Heimatroulette

51IVvNvwxKL._SL160_

 

Durch 160 Länder ist sie gereist, weil sie wissen wollte, woher sie stammt. Ich durfte Sarah Fischer begleiten auf ihrer Suche nach ihrer Herkunft.

Nachfolgend der Anfang von Heimatroulette

Prolog

„Ätsch, bätsch, das ist gar nicht deine Mama!“

Ich war vier Jahre alt, und wie jedes Kind wünschte ich mir, so zu sein wie alle. Dazuzugehören.

„Chinese, Chinese!“

Der dicke Junge aus dem Nachbarhaus war, wenn er Glück hatte, eine dicke Nudel. Wenn er Pech hatte: ein Fettsack. Er konnte abnehmen. Ich konnte mir die Haut nicht vom Körper schälen.

„Deine Mama sieht ganz anders aus als du, ätsch, bätsch!“

Meine Mama war die schönste Mama der Welt. Ihre Augen waren blau und ihre Haare blond. Meine Augen waren dunkel und meine Haare auch. Und dann war da noch etwas mit meinen Augen. Sie waren Schlitze. Niemand von den anderen Kindern hatte Schlitze, keine Mama und kein Papa meiner Spielkameraden. Die Schlitze gingen nicht weg. Egal, wie ich zog und bog. Meine Augen wurden nicht rund wie die der anderen.

„Hey, Schlitzi, kannst du überhaupt was sehen?“

„Deine Mama ist gar nicht deine Mama, ätsch, bätsch!“

„Mutti, bist du meine echte Mama?“

„Wir haben dir doch mal die Geschichte erzählt von deinen zwei Mamas“, erinnerten meine Eltern mich. „Es gibt noch eine andere Mama, die sieht aus wie du“, erklärte meine Mutter. Die einzige, die ich kannte. Die immer da gewesen war, von Anfang an.

„Ätsch, bätsch, ich hab zwei Mamas!“

Aber war meine blonde Mama mit den blauen Augen die richtige?

„Ja. Vom Herzen bin ich ganz und gar deine Mama.“

Mehr brauchte ich nicht zu wissen. Das genügte mir. Meine Eltern waren meine Eltern, auch wenn sie anders aussahen als ich. Das war mir meistens egal. Nur hin und wieder beklagte ich mich bei ihnen über die Gemeinheit mancher Spielkameraden. Mein Vater, der meine Entwicklung vom Säugling zum Teenager stolz und glücklich filmte, bewahrt in seinem Archiv einige solcher Szenen auf, in denen ich wütend bin, weil die Hänseleien kein Ende nehmen. Doch es gibt viel mehr „normale“ Bilder. Genauso sollte es sein: normal. Wer normal ist, fällt nicht auf, gehört dazu. Auf den ersten Blick war in unserer Familie alles normal. Mama, Papa, Kind. Die Mutter Hausfrau, der Vater Lehrer. Ihre Liebe tief und innig, war niemals zerbrochen an dem Kinderwunsch, der sich nicht erfüllen wollte. Sich nicht erfüllen konnte, wie sie eines Tages erfuhren, zumindest nicht so, wie geplant. Ein, zwei Jahre lang bewiesen meine Eltern den entsprechenden Ämtern, dass sie fähig waren, ein Kind großzuziehen. Sie kehrten ihr Innerstes nach außen, wurden befragt, legten ihre Finanzen offen und Prüfungen ab. Und warteten.

Kurz vor Weihnachten 1972 der Anruf vom Kreisjugendamt Tuttlingen. „Wir haben zwar schon ein Kind für Sie vorgesehen, aber jetzt hat sich ein außerplanmäßiger Fall ereignet. Eine Frau hat sich bei uns gemeldet, die ihr Kind abgeben möchte. Es ist zehn Tage alt. Würden Sie prinzipiell auch ein ausländisches Kind nehmen?“

„Selbstverständlich!“

Sie fragten nicht, was Ausland bedeutete. Fragten nicht nach Hautfarbe oder Augenform. Waren überglücklich. „Unser schönstes Weihnachtsgeschenk im ganzen Leben“, wie sie sich später erinnerten.

Ich. Fünfzig Zentimeter und fünf Pfund. Drei Wochen, braune Augen, ein paar feine dunkle Härchen auf dem Kopf.

Name und Geburtsdatum der leiblichen Mutter bekannt, Vater unbekannt, Nationalität der Eltern unbekannt.

Das verlorene Gesicht

Bis zu meinem 13. Lebensjahr hätte ich sehr viel dafür gegeben, so auszusehen wie die meisten um mich herum. Denn mein Aussehen machte mich zum Opfer gedankenloser und oft auch gemeiner Bemerkungen und Spottlieder. Es-ki-mo, Es-ki-mo! Ihr fre-hesst Schuh-soh-len!

War das so? Keine Ahnung. Mit meinen Eltern verreiste ich zwar viel, allerdings nicht zu den Eskimos, sondern nach Frankreich, Polen, Italien, Dänemark, Spanien, Irland. Und wir fuhren oft mit dem Fahrrad durch Deutschland.

Tsching-Tschang-Tschong war mein meistgehasster „Kosename“: Der traf mich mitten ins Herz. Ich wollte so sein wie alle anderen. Ich wollte dazugehören. Und konnte es nie, weil man mir auf den ersten Blick ansah, dass ich … anders war? Nein, das stimmte doch gar nicht. Ich war eine Deutsche! Ich sprach deutsch, aß deutsch, fühlte deutsch, so weit das möglich ist. Aber ich sah anders aus. Diesen Makel versuchte ich damit zu kaschieren, dass ich alles, was auch nur im Entferntesten im Verdacht stand, asiatisch zu sein, kategorisch ablehnte. Asiatisch war unangenehm für mich. Schlecht. Ein Schimpfwort eben. Damit wollte ich nichts zu tun haben. Als einige Jahre später in meinen Cliquen asiatisches Essen angesagt war und man öfter mal zum Thailänder, Vietnamesen, Chinesen ging, wollte ich nicht mit. „Lasst uns lieber woanders hingehen“, schlug ich vor, und sollte ich mich nicht durchsetzen können, bestellte ich beim Asiaten Pizza oder Spagetti, und wenn das nicht auf der Speisekarte stand, etwas Neutrales wie Nudelsuppe. Bis heute schmeckt mir asiatisches Essen nicht. Ich liebe die bayerische Küche und bin mir sicher, dass das keine Protesthaltung ist, sondern reine Geschmackssache!

Als Kind wehrte ich mich nie gegen Bemerkungen wegen meines Aussehens, die für mich Angriffen gleichkamen. Ich schlug nicht zurück; ich wurde traurig. Zur Gegenwehr war ich wohl zu schüchtern. Meine Eltern erzählten mir, dass ich ein sehr ängstliches Kind war. Sobald etwas Neues auftauchte, sagte ich: „Lieber nicht.“ Ob Karussell fahren oder an einen fremden Ort, ob reiten oder den Hund streicheln: „Lieber nicht!“ Es ist mir selbst ein Rätsel, wie ich mich aus dieser Ängstlichkeit heraus zu einer solchen Abenteurerin entpuppen konnte, die mittlerweile 160 Länder bereist und dort nicht in First-class-Hotels, sondern zum Teil sehr karg gelebt hat. Mich zieht es zu den Einheimischen. Ich will wissen, wer die Menschen sind und wie sie leben. Unterwegs habe ich eine Reihe auch gefährlicher Situationen gemeistert. Auf der Überfahrt von Italien nach Sri Lanka geriet unser Schiff in die Ausläufer eins Taifuns; wir schöpften Wasser aus dem Rumpf, um nicht abzusaufen. In Madagaskar verdurstete ich fast, wie es sich dem deutschen Liedgut entsprechend gehört. Auf den Philippinen geriet ich zu Füßen des Vulkans Pinatubo in Treibsand und wurde in letzter Sekunde gerettet. Ich arbeitete auf Trawlern und in Fischfabriken, als Erntehelferin und in einem Männerwohnheim. Oft hatte ich Hunger und Durst. Ich lernte, damit umzugehen. Ich glaube, dass man sich selbst erst in Extremsituationen wirklich kennen lernt. Da gibt es einiges zu entdecken. Und vor allem: Menschen! Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich nicht Länder gesammelt, sondern Menschen. Wie den 79-jährigen Obdachlosen, mit dem ich durch Alaska reiste. Er sprach acht Sprachen fließend und lebte „normalerweise“ unter einer Brücke in San Francisco. Oder den Yanomami-Indianer, mit dem ich in einem selbst gebauten Einbaum von Brasilien nach Peru paddelte. Heute erkläre ich mir den Umschwung von der Scheuen zur Abenteurerin damit, dass meine Neugier eines Tages größer war als meine Angst …

Teile diesen Beitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.