseits – Lina war ja schon in Deutschland. Also, was können wir tun? Wie können wir ihr helfen?“

Ja, Herr Winter war eine Führungspersönlichkeit. Lösungsorientiert, zupackend, souverän.

Einer wie er vertrug die Wahrheit. „Sie werden viel Zeit und Geduld brauchen, ehe Lina auch innerlich umgesiedelt ist. Und selbst wenn sie sich eines Tages frei im Haus bewegt, wird sie doch immer ein zurückhaltender Hund bleiben.“

„Das wissen Sie alles, ohne sie gesehen zu haben?“

„Genau deswegen“, sagte ich. „Und ich weiß noch mehr: Sie haben gute Chancen, Lina einzugewöhnen.“

„Was macht Sie so zuversichtlich?“

„Auf mich wirken Sie führungsstark. Lina hat einen guten Startplatz in Ihr neues Leben erwischt.“

„Tja, wenn sie mir doch die Gelegenheit gäbe, ihr das zu beweisen. Der Hund tut mir unendlich leid unter der Eckbank. Das ist doch kein Leben.“

„Punkt eins“, begann ich meine Unterweisung. „Kein Mitleid mit dem Hund! Das verunsichert ihn noch mehr. Bitte stellen Sie auch Ihre Versuche ein, sie unter der Eckbank hervorzulocken. Damit kann sie nicht umgehen. Besser ist es, ihre Neugier zu wecken.“

Herr Winter beugte sich interessiert vor. „Und wie geht das?“
„Setzen Sie sich auf die Eckbank, lesen Sie Zeitung, vergessen Sie den Hund. Irgendwann wird er Sie vorsichtig beschnuppern. Da können Sie dann mal eine Hand neben Ihr Knie legen. Je nachdem, wie Lina darauf reagiert, können Sie sie dann auch berühren.“

„Und ich soll so tun als sei sie gar nicht da? Ignorier den Hund, das hat mir eine meiner Töchter geraten.“

„Normalerweise fährt man gut damit, Hunde zu ignorieren. Doch Straßenhunden ist es egal, ob ein Mensch sie beachtet oder nicht, im Gegenteil: Lieber ist es ihnen, sie werden nicht beachtet. Bei Straßenhunden braucht es eine andere Beziehungsarbeit. Eine wie Lina gewinnen Sie nicht mit herkömmlichen Methoden, wie Ignorieren und Futter. Sie müssen verstehen, dass ihr Verhalten eine Überlebensstrategie ist. Wenn sie freiwillig unter der Eckbank hervorkommt, würde ich mit einer Dreimeterleine beginnen, damit Sie sie, wenn nötig, jederzeit festhalten können, ohne von oben auf sie zuzugreifen, da sie das als Bedrohung empfinden würde. Auf ihr devotes Verhalten dürfen Sie auf keinen Fall mit Mitleid reagieren. Der Hund braucht kein Mitleid. Er braucht Zeit, um zu lernen, dass er hier sicher ist. Dass ihm nichts passiert, auch wenn alles total komisch ist.“

„Sie soll mir also nicht leid tun“, wiederholte Herr Winter. „Das ist die schwerste Übung.“

„Wer leidet, kann nicht führen“, fasste ich zusammen.

Er lachte. „Eigentlich wollte ich meine Freizeit mit dem Hund verbringen, nicht arbeiten.“

„Ach, das schaffen Sie bestimmt“, war ich zuversichtlich – und täuschte mich nicht. Aus Lina ist unter Herrn Winters starker Führung ein selbstsicherer Hund geworden. Fremden gegenüber ist sie noch immer misstrauisch, und im letzten Jahr hat sie einen Einbrecher in die Flucht geschlagen. Ein unsichtbares Band verbindet die beiden, es macht den Eindruck, sie würden sich telepathisch verständigen. Entspannt und locker läuft Lina ohne Leine dicht bei Herrn Winter, schaut immer mal wieder zu ihm, sie wechseln einen Blick, verständigen sich ohne Worte. Die beiden sind zu einem Dream-Team zusammengewachsen, weil Herr Winter den Hund mit ruhiger und sicherer Hand in sein neues Leben führte.

Als ich im letzten Februar wieder einmal in Afrika war, unterhielt ich mich in Kenia in einem Nationalpark mit einem Mann, der dort arbeitete. Seite an Seite beobachteten wir zwei Hunde, die miteinander spielten. In Kenia gibt es augenfällig zwei Kategorien von Hunden. Wachhunde, meistens Rassehunde, vor allem Schäferhunde, Dobermann, Rottweiler, Ridgebacks, die auf ein Grundstück aufpassen. Gassi gehen gab es früher für diese Hunde gar nicht, inzwischen machen das einige Besitzer. Der Job dieser Hunde ist es, ein Anwesen zu bewachen. Straßenhunde dagegen, die zweite Kategorie, streunen in Dörfern herum – so wie die Hunde der Masai. Sie leben seit vielen Generationen bei ihnen, und wenn man sie untersuchen würde, käme wahrscheinlich heraus, dass sie mittlerweile eine eigene Rasse gebildet haben. Die Hunde der Masai sind mittelhoch, kurzhaarig mit spitzen oder halb stehenden Ohren, meistens in allen Farben gefleckt. Sie kommen gut mit Hitze zurecht und benehmen sich sehr ursprünglich, buddeln Kuhlen, wenn ihnen zu warm wird, und würgen Futter für ihre Welpen hoch, ein Verhalten, das man bei Hunden in Deutschland nur noch selten beobachtet. Die Hunde der Masai leben dicht bei den Menschen, lassen sich aber nicht anfassen. Die Masai kämen auch gar nicht auf die Idee, einen Hund zu streicheln. Die Hunde wiederum sind in der Regel keine menschliche Berührung gewöhnt, maximal bis auf einen Meter kommen sie heran; streckt man die Hand nach ihnen aus, schrecken sie zurück, obwohl doch jeder Hund zu einer bestimmten Familie gehört. Ihr Job ist es, die Rinder zu bewachen und Unrat zu beseitigen. Als Gesundheitspolizei vertilgen sie Müll und Kot und sorgen so für eine saubere Umgebung. Kastration ist nicht üblich, sobald zu viele Hunde herumlaufen, werden einige erschlagen, zum Glück habe ich das nie mit ansehen müssen.

Viele Kenianer haben große Angst vor Hunden, und die Besitzer der Wachhunde haben Angst um ihre Hunde – Einbrecher könnten vergiftetes Futter über die Zäune werfen. Als meine Freunde ein neues Haus kauften, erwarben sie nicht nur den Grund und Boden sowie das Gebäude, sondern auch das Wachpersonal, das hier Dienst tat, einen Ridgeback und einen Schäferhund.

Der Mann im Nationalpark, der mit mir die spielenden Hunde beobachtete, fragte mich nach einer Weile, wie wir in Deutschland mit streunenden Hunden umgehen würden.

„Es gibt dort keine streunenden Hunde“, erklärte ich ihm. „Wenn jemand seinen Hund nicht mehr will oder irgendwo ein Hund gefunden wird, kommt er ins Tierheim.“

„Tierheim?“, wiederholte der Mann fragend und übersetzte das in seine Welt: „Ein Nationalpark? Wo man sie besichtigen kann? Aber wer will streunende Hunde besichtigen?“
Ich beschrieb ihm die Aufgabe eines Tierheimes und schloss „Dort gibt es nicht nur Hunde, sondern auch Katzen, Meerschweinchen, Ziegen, Hasen …“

„Hasen!“, rief der Mann.

In Kenia werden Hasen und Ziegen gegessen. Wer kam auf die seltsame Idee, Nahrungsmittel in ein Tierheim zu bringen? Alles, was man essen oder tauschen kann, gilt in Kenia als Kapital. Ich versuchte dem Mann Deutschland zu erklären – wobei ich mit der Müllabfuhr begann, wozu wir Deutschen keine Hunde benötigen, überhaupt ist unser Müll ja ganz anders beschaffen als der in Kenia – und kehrte dann zum Tierheim zurück, in dem sich engagierte Menschen um die Tiere kümmern, sie füttern und auch medizinisch versorgen, bis sie in neue Familien vermittelt werden. Da lachte der Mann. „Ein Missverständnis. Du sprichst von Kindern. Entschuldige, mein Englisch ist schlecht. Ich habe gedacht, wir reden über Hunde. Du meinst ein Kinderheim, ja, das gibt es bei uns auch.“

„Dein Englisch ist sehr gut“, widersprach ich. „In Deutschland werden Hunde manchmal behandelt wie Kinder, zuweilen sogar besser“, fügte ich aufrichtig hinzu. Wobei das ja kein Argument gegen Tierschutz ist, denn Hunde schlechter zu behandeln führt nicht automatisch dazu, dass Kinder besser behandelt werden.

„Aber was machen die Familien mit den Hunden, was ist der Sinn des Ganzen?“, erkundigte er sich.

„Sie leben zusammen. Das Tierheim überprüft, ob der Hund bei den neuen Besitzern in guten Händen ist. Ob die Leute genügend Zeit haben, sich um den Hund zu kümmern, ob man sich den Tierarzt leisten kann“, ich hörte mir selbst zu und fand auf einmal alles, was ich sagte, genauso seltsam, wie es wohl bei meinem Gesprächspartner ankommen mochte. Fast musste ich lachen, so verrückt war dieses Gespräch an jenem Nachmittag unter der heißen kenianischen Sonne.

„Tierarzt“, wiederholte der Mann kopfschüttelnd und versicherte sich dann „Das bedeutet, dass ihr die Hunde in eure Häuser lasst?“

„Ja. Bei sehr reichen Leuten haben sie manchmal ein eigenes Zimmer für sich allein. Es gibt sogar Menschen, deren Beruf es ist, sich um das Wohlergehen von Hunden zu kümmern. Es gibt Hundeerzieher, Hundefriseure, Hundegassigeher.“

„Nein!“

„Doch!“ Ich hatte mittlerweile großen Spaß an unserer Unterhaltung und trumpfte richtig auf, indem ich von Wunjo erzählte, einem ausgebildeten Rettungshund. Als der Mann erfuhr, dass ich Wunjo nicht nur in mein Haus, sondern auch in mein Auto ließ, war er völlig fassungslos und resümierte „Ihr spinnt. Ich habe immer gedacht, die Deutschen wären alles Ingenieure, vernünftige Leute ohne Spleen, allein die Leistung zählt. Der Deutsche funktioniert sogar bei fünfzig Grad im Schatten. Tick-tack, wie eine Uhr. Aber nein, ihr seid verrückt. Ich habe selber zwei Hunde, und ich mag sie. Aber wenn ich zu meiner Frau sagen würde, dass die Hunde ins Haus sollen, würde sie sich auf der Stelle scheiden lassen!“

„Bei uns werden Ehen geschieden, wenn Hunde nicht ins Haus dürfen“, erwiderte ich lachend.

Dieses Gespräch hätte sich an vielen Orten der Welt ergeben können. In Deutschland haben Hunde im Großen und Ganzen ein gutes Leben. Doch noch immer werden zu viele unter nicht artgerechten Bedingungen gehalten. Manche mit Absicht, manche aus Ignoranz und manche, weil es ihre Herrchen und Frauchen nicht besser wissen, die Sprache ihrer Hunde nicht verstehen, sie vernachlässigen oder verhätscheln.

Zum Abschluss unseres Gespräches fragte mich der Kenianer: „Was glaubst du, wo gefällt es den Hunden besser? Hier, wo sie frei sind, oder bei euch, wo sie gefangen sind in Häusern?“

„Nun, ich glaube nicht, dass sie bei uns gefangen sind, sondern dass sie in unserer Gesellschaft, so komisch es für manche andere Kulturen klingen mag, zur Familie gehören. Hunde sind Rudeltiere. Wenn sie kein Rudel haben, wie bei euch, springt eine Familie aus Zweibeinern ein. Ich glaube, dass Freiheit für den Hund eher traurig ist, sobald sie Alleinsein bedeutet. Bei uns gibt es den Mythos vom einsamen Wolf, so bezeichnet man auch Menschen, die eigenbrödlerisch am Rand der Gesellschaft leben.“

Der Kenianer nickte „Solche Leute kennen wir auch.“

„Dem einsamen Wolf im Tierreich wird oft Stärke zugeschrieben, weil er es schafft, allein zurechtzukommen. Doch er ist nicht stark, sondern war zu schwach oder zu aggressiv und wurde deshalb aus seinem Rudel ausgeschlossen. Der einsame Wolf ist nicht zu bewundern, sondern zu bedauern. Der Hund, der ohne Familienanschluss – oder wie hier in Kenia ohne Rudelanschluss – leben würde, wäre nicht glücklich.“

„Allmählich frage ich mich“, grinste mein Gesprächspartner, „ob ihr Deutschen, wenn ihr so weitermacht, in ein paar Jahrhunderten auf allen Vieren lauft. Tick-tack, tick-tack“, er fuhr er mit den Händen durch die Luft und imitierte einen laufenden Hund, „dann seid ihr noch schneller!“

 

Mitleid schwächt

In Herrn Winters Leben war alles top geregelt. Als Aufsichtsratsvorsitzender eines DAX-Unternehmens hatte er finanziell keine Sorgen. Sein Ruf in der Wirtschaft war tadellos wie sein Privatleben. Als sich seine Frau in ihren Tangolehrer verliebte und aus der Villa am See auszog, schieden sie als Freunde. Schließlich hatten sie zwei wunderbare Töchter und denen wollten sie ein Vorbild sein. Insgeheim beneidete Herr Winter seine Frau ein bisschen, die ein solches Abenteuer wagte. Er selbst hätte bei seinem straffen Terminkalender kaum Zeit für ein paar Tangoschritte. Doch das wollte er nun, nach seinem fünfzigsten Geburtstag ändern. Die Töchter studierten bereits, eine interessierte sich hauptsächlich fürs Segeln, die andere eigentlich nur für Pferde, bald würden sie ausziehen. Dann wäre Herr Winter allein in dem großen Haus. Allein mit Frau Dullinger, seiner Haushälterin, dem Gärtner und dem Chauffeur.

„Kauf dir doch einen Labrador“, bat die älteste Tochter, als er seinen Kindern mitteilte, dass er sich einen Hund anschaffen wollte, „den kann ich gut zum Segeln mitnehmen.“

„Kauf dir doch einen Dalmatiner“, bat die jüngere Tochter, „mit dem kann ich super ausreiten.“

„Dieser Hund“, sagte Herr Winter, wird meiner. „Und ich hole mir einen vom Tierschutz.“

Verblüfft starrten ihn seine Töchter an. Vom Tierschutz? Kam er jetzt in die Midlifecrises? War das so, wenn man genug Geld hatte, dass man sich keine Harley anschaffte oder einen Ferrari, sondern etwas wirklich Abgefahrenes? Natürlich widersprachen sie ihm nicht. Leben und leben lassen lautete die Devise im Hause Winter. Die Töchter hatten verstanden: Der Hund ging sie nichts an. So kümmerten sie sich auch nicht weiter um ihn, als er eintraf. Dabei hätte Herr Winter dringend Hilfe gebraucht. Denn Lina aus Rumänien war … ja, was war sie eigentlich, er wusste es leider nicht so genau, da sie sich am liebsten unter der Eckbank verkroch. Wenn er versuchte, sie zu locken, quetschte sie sich noch enger an die Wand, wenn er sie streichelte, zitterte sie am ganzen Körper.

„Lassen Sie mich mal machen, ich kenn’ mich mit Hunden aus“, meinte Frau Dullinger und brachte Wiener Würstchen. Als auch ein Rinderherz und Tartar versagten, gab sie auf. „Das ist ein Fall fürn Psychiater“. Herr Winter, der von einem Stab kompetenter Mitarbeiter umgeben war und keine Scheu hatte, sich Rat zu holen, wendete sich an einen Hundeverein in seinem Viertel. Eine Trainerin dieses Vereins rief mich an: „Hallo Stephanie, ich habe hier einen Kunden, den ich dir gern weitervermitteln würde. Er ist mit seinem Hund vom Tierschutz zu uns auf den Platz gekommen, aber die Hündin ist nicht in die Gruppe integrierbar. Sie ist sehr ängstlich, wir haben eben fünfundvierzig Minuten gebraucht, ehe wir sie eingefangen hatten. Lina wurde aus einer rumänischen Tötungsstation gerettet und ist schwer traumatisiert. Ihr Halter heißt Herr Winter und wird sich mit dir in Verbindung setzen. So lange der Hund sich nicht normal benimmt, kann ich auf unserem Platz in der Gruppe nicht mit ihm arbeiten.“

Zwei Stunden später rief mich Herr Winter an. Ich hatte erst in neun Tagen einen freien Termin. Doch als er mir schilderte, dass Lina zitternd unter der Eckbank lag, beschloss ich, dies sei ein Notfall und machte mich abends auf den Weg nach Berg am Starnberger See, wo Herr Winter … wohnte wäre zu wenig. Eher residierte in einer Villa mit parkähnlichem Anwesen und eigenem Seezugang. Der große Mann mit dem festen Händedruck war mir sofort sympathisch. Alles an ihm strahlte Souveränität, Energie, Freundlichkeit und Verbindlichkeit aus. Dies war eine Führungspersönlichkeit, ohne Frage. Aber wo war der Hund? Gebellt hatte hier keiner.

„Noch immer unter der Eckbank“, teilte mir Herr Winter mit.

Gern wollte ich einen Kaffee, die Maschine hatte ich zwar nicht gesehen, doch die Haushälterin machte einen einladenden Eindruck.

„Sollen wir gleich zu Lina?“, fragte Herr Winter mich.

„Erzählen Sie mir zuerst von ihr“, bat ich ihn.

„Ich habe sie von einer Dame, die sich stark im Tierschutz engagiert. Eine meiner Mitarbeiterinnen hat das für mich organisiert. Ich habe sie aber selbst abgeholt. Es war eine kleine Wohnung, da waren mindestens zehn Hunde untergebracht, alle nur kurzfristig. Es roch ein wenig.“

„Was wissen Sie von Lina?“

„Dass sie vor der Vergasung gerettet wurde. Das hat mich natürlich in meiner Absicht bestärkt, keinen Hund vom Züchter zu kaufen. Aber ehrlich gesagt … im Moment zweifle ich ein wenig. Denn so schwierig habe ich mir das nicht vorgestellt. Der Hund gibt mir keine Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Er liegt unter der Eckbank und zittert, sobald man sich ihm nähert.“

„Wie alt ist Lina?“

„Ungefähr drei.“

„Hat sie auf der Straße gelebt?“

„Ja. Dort scheint ihr Schlimmes widerfahren zu sein. Sie ist völlig verängstigt. Ich komme nicht an sie heran. Sie frisst nachts, wenn wir schlafen. Ich habe den Eindruck, am liebsten hält sie sich draußen auf. Es ist schwierig, sie aus dem Garten zurück ins Haus zu bringen.“

Ich kombinierte, dass Lina nicht traumatisiert durch ihre Herkunft war, sondern durch ihre Ankunft: traumatisiert von der Zivilisation. Für einen Hund wie Lina war ein Haus tabu. Da durften Straßenhunde nicht rein, und wenn sie es versuchten, wurden sie in der Regel mit Fußtritten verjagt. Ich erklärte Herrn Winter „Im Tierschutz ist es oft so, dass die Hunde, denen man Gutes tun will, von der Straße weggefangen werden. Aber dort sind sie etabliert, da kennen sie sich aus, da haben sie ihr Rudel und Revier; durch Selektion sind sie optimal angepasst an dieses Leben. Dazu gehört Scheu gegenüber dem Menschen, sie sind besonders vorsichtig und gebaren sich devot. Dieses Verhalten soll sie vor Angriffen und Verletzungen schützen, die man sich auf der Straße nicht leisten kann, wenn man überleben will. Hinzu kommt, dass zahlreiche Mutterhündinnen, je nachdem, wie die Nahrungssituation ist, während der Trächtigkeit häufig Stress haben. Der wird durch die Nabelschnur an die Welpen weitergebeben. Somit reagieren diese Hunde viel schneller auf Stress als andere. Das kann so weit gehen, dass sie später Schwierigkeiten haben, soziale Bindungen einzugehen. Es kann sein, dass Lina in ihrem Leben als Straßenhund gut klar gekommen ist. Aber nun, evakuiert in ein deutsches Wohnzimmer …“, ich beendete den Satz nicht.

Herr Winter wirkte betroffen. „Ich wollte etwas Gutes tun. Es scheint, dass ich einen Fehler gemacht habe. Andererseits – Lina war ja schon in Deutschland. Also, was können wir tun? Wie können wir ihr helfen?“

Ja, Herr Winter war eine Führungspersönlichkeit. Lösungsorientiert, zupackend, souverän.

Einer wie er vertrug die Wahrheit. „Sie werden viel Zeit und Geduld brauchen, ehe Lina auch innerlich umgesiedelt ist. Und selbst wenn sie sich eines Tages frei im Haus bewegt, wird sie doch immer ein zurückhaltender Hund bleiben.“

„Das wissen Sie alles, ohne sie gesehen zu haben?“

„Genau deswegen“, sagte ich. „Und ich weiß noch mehr: Sie haben gute Chancen, Lina einzugewöhnen.“

„Was macht Sie so zuversichtlich?“

„Auf mich wirken Sie führungsstark. Lina hat einen guten Startplatz in Ihr neues Leben erwischt.“

„Tja, wenn sie mir doch die Gelegenheit gäbe, ihr das zu beweisen. Der Hund tut mir unendlich leid unter der Eckbank. Das ist doch kein Leben.“

„Punkt eins“, begann ich meine Unterweisung. „Kein Mitleid mit dem Hund! Das verunsichert ihn noch mehr. Bitte stellen Sie auch Ihre Versuche ein, sie unter der Eckbank hervorzulocken. Damit kann sie nicht umgehen. Besser ist es, ihre Neugier zu wecken.“

Herr Winter beugte sich interessiert vor. „Und wie geht das?“
„Setzen Sie sich auf die Eckbank, lesen Sie Zeitung, vergessen Sie den Hund. Irgendwann wird er Sie vorsichtig beschnuppern. Da können Sie dann mal eine Hand neben Ihr Knie legen. Je nachdem, wie Lina darauf reagiert, können Sie sie dann auch berühren.“

„Und ich soll so tun als sei sie gar nicht da? Ignorier den Hund, das hat mir eine meiner Töchter geraten.“

„Normalerweise fährt man gut damit, Hunde zu ignorieren. Doch Straßenhunden ist es egal, ob ein Mensch sie beachtet oder nicht, im Gegenteil: Lieber ist es ihnen, sie werden nicht beachtet. Bei Straßenhunden braucht es eine andere Beziehungsarbeit. Eine wie Lina gewinnen Sie nicht mit herkömmlichen Methoden, wie Ignorieren und Futter. Sie müssen verstehen, dass ihr Verhalten eine Überlebensstrategie ist. Wenn sie freiwillig unter der Eckbank hervorkommt, würde ich mit einer Dreimeterleine beginnen, damit Sie sie, wenn nötig, jederzeit festhalten können, ohne von oben auf sie zuzugreifen, da sie das als Bedrohung empfinden würde. Auf ihr devotes Verhalten dürfen Sie auf keinen Fall mit Mitleid reagieren. Der Hund braucht kein Mitleid. Er braucht Zeit, um zu lernen, dass er hier sicher ist. Dass ihm nichts passiert, auch wenn alles total komisch ist.“

„Sie soll mir also nicht leid tun“, wiederholte Herr Winter. „Das ist die schwerste Übung.“

„Wer leidet, kann nicht führen“, fasste ich zusammen.

Er lachte. „Eigentlich wollte ich meine Freizeit mit dem Hund verbringen, nicht arbeiten.“

„Ach, das schaffen Sie bestimmt“, war ich zuversichtlich – und täuschte mich nicht. Aus Lina ist unter Herrn Winters starker Führung ein selbstsicherer Hund geworden. Fremden gegenüber ist sie noch immer misstrauisch, und im letzten Jahr hat sie einen Einbrecher in die Flucht geschlagen. Ein unsichtbares Band verbindet die beiden, es macht den Eindruck, sie würden sich telepathisch verständigen. Entspannt und locker läuft Lina ohne Leine dicht bei Herrn Winter, schaut immer mal wieder zu ihm, sie wechseln einen Blick, verständigen sich ohne Worte. Die beiden sind zu einem Dream-Team zusammengewachsen, weil Herr Winter den Hund mit ruhiger und sicherer Hand in sein neues Leben führte.

Teile diesen Beitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.