Der Verhör-Spezialist

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Eine Ghostwriterei, in die ich „meinen“ Kriminalhauptkommissar Felix Tixel hineingeschrieben habe, der ja ebenfalls bei der Kripo in Fürstenfeldbruck arbeitet. Manchmal denk ich, wenn ich ihn nur oft genug in wahre Bücher schreibe … irgendwann gibt es ihn in echt. Dieter Bindig, der echte Kriminalhauptkommissar, hat mir erzählt, wie es bei der Kripo wirklich zugeht.

Nachfolgend ein Textauszug aus dem Buch Der Verhör-Spezialist

Ein Messer, fünf Männer, eine Frau und eine Brücke

Es war ein heißer, trockener Sommer gewesen, und obwohl sich den viele gewünscht hatten, jammerten alle. Auch nun, wo an den Abenden allmählich eine feuchte Kühle vom Fluss in die Stadt zog, wurde gejammert. Weil der Sommer viel zu schnell in den Herbst kippte. Weil es schon merklich früher dunkel wurde. Wer abends Eis essen ging, nahm eine Jacke mit in diesen ersten Septembertagen.

Die drei jungen Leute, zwei Männer und eine Frau, waren den ganzen Tag unterwegs gewesen, um Zeitschriften zu werben, als so genannte Drückerkolonne. Kein leichter Job, von morgens bis abends auf den Beinen und sich Türen vor der Nase zuschlagen lassen. Aber für manche eine Perspektive, ein Ausstieg aus Hartz-4 oder schlichtweg eine Beschäftigung. Die Frau des Trios war an diesem Tag überaus erfolgreich gewesen, und ihre gute Laune schwappte auf ihre Kollegen über. Mit dem älteren war sie seit einigen Wochen zusammen. Der zweite Kollege, ein achtzehnjähriger Neuling, war ein wenig geknickt, weil er nur wenige Zettel mit Unterschriften von Abonnenten hatte sammeln können.

„Ich geb’ dir was von meinen ab“, tröstete ihn die Frau, „Ich hab’ heute genug für zwei Tage.“

Das wollte der Jüngste zuerst nicht annehmen, doch als die Frau ihm vorschlug „Wenn du ein alter Hase bist, kannst du auch mal einem neuen Kollegen unter die Arme greifen“, freute er sich über das großzügige Angebot. „Gern!“

Die drei beschlossen, den Tag bei einem guten Essen ausklingen zu lassen. Nachdem sie geduscht hatten, verließen sie ihre Wohnung in Fürstenfeldbruck, wo sie für zwei Wochen untergebracht waren, um das Hinterland zu beackern. Zu Fuß nahmen sie den Weg in die Stadt. Schließlich wollten sie was trinken und nicht mit Alkohol am Steuer des Wagens vom Chef erwischt werden, den er ihnen für ihre Touren zur Verfügung stellte. Total nett, der Chef.

Die Brathendl waren knusprig, die Pommes schimmerten golden und nach einem langen Tag auf den Beinen schmeckte das Bier besonders süffig. Die drei tranken ein paar Halbe, nicht zu viel; sie wollten am nächsten Tag fit sein, um viele Zettel zu ergattern. Deshalb gingen sie auch bald nach Hause. So nannten sie die Absteige, in der kaum mehr als ihre Betten standen. Doch immerhin: eine eigene Wohnung. Der Chef war wirklich nett. Nicht so, wie die Typen von anderen Drückerkolonnen, die ihre Mitarbeiter bedrohten und auch mal verprügelten. Sie hatten Glück gehabt, alle drei.

Auf dem Heimweg stellten sie fest, dass sie gern noch was unternommen hätten, doch Fürstenfeldbruck ist ein kleines friedliches Städtchen, bald würden die Bürgersteige hochgeklappt. Die drei bummelten durch die Altstadt, schauten die Auslagen von Geschäften an, überlegten sich ernsthaft, was sie sich kaufen würden, wenn sie es könnten, und was nicht und warum, und verloren dennoch ihr Ziel nicht aus den Augen: die kleine Wohnung auf der anderen Seite der Amper. Gemütlich schlendernd näherten sie sich der Brücke …

Drei junge Männer im Alter zwischen 20 und 25 Jahren hatten den warmen Septembertag wie so oft an der Amper verbracht, an ihrer Stammbank. Sie hatten das gemacht, was sie meistens machten: Bier trinken, Zigaretten rauchen, ein bisschen kiffen, sich unterhalten, chillen eben. Keiner von ihnen hatte berufliche Verpflichtungen, sodass sie den späten Sommertag ausgiebig genießen konnten. Hin und wieder jobbten sie zwar in einer Autowaschstraße und einem Lager, aber nur, wenn es gar nicht anders ging. Heute ging es anders, und ihre Laune war hervorragend. Der schöne Tag sollte in einem richtig schönen Abend ausklingen, weshalb sie sich kurz vor Ladenschluss auf den Weg machten, Nachschub zu besorgen, denn ohne Alkohol kein gelungener Abend. In der Innenstadt von Fürstenfeldbruck gibt es keinen Getränkemarkt. So steuerte das Trio eine Tengelmannfiliale an. Jeder packte ein paar Flaschen Augustiner, und zur Feier des Tages gönnte man sich eine Flasche Wodka. Der Einkauf wurde ordentlich bezahlt – und dann, unmittelbar vor dem Geschäft, geschah das Unglück. Einer der drei wollte sich eine Zigarette anzünden, reichte seinem Kumpel die Wodkaflasche – und der ließ sie fallen. Mit einem lauten Knall zerbarst der wunderbare Abend auf dem Trottoir. Nachdem die drei sich kurz gegenseitig beschuldigt hatten, verbündeten sie sich gegen Tengelmann. Der war schuld. Deshalb würde er ihnen die Flasche auch ersetzen. Schließlich konnten sie nichts dafür, dass ihnen die aus der Hand gerutscht war. Das hatte die Kassiererin zu verantworten. Das Trio machte kehrt, um diese zur Rechenschaft zu ziehen. Die Angestellte hatte die drei jedoch nicht aus den Augen und Ohren gelassen und ahnte, was sie beabsichtigen. In fünf Minuten würde es vom Kirchturm 20 Uhr schlagen. Sie beschloss, sich die angekündigte Umtauschaktion zu sparen. Diese Filiale würde heute überpünktlich schließen. Sie sperrte dem Trio die Tür vor der Nase zu. Das gefiel den Männern gar nicht, aber sie beließen es bei einigen Flüchen von wegen Unverschämtheit, wie der Tengelmann seine Kunden behandelte, nie wieder würden sie dort einkaufen, wo man mutwillig den Wodka auf die Straße schleuderte. Der Tag war jetzt nicht mehr ganz so schön, denn es fehlte die Krönung: der Rausch am Abend. Aber noch war das nicht schlimm, der Alkoholpegel schwappte nach einem relaxten Chillen auf ihrer Bank an der Amper träge durch ihre Blutbahnen.

Was nun?

Da fiel einem der drei ein, dass er zu Hause eine Flasche Korn hatte. Für besondere Gelegenheiten. Die zwei anderen überzeugten ihn, dass heute diese besondere Gelegenheit wäre. Sofort stieg die Stimmung wieder. Der Abend war gerettet. Da fiel einem anderen ein, dass er seine Zigaretten an der Bank liegengelassen hatte. Es wurde beschlossen, noch einmal zurück zur Bank zu gehen, die Kippen zu holen und dann die Kornflasche des Kumpels zu leeren. Aber vorher konnte man ja noch ein Bierchen auf der Bank trinken. Wo der Sommer bald vorbei wäre, der Herbst schon seine Finger ausstreckte mit dünnen nebligen Schwaden, die von der Amper heraufzogen. Gemütlich schlendernd näherten sie sich der Brücke …

Das Wodka-Trio betrat die Brücke vor der Drückerkolonne und ging extrem langsam, sodass beide Trios in der Mitte der Brücke aufeinandertrafen. Und sich gegenseitig behinderten. Der Gehweg war nicht breit genug, um zu überholen. Das Wodka-Trio sah keine Veranlassung, Platz zu machen. Im Gegenteil, es verlangsamte sein Tempo.

„Geht doch mal schneller!“, verlangte einer der Männer aus der Drückerkontrolle.

„Wir rennen ja schon fast!“, behauptete einer vom Wodka-Trio.

„Ne, ihr seid am einschlafen!“

Noch war die Situation nicht gefährlich. Alles im grünen Bereich. Ein warmer Septemberabend, eine Flasche Korn in fast greifbarer Nähe, viele unterschriebene Zettel. Die Brücke ist nicht lang. Mit einem kleinen bisschen guten Willen hätte man sie leicht zu sechst überqueren können, ohne ein Menschenleben zu gefährden. Doch da begann die Frau in den Rücken des Wodka-Trios zu sticheln. „Ihr Schnecken habt wohl nichts Besseres zu tun, als arbeitende Leute aufzuhalten? Ihr lebt doch von unseren Steuern! Penner!“

„Lass mal, Bine“, versuchte ihr junger Kollege, dem sie einige ihrer Zettel geschenkt hatte, zu beschwichtigen.

Aber Bine ließ nicht. Sie machte weiter. Womöglich hatte sie zu viel Alkohol intus, um die Situation richtig einschätzen zu können. Die nun kippte, als sich die drei Vorderen umdrehten. Langsam. Aber noch nicht aggressiv. Eher neugierig. Nun hätte Bine schweigen sollen. Doch kaum lief das Wodka-Trio weiter, provozierte sie erneut. Am Ende der Brücke reichte es einem. Schwerfällig drehte er sich um, fixierte Bine und verpasste ihr wie in Zeitlupe ein Hirnbatzerl, wie man in Bayern sagt, einen Schnippser mit Daumen und Zeigefinger auf die Stirn. So würde man auch einen störenden Brotbrösel vom Tisch befördern. Womöglich wollte er mit diesem Stuppser eine Frage an ihr Hirnkastel stellen: Ist da jemand zu Hause?

Ja, es war jemand zu Hause, aber nicht die Person, die erwartet wurde. Wie eine Furie schrie Bine los. „Was fällt dir ein! Du Scheißpenner! Fass mich nicht an!“

Da konnte Bines Freund nicht tatenlos zusehen. Er sprang den Hirnbatzler an. Das wiederum konnte das Wodka-Trio nicht zulassen. Und so entwickelte sich am Ende der Brücke ein Gerangel. Der Neuling aus der Drückerkolonne wollte damit nichts zu tun haben. Er hatte längst die Straßenseite gewechselt, um Streitereien aus dem Weg zu gehen. Doch als sein Kollege auf dem Boden lag – es stand schließlich drei gegen zwei, wollte man die Frau überhaupt mitzählen, die schrie wie am Spieß – kehrte er zurück und zog einen vom Wodka-Trio beschwichtigend am Ärmel von seinem am Boden liegenden Kollegen weg. Was vom Wodka-Trio offensichtlich nicht gut geheißen wurde: Einer von ihnen sprang dem Jungen auf den Rücken. Während des Angriffs riss er sein Taschenmesser aus der Hosentasche, das er normalerweise nur zum Flaschenöffnen brauchte, und rammte es seinem Opfer in den Rücken. Einmal, zweimal. Auf Höhe der Lunge, am Schulterblatt und nah der Wirbelsäule.

Der Junge merkte das zuerst gar nicht, was ganz typisch ist für Stichverletzungen. Er verspürte lediglich einen Schlag und das Gewicht des Angreifers. Er schüttelte ihn ab und fasste sich dann instinktiv an den Rücken. Seine Hand wurde feucht und warm. Blut! Entsetzt schrie er los. Noch immer verspürte er keinen Schmerz.

„Scheiße, der hat mich abgestochen!“, brüllte der Junge. Schon sammelte sich Blut auf dem Asphalt.

Das Wodka-Trio suchte das Weite. Auf einmal konnten die drei sehr schnell gehen, sogar rennen. Sie verschwanden in Richtung Landratsamt.

„Ich ruf den Notarzt!“ Bine zückte ihr Handy.

„Das dauert zu lang“, widersprach ihr Freund Detlev. „Kannst du laufen?“, wandte er sich an den Verletzten.

„Ich spür’ nichts“, jammerte Flo. „Bin ich gelähmt?“

„Quatsch, du kannst doch gehen!“, rief Bine.

„Wir fahren dich ins Krankenhaus“, beschloss Detlev. Der Wagen des Chefs parkte nur dreihundert Meter entfernt . „So sind wir am schnellsten bei einem Arzt.“

In der Notaufnahme des Krankenhauses wurde festgestellt, dass die Verletzung sehr gefährlich war. Ein paar Millimeter weiter, und der Stich hätte die Lunge getroffen, was zu einem Zusammenfallen eines Lungenflügels geführt hätte – lebensgefährlich! Der junge Mann hatte großes Glück gehabt, die Wunde wurde versorgt und genäht. Man befürchtete keine schwerwiegenden Folgen. Dennoch musste er im Krankenhaus bleiben. Die Ärzte wollten wissen, wie es zu der Verletzung gekommen war, und verständigten dann die Polizeiinspektion, die den KDD rief. Der Fall wurde als versuchtes Tötungsdelikt mit drei unbekannten Tätern eingestuft, was ein hohes Ermittlungsaufkommen bedeutet.

Vom Brandler zum Töter

Mittlerweile hatte ich innerhalb des K1 von den Brandlern zu den Tötern gewechselt, wie es bei uns heißt. Ein Brandler kann bei den Tötern eingesetzt werden, während ein Töter keinen Brand bearbeitet, da dies zu viel Spezialwissen erfordert. Bei der Sitte, die ebenfalls Teil des K1 ist, können sowohl Brandler als auch Töter aushelfen. Natürlich sind für jeden Bereich Speziallehrgänge erforderlich.

Beim K1 gibt es jeden Morgen eine Frühbesprechung, in der die Fälle der Nacht vorgestellt werden, auch diejenigen, die das K1 nicht bearbeitet, als Informationsaustausch innerhalb der KPI. Zudem werden aktuelle Fälle des K1 besprochen. So ist man immer im Bilde, was die Kollegen gerade machen. Bei der Frühbesprechung werden in der Regel auch die neuen Fälle verteilt. Mein Kommissariatsleiter schob einen Packen Papier und ein paar Diktierhüllen mit besprochenen Bändern in meine Richtung. „Die Messerstecherei auf der Brücke“, sagte er wie eine Überschrift und dann seinen üblichen Spruch „Schaus dir mal an, und wennst noch wen brauchst, sagst mir Bescheid.“

„Da bräuchte ich zwei Teams“, forderte ich sofort an. Drei unbekannte Täter waren für ein Team nicht zu bewältigen.

„Wer hat Zeit oder Lust und unterstützt den Dieter?“, fragte unser Erster Kriminalhauptkommissar Alois Chefbauer.

„Ich bin dabei“, meldete sich mein Kollege Hauptkommissar Felix Tixel, und auch Oberkommissarin Claudia von Dobbeler nickte.

Sobald ein aktueller Fall reinkommt, wie nun diese Messerstecherei, wird der Schreibtisch im wahrsten Sinne des Wortes frei geräumt: Ich stapelte die aktuelle Arbeit in einem Regal. Die erste Zeit nach der Tat ist die wichtigste. In den ersten beiden Tagen wird am intensivsten ermittelt. Man versucht, möglichst schnell an Informationen zu gelangen. Je länger die Ermittlungen dauern, desto schwieriger ist es, die Täter zu ermitteln, das erleben wir oft, und es hat verschiedene Gründe. In den ersten beiden Tagen wird das Umfeld der beteiligten Personen abgegrast. Bedenkt man, dass ein Großteil aller Mordfälle Beziehungstaten sind, ergibt sich der schnelle Zugriff hier fast zwangsläufig. In den ersten beiden Tagen wird häufig auch mit mehr Personal ermittelt – und die Beamten sind hoch motiviert. Ein neuer Fall, eine neue Fährte. Wenn man zu lange im Trüben fischt, sich nichts tut, der Fall stockt, ist es schwieriger, sich immer wieder aufs Neue maximal zu motivieren. Wie gesagt: Polizisten sind auch Menschen. Das anfängliche Jagdfieber ist hoch und der Einsatz enorm, was sich in Überstunden niederschlägt. Anders ist der Arbeitsanfall gar nicht zu bewältigen. Nach zwei Tagen erweitern sich die Ringe um die Personen, man widmet sich auch entfernten Freunden, Familienmitgliedern und Bekannten, und das dauert. Wenn Sie selbst einmal überlegen, wen Sie alles weitläufig kennen … All diese Menschen zu befragen – ja, sie zuerst einmal ausfindig zu machen … das kostet viel Zeit.

Gelegentlich hört man von einer 48-Stunden-Regel, in der alles Wesentliche herausgefunden werden müsste. Wenn man einen Täter nicht innerhalb dieser Frist festnehme, würde es sehr lang dauern. Doch schon manche einfachen Untersuchungen benötigen mehr als 48 Stunden Zeit. Ein Blitz-DNA-Gutachten dauert zwei Tage. Aber man wartet natürlich nicht Däumchen drehend auf die Gutachten, die einem dann erklären, dass das Blut auf dem Asphalt nicht vom Opfer, sondern von einem toten Vogel stammt, der da irgendwann mal überfahren worden ist. …

Zweite Zeugenvernehmung Sabine Radeck

Sabine Radeck war vor einer Woche zwanzig Jahre alt geworden, sehr schlank, mit einem kantigen, verschlossenen Gesicht und kurzem, weißblond gefärbtem Haar. Mindestens zwei Dutzend Silberstifte staken in ihren Ohren, und in ihren Hals war ein Spinne tätowiert. Über der Schulter trug sie eine abgewetzte Lederjacke mit Nieten, ihre Cargohose hing irgendwo in den Kniekehlen. Trotz der warmen Temperaturen steckten ihre Füße in klobigen Stiefeln. Mit ihrem Erscheinungsbild verriet mir Frau Radeck schon sehr viel. Auf einen Nenner gebracht war sie dagegen, und zwar gegen alles. Also auch gegen mich.

Eine Schublade meinerseits? Natürlich. So wie auch Frau Radeck ihre Umgebung in Schubladen steckte, sonst müsste sie ja nicht kategorisch gegen alles sein. Immerhin kannte ich meine Schublade, die bei der Begegnung mit der Zeugin aufgesprungen war wie ein Klappmesser: schwierige häusliche Verhältnisse, womöglich Tochter einer allein erziehenden Mutter, Probleme in der Schule, vielleicht ohne Abschluss, vielleicht von zu Hause weggelaufen, Alkohol, Drogen. Eine traurige Lebensgeschichte und fast schon langweilig in der Folgerichtigkeit des Scheiterns – aus meinen Augen. Sabine Radeck, darüber war ich mir bewusst, würde eher meine Lebensgeschichte als traurig beurteilen. Schule, Beruf, Heirat, Beamter, Kinder, Spießer. Was für eine gescheiterte Existenz.

Stimmte mein Eindruck? Das würde ich herausfinden. Jedenfalls blieb die Schublade offen. Und auch die Schublade für die Drückerkolonne blieb offen. Bislang hatte ich noch nie mit jemandem aus einer Drückerkolonne persönlich zu tun gehabt. Ich konnte mich also lediglich auf ein Vorurteil stützen. Junge Leute ohne Berufsausbildung, nutzen die Gutgläubigkeit älterer und gutmütiger Bürgerinnen und Bürger aus, rücksichtslose Bedingungen innerhalb der Drückerkolonnen, keine Spur von angenehmem Betriebsklima.

Ich schließe prinzipiell nicht vom Aussehen einer Person auf ihren Charakter, ihre Glaubwürdigkeit. Ich schließe gar nichts, vor allem keine Schublade, wenn ein Fall noch so frisch ist. Ich bin Sachbearbeiter, nicht Beurteiler des modischen Geschmacks anderer. Mir ist es egal ob ein Punker oder Banker, Student oder Rentner, eine Obdachlose oder eine Dachgeschossbewohnerin geschlagen oder beraubt wird. Es spielt für mich erst mal keine Rolle, wer das ist. Wichtig ist, was er oder sie erlebt hat. Weshalb er oder sie nun bei uns ist. Das gilt auch für die Täter. Jedenfalls ist das mein Ziel. Ich möchte meine Kundschaft gleich behandeln. Das ist mein Job, und den will ich so gut wie möglich machen. Außerdem bin ich nicht derjenige, der darüber bestimmt, ob jemand schuldig ist. Ich bin derjenige, der die Beweise zusammenträgt. Und wenn man noch gar nichts weiß, gilt die Unschuldsvermutung.

Aber davon war ja in diesem Fall keine Rede, denn Frau Radeck war eine Zeugin, als Kollegin des im Krankenhaus liegenden Florian Gruber. Meine Kollegen von der Polizeiinspektion sollten sie und ihren Freund Detlev Sieber auf meine Bitte hin zu Hause abholen. Herr Sieber hatte an diesem Vormittag einen Termin auf dem Arbeitsamt und würde im Anschluss zu uns kommen. Mit dem Chef der beiden hatte eine Kollegin bereits telefoniert. Er hatte ihnen den Tag freigegeben, damit sie sich von dem Schock des nächtlichen Überfalls erholen konnten.

Frau Radeck kaute Kaugummi, als müsse sie damit das Rad der Welt in Schwung halten. Sie betrat das Vernehmungszimmer mit den Worten „Was’n los? Was gibt’s denn noch? Wieso holt ihr uns noch mal? Kann man nicht mal ausschlafen oder was?“

Holla, was ist das, fuhr es mir durch den Kopf. Dann sagte ich, obwohl der Vormittag schon weit fortgeschritten war: „Guten Morgen Frau Radeck. Mein Name ist Dieter Bindig. Ich bin der Sachbearbeiter von der Geschichte heute Nacht.“

Sie schleuderte ihre Lederjacke auf einen Stuhl und nahm unaufgefordert Platz. Da es der Stuhl war, auf dem ich sie ohnehin haben wollte, sagte ich nichts.

„Hab’ doch eh schon alles gesagt. Ich tät’ lieber ausschlafen. Ist verdammt spät geworden gestern. War noch lang im Krankenhaus.“

Ich setzte mich ebenfalls. „Haben Sie schon Kaffee getrunken?“

„Ich trink’ keinen Kaffee.“

Natürlich nicht. Gegen alles.

„Cola wär’ super.“
In der Hoffnung, mit einer Cola den barschen Beginn zu versüßen, holte ich eine Flasche und schenkte Frau Radeck ein. Sie beachtete das Glas nicht, was ich wiederum nicht beachtete. Stattdessen erklärte ich ihr, worum es ging, und dass wir nun eine Zeugenvernehmung machen würden. „Gestern Nacht war ja alles recht hektisch, und wir hatten wenig Zeit für Details.“

„Ich weiß nicht mehr als gestern. Also kann ich gleich wieder gehen.“ Sie stand auf.

„Langsam, langsam mit den jungen Pferden“, bremste ich sie.

Missmutig setzte sie sich wieder.

„Jetzt fangen wir doch einfach mal an, dann sind wir schneller fertig. Ich helfe Ihnen bei Ihrer Erinnerung. Wir finden bestimmt noch etwas, was Sie heute Nacht vergessen haben. Aber zuerst einmal müssen wir die Formalitäten erledigen.“

„Was denn für Formalitäten?“, murrte sie.

Ich schob ihr die Einverständniserklärung für die Tonbandaufzeichnung zu. „Bitte lesen Sie sich das durch, und schauen Sie, ob Ihre Personalien richtig aufgenommen wurden.“

„Ihr werdet euch bei der Polizei wohl nicht vertippen.“

„So was kann schon einmal vorkommen. Bitte lesen Sie auch die Belehrung durch.“

„Mann, das nervt!“

Ich überging ihr unhöfliches Verhalten, obwohl es in mir bereits zu brodeln begann. Genau das wollte sie erreichen. Den Gefallen würde ich ihr nicht tun. Ich wollte den Sachverhalt klären. Wenn ich mich auf ihre Spielchen einlassen würde und ihr die Antworten gäbe, die mir auf der Zunge lagen, würde ich von ihr kein einziges Detail hören. Es ging hier nicht darum, uns zu mögen oder nicht, es ging darum, den Täter zu ermitteln. Also stellte ich meine persönlichen Emotionen hintenan und nahm den Topf von der Flamme. Freundlich bat ich Frau Radeck „Erzählen Sie mir bitte den gestrigen Tagesablauf.“
„Wen interessiert der Tag? In der Nacht ist es passiert, ist das noch nicht zu Ihnen durchgedrungen?“

„Es ist wichtig für uns, dass wir die Verhältnisse kennen, wie Sie zu den beiden anderen Geschädigten stehen.“

Sie ließ eine Kaugummiblase platzen. Giftgrün, was sonst. „Also ich bin mit dem Detlev zusammen. Wir arbeiten seit ein paar Wochen in der Drückerkolonne.“

„Kannten Sie sich schon vorher?“

„Nö.“

„Also haben Sie sich während der Arbeit kennengelernt.“

„Sag ich doch!“

„Weiter.“

„Was weiter?“ Noch eine Kaugummiblase. „Okay, wir sind hier hauptsächlich in Bayern unterwegs. Wir dürfen mit dem Auto vom Chef fahren. Der sagt uns die Einsatzorte. Hin und wieder kriegen wir einen Neuen. Weil wir ja praktisch schon alte Hasen sind.“

„Ist der Florian Gruber ein solcher Neuer?“, fragte ich nach dem Opfer.

Sie nickte.

„Wie lange kennen Sie ihn?“

„Eine Woche, keine Ahnung.“

So kamen wir nicht weiter. Ich versuchte es mit Smalltalk zum Warmwerden mit einem Thema weiter weg vom Überfall. „Wie kommt es, dass Sie bei einer Drückerkolonne arbeiten?“

„Das geht Sie doch nichts an! Sie haben wohl Vorurteile? Typisch! Das hätte ich mir gleich denken können. Drückerkolonne ist Abschaum, oder?“

Smalltalkversuch gescheitert. „Noch habe ich keine Vorurteile, aber wenn Sie so weitermachen, bestätigen Sie vielleicht welche.“

„Hä? Wenn Sie keine haben, kann ich die nicht bestätigen.“

Ich änderte meine Taktik hin zu einem konkreten Frage-Antwort-Spiel. Dies war keine klassische Vernehmung einer Geschädigten, der ich mit bewährten Strategien helfen konnte, ihre Erinnerung zu aktivieren. Ich würde nun kurze Fragen stellen und präzise Antworten einfordern. In Gedanken bat ich den Kollegen vom KDD, der die Vernehmung von Sabine Radeck geführt hatte, um Verzeihung. Allmählich schwante mir, warum das Protokoll so dürftig und gänzlich ohne Details ausgefallen war.

„Wann sind Sie gestern von Ihrem Einsatz nach Hause gekommen?“

„Irgendwann am Nachmittag.“

„Frau Radeck, ich stelle Ihnen hier konkrete Fragen. Auf diese Fragen erwarte ich konkrete Antworten. Irgendwann am Nachmittag ist nicht konkret. Das kann zwischen 13:30 Uhr und 18:00 Uhr alles sein.“

„Ach, so lange haben Sie in Bayern Nachmittag?“

„Sie sind nicht beschuldigt. Sie sind die Kollegin des Geschädigten. Wollen Sie denn nicht, dass die Tat aufgeklärt wird? Es mag sein, dass Sie mit mir nicht zurecht kommen. Doch wenn Sie sich weiterhin so pampig geben, behindern Sie die Aufklärung eines Verbrechens.“

„Halb sechs.“

„Um 17:30 Uhr an Ihrer Wohnung in der“, ich schaute auf meine Unterlagen und nannte die Straße.

„Ja.“
„Und dann?“

„Was, und dann?“

„Umziehen? Duschen?“, bot ich ihr an.

„Ja,“

„Wie ist es dann weitergegangen?“

„Wir sind zum Essen.“

„Zu dritt?“

Sie ließ eine weitere Blase platzen und nickte. Ich hasse Kaugummis. Meine Grenze war hiermit überschritten. Ich drehte mich zur Seite, hob den Papierkorb hoch, hielt in ihr unters Gesicht und befahl: „Ausspucken.“

Der grüne Ekelbatzen landete auf dem Logo der Staatsanwaltschaft München. Frau Radeck schaute mich verblüfft an. Sie hatte den Kaugummi nicht hergeben wollen. Automatisch hatte sie auf meine Autorität reagiert.

„Wohin?“, fragte ich.

„Wienerwald.“

„Gab es einen Grund?“

„Ne, machen wir immer so.“

„Sie gehen also jeden Abend essen?“

„Nein.“

„Also gab es doch einen Grund?“

„Wir haben gefeiert.“

„Warum?“

„Weil der Tag gut gelaufen ist.“

Innerlich stellte ich mich auf eine längere Vernehmung ein als ich geplant hatte. Die Zeit rann mir buchstäblich durch die Finger. Ich hatte noch so viele andere dringende Sachen zu erledigen, aber das würde ich mir nicht anmerken lassen. Es rächte sich, dass ich die Zeugenvernehmung selbst durchführte. Ich würde später nacharbeiten müssen. Auffordernd nickte ich Frau Radeck zu.

„Wann sind Sie im Wienerwald angekommen?“

„Hab’ ich schon gesagt.“

„Nein, Sie haben gesagt, wann Sie an der Wohnung waren.“

„Na dann eben danach.“

„Wann genau danach?“

„So um fünf.“

„Das kann nicht sein, wenn sie um halb sechs in der Wohnung gewesen sein wollen.“

„Dann eben um halb sieben.“

„Also um halb sieben?“, wiederholte ich. Das erschien mir realistisch, falls die erste Zeit stimmt.

„Das weiß ich doch nicht mehr.“

„Sie haben das eben gesagt.“

„Wenn Sie das sagen.“

„Um halb sieben also?“

„Eher sieben.“

„Okay, um sieben. Gibt es vielleicht etwas, woran Sie das festmachen können?“

„Wie festmachen?“

„Fernsehprogramm?“

„In der Wohnung ist kein Fernseher.“

„Hatten die Geschäfte in der Stadt noch offen, als Sie sich auf den Weg zum Wienerwald machten?“

„Keine Ahnung.“

„Wer ist mit zum Wienerwald?“

„Blöde Frage, hab’ ich doch schon gesagt. Alle miteinander.“

„Was haben Sie beim Wienerwald gegessen?“

„Gibt’s da was anders als Hendl?“

„Wie lang hat das Essen gedauert?“

„Vielleicht eine Stunde. Oder zwei oder drei? Ich schau doch beim Essen nicht auf die Uhr!“

„Haben Sie was getrunken?“

„Glauben Sie, ich würg’ mein Hendl trocken runter?“

„Ich meine, ob Sie Alkohol getrunken haben?“

„Alkohol nicht, Bier schon.“

„Macht das für Sie einen Unterschied?“

„Natürlich! Für Sie vielleicht nicht? Bier ist doch kein Alkohol.“

„Schnaps schon?“

Sie lachte mich aus. „Klar. Schnaps ist Alkohol.“

„Haben Sie Schnaps getrunken?“

„Nein, das habe ich doch gerade gesagt! Hören Sie mir nicht zu? Keinen Alkohol, nur Bier.“

… War das die erste konkrete Auskunft? Gut, dass ich mich nach dem Lesen des Vernehmungsprotokolls nicht bei meinem Kollegen vom KDD beschwert hatte. Er hatte es in der Nacht wahrscheinlich noch schwerer gehabt mit Sabine Radeck. Sie mussten zu zweit drei Vernehmungen durchführen, davon eine im Krankenhaus, und die Fahndung einleiten.

Wenn man einer widerspenstigen Person gegenüber sitzt, darf man sich auf keinen Fall auf Provokationen einlassen. Man muss bei der Sache bleiben, Frechheiten wegstecken, Anspielungen ausblenden. Nie das Ziel vergessen: Sachinformationen sammeln. Sobald man auf Provokationen einsteigt, kann man die Vernehmung beenden. Da kommt nichts mehr dabei raus. Ist eine Zeugenvernehmung nicht mehr zu retten, geht man schon mal auf eine Provokation ein. Hin und wieder tut das richtig gut. Doch es ist der Kriminaler, der bestimmt, wann eine Vernehmung beendet ist, nicht die Kundschaft.

„Wie ist es dann weitergegangen?“, stellte ich meine Standardfrage.

„Wir wollten heim. Wir waren müde.“

„Sind Sie alle drei gleichzeitig und miteinander heimgegangen?“

„Wohin sollen wir denn sonst?“

„Sind Sie alle drei gleichzeitig und miteinander heimgegangen?“

„Ja.“

„Wie spät war es?“

„Keine Ahnung.“

„Ungefähr?“

„Fragen Sie doch Ihre Kollegen. Die haben alles aufgeschrieben.“

„Was ist dann auf dem Nachhauseweg passiert?“

„Wir sind über die Brücke gegangen, und dann sind die drei von hinten gekommen und haben dem Flo ein Messer in den Rücken gerammt.“

„Einfach so?“

„Keine Ahnung, was denen an uns nicht gepasst hat.“

Sie kreuzte die Arme vor der Brust.

„Und sonst?“, fragte ich. „Haben die was gesagt?“

„Nö.“

„Gab es vorher Streit oder Ärger?“

„Nö.“

„Die haben also einfach zugestochen?“

„Ja.“

„Wo sind die denn hergekommen?“

„Woher soll ich das wissen, die waren ja hinter uns.“

„Wenn die hinter euch waren, habt ihr sie vielleicht vorher überholt oder sitzen oder stehen sehen? Vielleicht waren die am Brunnen bei der Sparkasse?“, fragte ich nach einem bei jugendlichen Rumhängern beliebten Treffpunkt in Fürstenfeldbruck.

„Nö.“

„Und wieso sticht dann einer mit dem Messer zu aus heiterem Himmel?“

„Das weiß ich doch nicht. Das müssen Sie ihn schon selber fragen.“

„Wie geht es dem Flo jetzt?“, fragte ich. Es schien ihr egal zu sein. Womöglich hatte es innerhalb der Drückerkolonne Streit gegeben?

„Der liegt noch immer im Krankenhaus. Er ist operiert worden. Dem tut alles weh. Gestern in der Notaufnahme hat er sogar gekotzt. Dem geht es echt Scheiße.“

Es war mir bekannt, dass das Kotzen in gewissen Kreisen als unwiderlegbares Zeichen körperlichen Unwohlseins gilt. Wer kotzt, simuliert nicht. Schlimmer geht’s nicht.

„Haben Sie nach der Operation mit ihm gesprochen?“

„Wir waren noch ein bisschen bei ihm, aber er ist nicht aufgewacht. Der hat geschlafen wie zugedröhnt. Und irgendwann hat uns ein Arzt rausgeworfen.“ Sie erhob die Stimme. „Das ist doch echt das Letzte oder, dass die uns einfach rausschmeißen! Kein Mensch hat uns gesagt, was mit ihm ist.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Ha, ha. Ist nicht so schlimm, haben Sie gesagt. Aber so viel Blut. Das sah echt Scheiße aus.“

„Wie verstehen Sie sich denn mit dem Flo?“

„Der ist ganz nett. Aber wir kennen ihn ja noch nicht lang.“

„Haben Sie schon mal gestritten?“

„Nö. Der macht immer, was wir ihm sagen.“

„Hat er schon eine Reisegewerbekarte?“

„Wenn Sie jetzt so daherkommen, können wir gleich aufhören.“

„Bei uns geht es um Mord, nicht um die Reisegewerbekarte. Ich habe danach gefragt, weil ich wissen wollte, wie Ihr Chef den Flo einschätzt. Ob das auf Probe ist oder von Dauer.“

„Woher soll ich das wissen? Da müssen Sie den Chef fragen. Also der Floh, das ist zur Probe. Da bin ich mir echt sicher.“

Was wissen wir bisher? Eigentlich nur, dass die Vorurteile über Drückerkolonnen zu stimmen scheinen? Welche Möglichkeiten erkennen Sie, sich der Geschädigten wenn schon nicht positiv, so doch zumindest neutral? Man kann an jedem Menschen etwas Liebenswertes oder wenigstens Neutrales finden – wenn man es wirklich möchte und danach sucht. Das ist die einzige Chance, die Sie haben, in Kontakt zu kommen. Wenn Sie andere ablehnen, wird Ihnen das nicht gelingen. Also lernen Sie, an jedem Menschen, dem Sie begegnen, mindestens eine positive Eigenschaft zu finden. Der blöde Kollege, der dauernd beim Chef petzt? Immerhin kümmert er sich um seine kranke Mutter. Der nervige Nachbar und sein Rasenmäher? Zu unserem Garten hat er uns sein Partyzelt geliehen. Die viel zu strenge Mathelehrerin des Sohnes? Beim Abschied hat sie mich sehr nett angelächelt. Machen Sie es sich zur Aufgabe, in den nächsten Tagen an jedem, wirklich jedem Menschen etwas Positives zu finden. Mindestens eine Eigenschaft! Tun Sie das so lange, bis es automatisch geschieht. So wie Sie beim Autofahren den Blinker setzen, wenn Sie abbiegen, finden Sie an jedem Menschen mindestens eine positive Eigenschaft. Auch so werden Sie zum guten Polizisten, denn dies hilft Ihnen, in Stresssituationen einen objektiven Blick zu bewahren und sich nicht hinreißen zu lassen, eine Schublade vorschnell zuzuschlagen. Je länger Sie die Schubladen offen halten, desto intensiver schulen Sie Ihre Menschenkenntnis.

Ich dachte mir: Mit 19 Jahren in einer Drückerkolonne unterwegs, da hat die junge Frau einiges hinter sich. Die meinte das nicht persönlich, wenn sie so schnoddrig auftrat. Die ist halt so. Wenn meine Töchter in einem solchen Ton mit mir sprechen würden, da würde es aber rumpeln. Doch dieses Mädel vor mir – was wusste ich von ihr, um ihr das wirklich übel zu nehmen? Was wusste ich von ihren Erfahrungen, die sie womöglich mit Autoritäten und Behörden gemacht hatte? Und solche Riesenkaugummiblasen, die musste man erst mal hinkriegen, ohne sich beim Platzen die Wimpern zu verkleben.

Wenn ich unser Gespräch dazu nutzen würde, die Schublade endgültig zu schließen, würde ich jede Chance verspielen, doch noch in Kontakt mit der Zeugin zu kommen. Ich würde genau das erhalten, was ich erwartete. Freche Antworten ohne Aussage. Ich aber wollte mir die Perspektive bewahren, dass es besser werden konnte. Schließlich ging es um ein versuchtes Tötungsdelikt. Ich behielt mein Ziel im Auge.

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